Demografischer Wandel : Arbeit ohne Ende

Die Menschen werden älter und der Nachwuchs in der Wirtschaft dünner. Sind Roboter die Zukunft? Oder müssen Arbeitnehmer länger fleißig sein?

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Während die Zahl der über 80-Jährigen bis 2030 bundesweit um fast 50 Prozent steigen wird, werden immer weniger Kinder geboren.
Während die Zahl der über 80-Jährigen bis 2030 bundesweit um fast 50 Prozent steigen wird, werden immer weniger Kinder geboren.Foto: Oliver Berg/ dpa

In einer Finca in der Toskana sitzen und all die Bücher lesen, für die man nie die Zeit gehabt hat. Eine schöne Vorstellung von den Jahren im Alter. Nur sieht die Wirklichkeit anders aus. Noch nie haben so viele ältere Menschen in Deutschland gearbeitet wie heute. Von 2012 bis 2014 stieg die Zahl der Erwerbstätigen zwischen 60 und 64 Jahren von 46,5 Prozent auf 52,6 Prozent. Innerhalb von zehn Jahren hat sich dieser Anteil mehr als verdoppelt, innerhalb der letzten 20 Jahre verdreifacht. Es ist ein Trend, der schon länger existiert und der sich weiter fortsetzen wird.

„Deutschland ist inzwischen auf einem ähnlichen Niveau wie die USA“, sagt Norbert Schneider, Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungswissenschaft. „Auch der Abstand zu Ländern wie Korea und Japan, die einen deutlich höheren Anteil an Erwerbstätigen bei älteren Menschen haben, hat sich seit 2012 deutlich verringert.“ Welche Auswirkungen das auf den Arbeitsmarkt und das gesellschaftliche Leben hat, diskutieren Norbert Schneider und weitere Experten momentan beim Berliner Demografie Forum.

Alte wollen eine Aufgabe haben

Bei der Frage nach Erklärungen werden schnell finanzielle Gründe genannt. Stichwort Altersarmut. Es gibt aber auch einen anderen Hintergrund: Die Menschen wollen ihre geistige Fitness und den Kontakt zu anderen im Ruhestand nicht verlieren. Sie wollen weiterhin eine Aufgabe haben, sich nicht überflüssig fühlen. „Der Anteil der Älteren, die weiterarbeiten, ist vor allem unter Hochqualifizierten sehr hoch“, sagt Schneider. Ob jemand im hohen Alter noch etwas leisten wolle, hänge stark davon ab, welche Sinnhaftigkeit und welche Selbstverwirklichung er in seinem Berufsleben rückblickend sehe.

Bis 2030 soll die Zahl der über 80-Jährigen bundesweit um fast 50 Prozent steigen. Das wären mehr als 6,3 Millionen. Gleichzeitig nimmt die Geburtenrate ab. In den Betrieben und Konzernen fehlt der Nachwuchs. Deswegen meinte Manfred Knof, Allianz-Deutschland-Chef, bei der Eröffnung des Berliner Demografie Forums (BDF) am Mittwoch: Die finanzielle Absicherung von alten und pflegebedürftigen Menschen und die Umgestaltung unserer Arbeitswelt seien neben der Integration von Flüchtlingen die großen Themen unserer Zeit. So stellen sich die Fragen: Wie können die fehlenden Arbeitskräfte ersetzt werden? Sind Roboter die Zukunft? Oder muss der Mensch länger fleißig sein?

Demografie und Digitalisierung

Volker Deville, Organisator des BDF und Leiter Zukunftsthemen bei der Allianz Deutschland, geht ein Gedankenspiel durch: „Stellen Sie sich vor, dass es eines Tages vielleicht 70-jährige Kollegen gibt, die von Mallorca aus mit dem Tablet die Schadenbearbeitung für die Allianz machen.“ Das sei vielleicht eine hypothetische, aber keine unrealistische Idee.

Die Gesamtheit der Digitalisierung werde den Beruf und das private Leben der Menschen noch viel mehr durchdringen als sich das heute jemand vorstellen könnte. Die Arbeitszeitgestaltung dürfte flexibler werden – Themen wie die Rente müssten neu diskutiert werden. „Wenn wir inzwischen zehn Jahre länger leben als noch vor 50 Jahren, und das auch mit besserer Gesundheit, dann macht ein früheres Rentenalter wirklich keinen Sinn. Selbst die Rente mit 67 wird nicht ausreichen“, sagt er. „Die Menschen im Jahre 2078 werden länger arbeiten müssen.“

Grundsatzrede von Müntefering

Jemand, der das Ende der Arbeitszeit ebenfalls zur Diskussion stellt, ist Franz Müntefering, einst Bundesarbeitsminister und Vize-Kanzler. Um das Rentenniveau zu halten, müsse der Staat investieren. Künftig werde die Zahl der Beitragszahler weiter sinken und die der Rentenempfänger weiter steigen. „Was jemand während seiner Arbeit einzahlt und was er dafür später bekommt, muss aber im Verhältnis zueinander stehen“, sagte er in seiner Grundsatzrede am Mittwoch. Vielleicht träumt ja doch noch jemand von der Finca in der Toscana. Wobei Müntefering nur trocken meinte: „Die Demokratie ist kein Schaukelstuhl.“

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