Wirtschaft : Dem Eurotunnel geht das Geld aus

Verhandlungen mit Gläubigern sind gescheitert. Der Betreiber des Kanaltunnels meldet Insolvenz an. Jetzt entscheiden die Gerichte

Bernd Hops

Berlin - Seit 1994 hat der Eurotunnel an einem schweren Geburtsfehler laboriert, in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag erlag er ihm. Der Betreiber des Eisenbahntunnels unter dem Ärmelkanal zwischen Frankreich und Großbritannien geht in die Insolvenz. Zu drückend wurde die Schuldenlast. Die Verhandlungen zwischen dem Eurotunnel-Management und den Gläubigern über eine mögliche Umschuldung scheiterten am Widerstand einer von der Deutschen Bank geführten Gruppe von nachrangigen Kreditgebern. Dabei feierte Eurotunnel gerade erst den 100-millionsten Fahrgast.

Eurotunnel-Chef Jacques Gounon machte vor allem die Deutsche Bank für das Scheitern der Gespräche verantwortlich. Eine Sprecherin der unter dem Namen Arco zusammengefassten Gläubiger sagte dagegen dem Tagesspiegel: „Eine Einigung könnte erzielt werden. Das ist allein eine Frage des guten Willens und der Zeit.“ Schon seit längerem habe man ein Treffen von Management und Gläubigern gefordert. Es sei aber klar, dass die zwei Runden vom Dienstag und Mittwoch zu kurz für eine Einigung gewesen seien.

Betroffen sind 2300 Beschäftigte und rund 800 000 Aktionäre. Am Donnerstag beantragte das Unternehmen beim Pariser Handelsgericht Gläubigerschutz. Eine Entscheidung soll bis Ende Juli fallen. Der Betrieb läuft derweil weiter.

Das Problem des Eurotunnels seit Beginn der Planungen in den 80er Jahren waren aber die kategorischen Forderungen der damaligen britischen Premierministerin Margaret Thatcher, dass das Projekt ohne jeden staatlichen Zuschuss auskommen müsse – sowohl beim Bau als auch beim Betrieb. Die Baukosten fielen aber deutlich höher aus als ursprünglich veranschlagt. Dafür lagen die Einnahmen durch die Nutzungsgebühren für die Zugbetreiber unter den Erwartungen. Die Fährdienste erwiesen sich als starke Konkurrenz, zumal die Züge auf britischer Seite noch lange nur im S-Bahn-Tempo fahren konnten. Seit Jahren war deshalb absehbar, dass Eurotunnel kaum eine Chance hatte, seinen Schuldenberg von etwa neun Milliarden Euro auch nur ein wenig abzutragen. Ohne Umschuldung stand die Pleite für Anfang 2007 fest, obwohl Eurotunnel seine Einnahmebasis dadurch zu verbreitern versuchte, indem man auch selber in das Transportgeschäft einstieg.

Drei große Investmentbanken – Goldman Sachs, Macquarie und Barclays – erarbeiteten einen Rettungsplan für den Eurotunnel. Die Institute wollten 1,45 Milliarden Euro zur Sanierung beisteuern, die Reduzierung der Schulden um 54 Prozent erreichen – und 87 Prozent der Anteile übernehmen. Der Plan wurde von Eurotunnel-Chef Gounon unterstützt. Die Gläubiger-Gruppe Arco legte jedoch einen Gegenentwurf vor, weil sie nach eigenen Angaben sonst aus dem Eurotunnel herausgedrängt worden wäre. Gounon reagierte auf diesen Vorwurf kühl und sagte, dass sich Arco bei einem Insolvenzverfahren kaum besser stehen dürften.

Im Jahr 2004 hatten Kleinaktionäre unter der Führung des Journalisten Nicolas Miguet den Aufstand gewagt, um die Pleite abzuwenden. Die damalige Geschäftsführung wurde abgesetzt. Doch auch das neue Management an der Spitze schaffte die Wende nicht, scheiterte wiederum am Widerstand der Gläubiger und musste nach wenigen Monaten abtreten. Seit Februar 2005 versuchte der damals weitgehend unbekannte Industriemanager Gounon sein Glück.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben