Demokratisierung : Deutsche Wirtschaft könnte Vorbild in Nordafrika sein

Deutsche Firmen haben in der arabischen Welt einen guten Ruf. Sie können ihren Einfluss nutzen, um den Demokratisierungsprozess in Nordafrika zu unterstützen. Auch der DGB engagiert sich.

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Proteste. In Kairo demonstrieren immer noch Tausende auf dem Tahrir-Platz. Foto: dpa
Proteste. In Kairo demonstrieren immer noch Tausende auf dem Tahrir-Platz. Foto: dpaFoto: dpa

„Wir spüren die Veränderung nicht“, brüllen die Demonstranten. „Wir kommen auf den Tahrir-Platz zurück!“ Dort, wo die Ägypter im Februar friedlich ihren Präsidenten Husni Mubarak gestürzt hatten, demonstrierten am Freitag wieder tausende Menschen. Die Revolutionen in Nordafrika sind nicht vorbei. Die politische Lage ist immer noch unsicher, nicht nur in Libyen, sondern auch dort, wo das Volk die Diktatoren schon verjagt hat, wie in Tunesien und Ägypten. Zur Entwicklung demokratischer Strukturen können auch deutsche Firmen vor Ort beitragen: als Vorbilder für soziale Gerechtigkeit und betriebliche Teilhabe.

„Deutsche Firmen genießen in der arabischen Welt einen sehr guten Ruf“, sagte Ali M. Thunyan al Ghanim, Vizepräsident der arabisch-deutschen Handelskammer Ghorfa, kürzlich beim deutsch-arabischen Wirtschaftsforum in Berlin. „Es herrscht großer Respekt und Vertrauen.“ Das liege nicht nur daran, dass sich die Deutschen nicht als Kolonialherren unbeliebt gemacht hätten, erläutert Felix Neugart, stellvertretender Bereichsleiter International des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), sondern auch daran, dass sie meist bessere Löhne zahlten und bessere Sozialleistungen, Versicherungen und Pensionszulagen böten als regionale Arbeitgeber. „Da gibt es meist strenge Vorgaben aus Deutschland und eine Selbstverpflichtung.“

Deutsche Unternehmen sind vor allem in der Öl- und Gasindustrie engagiert, aber auch in der Textil-, Elektro- und Automobilindustrie, im Tourismus und in der Medizintechnik. 66 deutsche Firmen sind nach Angaben der Bundesbank mit Direktinvestitionen in Ägypten engagiert, 169 in Tunesien. Die Außenhandelskammern (AHK) zählen einige mehr, weil sie auch Joint Ventures mit ägyptischen Mehrheitsbeteiligungen sowie Niederlassungen im Handels- und im Dienstleistungsbereich berücksichtigen. Dax- Konzerne wie Bayer, BASF, Siemens oder Thyssen-Krupp sind darunter, aber auch viele Mittelständler. Daimler und BMW haben Montagestandorte, der Handelskonzern Metro betreibt zwei Märkte und beschäftigt in Ägypten 700 Mitarbeiter.

„Deutsche Arbeitgeber können beim Aufbau einer sozialen Marktwirtschaft eine wichtige Rolle spielen“, sagte Ghorfa-Präsident Thomas Bach in Berlin. „Sie können bei der Herausbildung realistischer Vorstellungen helfen.“ Die anhaltenden Streiks und Demonstrationen hätten auch etwas mit übertriebenen Erwartungen zu tun. „Die Bevölkerung darf nicht erwarten, dass sich alles in wenigen Monaten lösen lässt.“

Mit einem Maßnahmenkatalog versuchen die Außenhandelskammern in Ägypten und Tunesien nun, den Transformationsprozess zu flankieren. So soll beispielsweise das duale Ausbildungssystem mit bislang 2000 Auszubildenden ausgebaut und ägyptische Ausbilder weitergebildet werden, um das Lehrangebot zu verbessern. Zwar bringe das Bildungssystem viele Absolventen hervor, erläutert Felix Neugart vom DIHK, die hätten jedoch wenig für den Beruf gelernt. „Unternehmen, die sich dort ansiedeln, finden oft keine geeigneten Mitarbeiter.“

Außerdem gibt es in Kooperation mit den politischen Stiftungen in Kairo nun Workshops für Unternehmer und Gewerkschafter zum konstruktiven Umgang miteinander. Das soll helfen, wilde Streiks und überzogene Forderungen der Tarifparteien zu vermeiden. Mit einer solchen Streikwelle kämpft vor allem Tunesien noch immer. Das lähmt die Wirtschaft. In der Euphorie des erfolgreichen Protests müsse man „den Menschen erst mal erklären, dass es auch einen Streikfrieden gibt“, sagt Katrin Laskowski vom Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft.

Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund will einen Beitrag leisten. Gemeinsam mit den Vertretern der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in Nordafrika will der DGB den Aufbau unabhängiger Gewerkschaften in der Region stärken. „Die Aufgabe ist jetzt, aus Aktivisten eine Organisation zu formen“, sagt DGB- Chef Michael Sommer. Häufig scheitere es an den einfachsten Dingen. „Man stellt sich das so esoterisch vor“, sagt er. „Aber oft geht es nur darum, zwei Menschen an einen Tisch zu bringen, oder einen Kopierer zu besorgen, um Infomaterial zu verteilen.“ Gerade die jungen Leute, die die Revolution getragen haben, finden dort eine Anlaufstelle und Beratung in Sachen Tarifverhandlungen. Die Hilfe werde sehr gut angenommen, berichtet Felix Eikenberg, Vertreter der FES in Ägypten. „Auch die Arbeitgeber freuen sich häufig, wenn sie mit jemandem reden können.“

Während die Entwicklung in Tunesien und Ägypten ganz gut anläuft, ist die Lage in Libyen völlig unabsehbar. Als sechstwichtigster Öllieferant Deutschlands war Libyen auch für deutsche Firmen interessant. Rund 30 waren vor Ort, wie Bilfinger Berger, Siemens, Hochtief und die BASF-Tochter Wintershall, die den Großteil der im vergangenen Jahr in Nordafrika erlösten 1,7 Milliarden Euro in Libyen umsetzte. Seit Ende Februar aber stehen die Förderbänder still, BASF rechnet inzwischen nicht mehr damit, die Förderung in diesem Jahr wieder aufnehmen zu können.

Auch aus Tunesien und Ägypten hatten deutsche Firmen Anfang des Jahres ihre Mitarbeiter ausgeflogen. Sie sind alle zurückgekehrt. Bis auf zwei Metro- Märkte, die bei Demonstrationen in Ägypten beschädigt wurden, gab es kaum Schäden. Metro beispielsweise will seine Aktivitäten sogar ausweiten. Kein Unternehmen hat Nordafrika wegen der Unruhen verlassen. Allerdings haben einige Mittelständler ihre Investitionsvorhaben verschoben, sagt Felix Neugart. Sie wollen lieber abwarten, wie sich die politische Lage entwickelt.

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