• Debatte um Arbeitslose: Mehr fördern, mehr fordern: Wie sich der Arbeitsmarktforscher Günther Schmid maßgeschneiderte Angebote für Jobsuchende vorstellt

Wirtschaft : Debatte um Arbeitslose: Mehr fördern, mehr fordern: Wie sich der Arbeitsmarktforscher Günther Schmid maßgeschneiderte Angebote für Jobsuchende vorstellt

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Der Berliner Politikwissenschaftler Günther Schmid sieht im Vorstoß des Bundeskanzlers, Verweigerern die Unterstützung zu versagen, nicht den richtigen Weg. "Zum Fordern gehört auch das Fördern", sagt Schmid. "Um den Arbeitslosen tatsächlich zumuten zu können, Arbeit und Ausbildungsplätze anzunehmen, sollten auch von der Arbeitsverwaltung gute, auf die Person zugeschnittene Fördermaßnahmen vorhanden sein." Das sei nicht immer der Fall.

"Ich würde den Kanzler so interpretieren, dass es ein wechselseitiges Geben und Nehmen zwischen Arbeitsämtern und Arbeitslosen geben sollte", so Schmid, der Direktor am Wissenschaftszentrum ist. So könnten sich zum Beispiel beide Seiten in einem Arbeitssuchvertrag verpflichten. Dann wäre nachprüfbar, ob sich die Arbeitslosen an ihre Pflichten gehalten haben.

Die Praxis, dass ein Arbeitsloser erst nach sechs Monaten Arbeitslosigkeit eine Fortbildung machen darf, hält Schmid nicht für sinnvoll. "Das Entscheidende ist, dass man viel frühzeitiger mit der Einschätzung beginnen muss, ob jemand langzeitarbeitslos zu werden droht." Es müsse sofort individuelle Förderung angeboten werden. Dann könne man auch von den Arbeitslosen mehr Beteiligung verlangen.

Für eine Änderung ihrer Arbeit müssten sich die Arbeitsämter gehörig umstellen. Derzeit sind sie mehr mit Verwaltungsaufgaben beschäftigt als mit aktiver Vermittlungstätigkeit. "Es sind aber schon gewaltige Änderungen im Gange", sagt Schmid.

Das Selbstlob des Kanzlers, die Arbeitslosigkeit sei Dank der Politik der Bundesregierung auf dem niedrigsten Stand seit 1995, teilt Arbeitsmarktforscher Schmid nur partiell. "Die Minderung der Arbeitslosigkeit geht zum Teil auf die Arbeit der Regierung zurück, an erster Stelle die Steuerreform, aber auch auf die verbesserte Wirtschaftslage und, das muss man auch sagen, auf den Rückgang der Erwerbsbevölkerung." Aus Gründen der Demographie gingen derzeit mehr Ältere in Rente als Jugendliche einträten: "Das entlastet den Arbeitsmarkt erheblich." Der Rückgang der Arbeitslosenzahlen im vergangenen Jahr sei um ein Viertel bedingt gewesen durch diesen Rückgang des Arbeitsangebotes.

Es gebe noch viel mehr offene Stellen als die 600 000 offiziell gemeldeten, meint Schmid. "Man muss noch einmal etwa das Dreifache hinzunehmen. Die Arbeitsämter haben ja nur einen Marktanteil von rund 30 Prozent." Insgesamt seien mindestens 1,5 Millionen Stellen frei. Bei den Langzeitarbeitslosen schwinde aber die Beschäftigungsfähigkeit, auch der Mut. Deswegen sei es so dringlich, sie so früh wie möglich zu fördern.

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