Wirtschaft : DBAG: Deutsche Börse geht im Frühjahr an die Börse

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Die Deutsche Börse AG (DBAG) will noch im ersten Halbjahr 2001 an die Börse gehen. Entsprechende Pläne des Börsenvorstands wurden gestern vom Aufsichtsrat abgesegnet. Im Januar sollen auch die Aktionäre in einer außerordentlichen Hauptversammlung dem Börsengang zustimmen. Die Aktien sollen aus einer Kapitalerhöhung und von den Altaktionären stammen. Sie und damit vor allem die Banken, die derzeit über 80 Prozent der Aktien halten, sollen einen Teil ihrer Anteile abgeben. Die Erlöse aus dem Börsengang sollen für Investitionen genutzt werden. Gleichzeitig will sich die DBAG mit den Aktien quasi eine eigene Währung schaffen, um im Bedarfsfall andere Börsen übernehmen zu können und für Fusionen bereit zu sein. Die Aktien der DBAG sollen im amtlichen Handel der Frankfurter Börse notiert werden.

Details über den Börsengang nannte Aufsichtsratschef Rolf Breuer, zugleich Vorstandssprecher der Deutschen Bank, nach der Sitzung nicht. Dem Vernehmen nach soll das Grundkapital der DBAG um 20 bis 25 Prozent erhöht werden. Die Börse, heißt es in Frankfurt, wolle mit den Einnahmen unter anderem Handelsplattformen im Internet aufbauen. 40 Prozent der Aktien sollen angeblich an Kleinaktionäre gehen. Über den möglichen Erlös aus dem Börsengang machten Breuer und DBAG-Vorstandschef Werner Seifert keine Angaben. Analysten haben im vergangenen Jahr den Wert der Börse auf etwa 4,5 bis 7,2 Milliarden Mark geschätzt. Seifert betrachtet den Börsengang als wichtigen Schritt, "um die Stärken der Deutschen Börse weiter zu entwickeln".

Deutsche Bank führt Börse aufs Parkett

Organisiert werden soll der Börsengang der DBAG von der Deutschen Bank und der US-Investmentbank Goldman Sachs. Die Deutsche Bank selbst ist mit 14 Prozent größter Aktionär der DBAG. Derzeit betreibt die Deutsche Börse den Parketthandel in Frankfurt und das elektronische Handelssystem Xetra in Frankfurt, Dublin und Wien. Daneben ist sie gemeinsam mit der Züricher Börse Eigentümer der Eurex, der größten Terminbörse der Welt. Und die DBAG kümmert sich mit Tochtergesellschaften um die Abwicklung der Börsengeschäfte.

Eigentlich wollte die DBAG schon im Sommer vergangenen Jahres an die Börse gehen - unter dem Namen Euroboard. Doch wegen der kläglich gescheiterten Fusion mit der Londoner Börse wurden die Pläne zurückgestellt. "Wir müssen den geplanten Börsengang voraussichtlich bis Anfang 2001 verschieben, um dann nach einer gewissen Integrationsphase mit einem noch attraktiveren Unternehmen anzutreten", sagte Börsenchef Seifert damals. Jetzt verwirklicht er seinen damaligen Plan, allerdings in abgespeckter Version, nicht unter dem Namen Euroboard und mit weniger Elan. Schließlich ist die DBAG nicht mehr die entscheidende Kraft in der Konsolidierung der europäischen Börsenlandschaft. In Euronext haben sich Paris, Amsterdam und Brüssel zu einer ersten paneuropäischen Börse zusammengeschlossen. Die schwedische Börsengruppe OM mischt ebenfalls mit, und das auch von deutschen Großbanken gestützte elektronische Handelsystem Tradepoint will jetzt als Virt-x voll in den Börsenhandel einsteigen. Insofern hält sich die Aufregung in Frankfurt über den Börsengang der Börse in Grenzen.

Gleichwohl stimmt die Mehrzahl der Banker und Beobachter dem Gang aufs Parkett zu. Mark Wahrenburg von der Uni Frankfurt sieht mit dem Börsengang die Chance, dass das zu starre öffentlich-rechtlich Börsensystem in Deutschland aufgebrochen wird. "Wir brauchen eine Deregulierung der Börsenlandschaft ähnlich wie im Telekommunikations- und Energiebereich." Andere Beobachter befürworten den Börsengang, weil er den Handlungsspielraum des Börsenvorstands erweitert. Endlich biete sich die Chance, dass sich die Deutsche Börse von den Banken, vor allem von der Deutschen Bank befreie. Banken halten derzeit 81 Prozent der Anteile an der DBAG.

Risiken für Kleinaktionäre

Allerdings gibt es auch skeptische Stimmen. Christian Strenger, Ex-Geschäftsführer der Fondsgesellschaft DWS Investment und Mitglied diverser Aufsichtsräte, etwa hält eine Streuung der Aktien im breiten Publikum für problematisch: Während Kleinaktionäre auf Kurssteigerungen und hohe Gewinne hoffen, müsse die Börse aus Wettbewerbsgründen ihre Preise weiter deutlich senken. Das führe zu Konflikten. Unter dem Strich ist der Börsengang der Börse mit Blick auf das breite Publikum nach Ansicht von Strenger mit zu vielen Risiken verknüpft.

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