Wirtschaft : Dem russischen Bären sind die Zähne gezogen

BETSY MCKAY

MOSKAU .Wie sich Zeiten ändern.Als Jewgenij Primakow, der militärbegeisterte Premierminister Rußlands, seine Reise nach Washington abbrach, um gegen die Nato-Luftangriffe zu protestieren, nahm die Welt dies gebührend zur Kenntnis.Und dann warfen sie die Bomben trotzdem.Nur wenig mehr als vor einem Jahr war Primakow in der Lage, die amerikanische Außenministerin Madeleine Albright um zwei Uhr morgens für Gespräche über den Irak von Indien nach Genf zu rufen.Am vergangenen Mittwoch gelang es ihm kaum, die internationale Öffentlichkeit zu bewegen - der jüngste Beleg dafür, wie weit Rußland von seinen Tagen als Supermacht entfernt ist.

Präsident Boris Jelzin war wenig mehr Glück beschieden.Der kranke Präsident eilte am Mittwoch zum erstenmal seit einem Monat wieder in den Kreml, um zum allerletzten Mal Präsident Bill Clinton aufzurufen, "diesen tragischen, dramatischen Schritt zu unterlassen".Noch bedrohlicher war Jelzins Drohung, die Kooperation zwischen Rußland und der Nato zu beenden, indem er sagte, er sei "tief bestürzt" über die Bombardierung.Doch dieses Säbelrasseln ruft die Besorgnis hervor, ob die weltgrößte Atommacht am Rande des Zusammenbruchs steht.Rußland berief seine Botschafter nach dem Luftangriff der USA und Großbritanniens auf den Irak ab - und schickte sie eine Woche später wieder zurück.

Als diesmal die Bomben und politischen Erklärungen fielen, war die größte Sorge in Hinsicht auf Rußland in der Tat nicht, ob Moskau Kampfflugzeuge zu Serbiens Verteidigung schicken würde.Die Frage war vielmehr, wie man die schwache Volkswirtschaft unterstützen könnte.Primakow mag bei seinen kommunistischen Anhängern im Parlament Anerkennung dafür gewonnen haben, daß er sein Flugzeug umdrehte, als er gerade die Küste Nordamerikas erreichte.Doch setzte er damit viel aufs Spiel.Denn es ist die Frage, wie lange Rußland es noch schafft, Geld zusammenzukratzen, bevor es in Zahlungsverzug gerät.

Primakow dürfte sich die politische Verlegenheit erspart haben, von Washington nach Moskau mit leeren Händen zurückzukehren, weil die für die vergangene Woche angesetzten Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) kaum Aussicht auf die Zusage weiterer Kredite hatten.So zumindest äußerten sich Leute, die mit den geplanten Verhandlungen vertraut sind.Die Absage der Reise wird "keine Auswirkung auf die Verhandlungen Rußlands" mit dem IWF haben, beeilte sich der amerikanische Finanzminister Robert Rubin zu sagen."Ziel ist weiterhin, über den Inhalt und die Struktur des russischen Budgets eine Vereinbarung zu erarbeiten." Unterdessen reiste IWF-Chef Michel Camdessus am Sonnabend nach Moskau, um über die Kreditzahlungen zu verhandeln.Er wird unter anderem mit Primakow und Zentralbankchef Viktor Geraschtschenko sprechen.

Rußland muß in den kommenden Monaten im Rahmen seiner Auslandsschulden hohe Summen zahlen.Der größte Brocken sind 1,2 Mrd.Dollar an den IWF, die im Juli fällig werden.Vorher muß Rußland dem Fonds jeden Monat zwischen 295 Mill.Dollar und 370 Mill.Dollar zahlen.Rußland ist diesen Zahlungsverpflichtungen bislang pünktlich nachgekommen.Zudem muß Rußland in den kommenden vier Monaten Beträge über 827 Mill.Dollar überweisen und im Mai außerdem 1,6 Mrd.Dollar an die Inhaber der sogenannten MinFin-Darlehen zahlen, um Bank-Schulden aus der Sowjet-Ära, zu begleichen.Analysten erwarten, daß es voraussichtlich erneut zur Umschuldung kommt.

Russische Politiker warnten, sie seien zum Druck riesiger Beträge neuen Geldes, der Aussetzung des Schuldendienstes oder der Aufnahme neuer Kredite im Ausland gezwungen, sollte es bis Ende April zu keiner Übereinstimmung mit dem IWF kommen.Die Befürchtung, daß es einen solchen Ausgang nehmen wird, hat die russische Währung hart getroffen: Der Kurs des Rubels fiel nach der Absage der IWF-Verhandlungen stark.Der Rubel schloß in der vergangen Woche im Handel auf der Straße und im nicht offiziellen Bankenverkehr auf einen Tiefststand seit der faktischen Abwertung im vergangenen August.Der offizielle Wechselkurs, der von der Zentralbank gesetzt wird, blieb hingegen konstant.

Jelzin äußerte sich drastisch zum Beginn der Bombardierung.Wenn der Konflikt sich verschärfe, behalte sich Rußland das Recht vor, "angemessene Maßnahmen, unter anderem militärischen Charakters, zu ergreifen, um seine eigene Sicherheit und die allgemeine europäische Sicherheit zu gewährleisten".Ein anderer russischer Politiker hatte eine realistischere Sicht auf die begrenzten Möglichkeiten Rußlands.Der Moskauer Bürgermeister Jurij Luschkow, der sich auf die russischen Präsidentschaftswahlen vorbereitet, räumte dies jenseits aller politischen Rhetorik ein: "Rußland hat keine anderen Mittel als die Diplomatie zur Verfügung.Als Folge der Planwirtschaft und der Militärpolitik der vergangenen zehn Jahre hat Rußland aufgehört, ein starkes Land zu sein."

Übersetzt, gekürzt und redigiert von Karen Wientgen (Willkommen und Rußland), Svenja Rothley (Duisenberg) und Birte Heitmann (Ein Mann für alle Fälle).

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