Wirtschaft : Den Arbeitskampf vermeiden

ALFONS FRESE

6,5 Prozent auf der einen, 2,5 Prozent auf der anderen Seite - zwischen den Tarifparteien in der Metallindustrie liegt ein breiter Graben.In einer Woche endet die Friedenspflicht, die IG Metall kündigt bereits Warnstreiks an.Rutscht der wichtigste deutsche Industriebereich in einen Arbeitskampf? Die Reaktionen aus dem Gewerkschaftslager auf das Arbeitgeberangebot scheinen keinen anderen Schluß zuzulassen.Doch Drohgebärden gehören ebenso zum Geschäft, wie Untergangsszenarien und schließlich Marathonsitzungen die Nächte hindurch.Abfällig wird dieses Procedere gern als Tarifritual bezeichnet - aber wie anders sollte ein Abschluß gefunden und anschließend den eigenen Truppen verkauft werden können?

Die Arbeitgeber sind in einer schwierigen Situation: In den ersten zehn Monaten des vergangenen Jahres stieg die Produktion der Metallfirmen um 9,6 Prozent, die Produktivität immerhin um 7,2 Prozent.Vor diesem Hintergrund kommt die 6,5-Prozent-Forderung der IG Metall zustande.Doch diese Wachstumsraten sind Vergangenheit.Der Export bricht ein, die Konjunktur insgesamt ist äußerst labil.Ein tiefer Schluck aus der Lohnpulle würde die Wettbewerbsfähigkeit, damit Absatz und Beschäftigungsstand der Betriebe beeinträchtigen.Dabei stellen auch die Arbeitgeber die Berechtigung eines spürbaren Reallohnzuwachses nicht in Frage; bei einer erwarteten Inflationsrate von rund einem Prozent in diesem Jahr ist das auch leicht erreichbar.Doch nach Jahren relativer Bescheidenheit wollen die Metaller mehr, notfalls per Streik.Wenn die Arbeitgeber mit einer zwei vor dem Komma aus dem Tarifpoker gehen wollen, müssen sie bei der Einmalzahlung - mit der gewissermaßen die Beschäftigten an den Gewinnen aus 1998 beteiligt werden sollen - etwas tiefer in die Tasche greifen.Die Verknüpfung dieser Einmalzahlung mit der Ertragslage der Firmen ist indes mit der IG Metall aus grundsätzlichen tarifpolitischen Gründen nicht zu machen.Aber gerade deshalb ist die IG Metall am Zug, Vorschläge zu machen, wie die differenzierte Lage der Branche berücksichtigt wird.Denn beim Daimler ist eine andere Lohnerhöhung möglich als in einer Metallbude im Thüringer Wald.





Stichwort

Die Metallindustrie



Die Metall- und Elektroindustrie (M+E) ist der größte industrielle Arbeitgeber Deutschlands.3,5 Millionen Menschen verdienen in diesem Wirtschaftsbereich ihren Lebensunterhalt.In der Tarifpolitik hat die M+E-Industrie eine Leitfunktion und übernimmt bei großen Tarifschlachten wie etwa dem Streit um die 35- Stunden-Woche die Vorreiterrolle.Im Tarifpoker geht es um Milliardenbeträge.1997 betrug die Lohn- und Gehaltssumme der Branche nach Zahlen von Gesamtmetall mehr als 230 Mrd.DM.Ein Prozent Lohnzuwachs summiert sich somit auf 2,3 Mrd.DM.Insgesamt setzte die M+E-Industrie rund 1065 Mrd.DM (1997) um.

Die M+E-Industrie umfaßt mehr als ein Dutzend Branchen, darunter Auto-, Maschinen- und Schiffbau, aber auch Feinmechanik, Luft- und Raumfahrzeugbau.Im Rampenlicht stehen zwar meist die Großkonzerne.Tatsächlich ist die M+E-Industrie aber stark mittelständisch geprägt.Nur 2,6 Prozent der Unternehmen haben mehr als 1000 Mitarbeiter und 3,7 Prozent 500 bis 1000 Arbeitnehmer.68 Prozent der Firmen beschäftigen dagegen nur ein bis 100 Arbeitnehmer und 25 Prozent 100 bis 500.Die meisten Jobs bieten aber größere Unternehmen: Fast 53 Prozent der Metaller arbeiten in Betrieben mit 500 Mitarbeitern und mehr.Seit 1991 sank die Zahl der Beschäftigten um über 1,4 Millionen.Im Osten gingen fast 550 000 Stellen verloren, im Westen rund 900 000.1998 legte die Beschäftigtenzahl um 70 000 zu.Die Gewinnlage der M+E-Industrie hat sich 1998 deutlich verbessert, 1997 lag die durchschnittliche Netto-Umsatzrendite der West-Betriebe bei 2,4 Prozent.Auf einen Tiefstand war sie im schlimmen Rezessionsjahr 1993 mit 0,6 Prozent gerutscht.Die größten Gewinne strich die Branche in den 60er Jahren ein.So erreichte die Netto-Umsatzrendite 1969 mit 4,9 Prozent einen Spitzenwert.

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