Wirtschaft : Day-Trading: Wall-Street-Verlierer ziehen vor Gericht

Walter Pfaeffle

Vor drei Jahren gab Fred Cook seinen Job als Marketing-Mann einer Hospitalkette auf und stieg bei der Firma All-Tech Direct als "Day-Trader" ein. Er war fest davon überzeugt, eine kluge Entscheidung getroffen zu haben. Zu dem Entschluss habe ihn eine Anzeige verleitet, sagt Cook heute. Die Verdienstmöglichkeiten von Day-Tradern mit den erforderlichen Sachkenntnissen, habe da schwarz auf weiß gestanden, seien unbegrenzt. Ein Jahr später war Cook nicht nur zwölf Monatsgehälter los, sondern auch mehr als das Doppelte seiner Startinvestition von 50 000 Dollar.

Ein Day-Trader kauft Aktien und verkauft sie in der Regel innerhalb eines Handelstages wieder. Dabei versuchen die Eintagsspekulanten, selbst aus kleinsten Kursveränderungen Gewinne zu erzielen. Die Sippe der Day-Trader wurde von der im Frühjahr vergangenen Jahres einsetzenden Baisse-Bewegung weggespült. Jetzt tauchen sie wieder auf, aber nicht an der Wall Street, sondern vor den Gerichten. Wie nikontinkranke Raucher, die irreführende Werbung der Zigarettenkonzerne für ihre Leiden veranwortlich machen, wollen Day-Trader das verlorene Geld mit Hilfe der Gerichte zurückholen.

Cook und fünf andere Personen, darunter seine Frau, haben Klage angestrengt. Sie verlangen von der in Montvale im US-Staat New Jersey ansässigen Firma die Rückzahlung von insgesamt 375 000 Dollar und zusätzliches Bußgeld in nicht genannter Höhe. Sollten sie damit durchkommen, könnte eine Welle ähnlicher Klagen in Bewegung kommen. Eine Day-Trading-Firma besteht in der Regel aus nichts anderem als einem Großraum, in dem Händler dicht gedrängt vor Rechnern sitzen - ein idealer Nährboden für Verletzungen der Wertpapiergesetze, sagen Kenner der Branche. Die Kläger um Cook sind die ersten, die den Beweis dafür erbringen wollen.

Hilfe von der Handelsaufsicht

Unterstützung kommt von den jüngsten Maßnahmen der Aufseher. Anfang des Monats haben sich fünf Day-Trading-Firmen mit dem Bundesverband der Wertpapierhändler darauf geeinigt, Regelverletzungen wie unzulässige Darlehen und irreführende Werbung gütlich beizulegen. Vergangene Woche einigte sich zudem das Unternehmen All-Tech außergerichtlich mit den Aufsichtsbehörden: Ohne sich für schuldig zu bekennen, verpflichtete sich die Day-Trading-Firma, wegen ähnlicher Verstöße 600 000 Dollar zu zahlen. Außerdem muss der All-Techs-Chef 50 000 Dollar Strafe zahlen und darf zwei Wochen lang keine Wertpapiergeschäfte betreiben.

Cook und seine Mitkläger behaupten, dass Day-Trading-Firmen ihren Händlern nicht nur Zugang zum Aktienmarkt verschaffen, sondern den Zockern Reichtum versprechen und die Händler dazu ermuntern, die Einschussregeln (margin requirements) zu umgehen. Darunter versteht man die Quote, die ein Anleger auf seinen Wertpapierbesitz nicht beleihen kann. In Cooks Fall habe das Unternehmen sogar Kauf- und Verkaufsempfehlungen abgegeben mit dem einzigen Ziel, höhere Provisionen zu kassieren. All-Tech habe nie darauf hingewiesen, dass die meisten Day-Trader Geld verlieren, behauptet Cook.

Eine All-Tech-Anzeige im Jahr 1998 machte Cook offensichtlich den Mund wässrig. Sie habe ihn davon überzeugt, dass er seinen Job aufgeben und für seine Familie mit den Gewinnen aus den Börenspekulationen versorgen könne. Im Mai 1998 habe er All-Tech mehr als 1000 Dollar für einen Ausbildungskurs gezahlt, sagte Cook. All-Tech habe ihn danach angewiesen, zwei Konten anzulegen: ein eigenes und ein weiteres im Namen seiner Frau, um auf diese Weise die Einschussbestimmungen zu umgehen. Cook machte weiter geltend, dass der Manager der All-Tech-Branche vom Börsenparkett aus Anweisungen zum Kauf und Verkauf von Aktien gegeben hat. Das seien Anlageempfehlungen und All-Tech sei deswegen für seine Verluste veranwtortlich. Die Klage gegen All-Tech kommt am 28. Juni vor einen Schlichtungsausschuss. Day-Trader in ganz Amerika dürften die Ohren spitzen.

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