Wirtschaft : Den Crash hat Wall Street verdrängt

WALTER PFAEFFLE

NEW YORK .An der Wall Street blickt man nicht gern zurück.Von dem Minicrash, der am Dienstag vor einem Jahr die Anleger verschreckt hatte, ist nur eine Statistik übrig geblieben.Die bekannten Kommentatoren und Gurus erwähnten das Ereignis mit keinem Wort.Dabei war der Dow-Jones-Index für 30 Standardwerte am 27.Oktober 1997 immerhin um 554 Punkte gefallen, mehr als sieben Prozent.

Punktverluste in der Größenordnung hat es seitdem an einem Handelstag nicht mehr gegeben.Der Einbruch war nicht, wie damals befürchtet, das Ende der längsten Hausse an der Wall Street gewesen.Im Gegenteil.Der Dow sollte die Höchstmarke von 9338 Zählern erst am 17.Juli erreichen.Danach kam die Wende.Hohe Schwankungsbreiten der Kurse waren seitdem die Regel.Sie kennzeichneten die Börsensituation bis zur ersten Zinssenkung am 27.September: Die Notenbank Federal Reserve (Fed) nahm den Leitzins des Geldmarktes um 0,25 Prozentpunkte zurück.Der Diskontsatz blieb unverändert.Das war den meisten Börsianern in Anbetracht der Sorgen um eine Kreditklemme zu wenig.Der Fed kam offensichtlich auch zu diesem Schluß.Zwei Wochen nach dem ersten Schritt ließ Fed-Chef Alan Greenspan den zweiten Schuh fallen.Beide Leitzinsen wurden um jeweils 0,25 Prozentpunkte gesenkt.Die Währungshüter standen offensichtlich unter Zugzwang.Der Dow Jones war in nur sechs Wochen seit dem 17.Juli um über 19 Prozent eingeknickt und der technologielastige Nasdaq-Index hatte gar ein Minus von 25 Prozent erlitten.Eine anhaltende Baisse könnte das Verbrauchervertrauen erschüttern, zumal mehr als 40 Prozent aller amerikanischen Familien in irgendeiner Form am Aktienmarkt engagiert sind.

Mit den Zinssenkungen hat der Fed die Volatilität spürbar eingeschränkt.Der Dow Jones zog am Donnerstag um 123 Punkte auf 8495 an.Bis zum Juli-Gipfel fehlen nur noch 843 Punkte.Die Amerikaner kaufen wieder Aktien.Nach der jüngsten Erhebung des Investment Company Institute haben Investoren im September 6,5 Mrd.Dollar an die Börse getragen.Im August war noch ein Mittelabfluß registriert worden.Anleger, die ihr Geld in ausgewählte Aktien investiert haben, sind gut gefahren.

"In" waren nach dem Crash vor allem Technologiewerte.Nach der August-Schwäche haben sie erneut die Führung übernommen.Glänzend hat sich IBM entfaltet.Gut gefahren sind die Anleger auch mit Titeln wie Intel.Unter die Räder kamen Halbleiterhersteller.Mineralölaktien standen unter dem Druck fallender Ölpreise.Und ganz hinten auf den Verliererbänken saßen Ölbohrgesellschaften.Es reichte diesmal nicht aus, einfach auf seinem Portfolio sitzen zu bleiben.Nur wer den richtigen Riecher hatte, kann heute Geld zählen.

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