Wirtschaft : Den Dampf auf der Lokomotive lassen

Scheidender Bahn-Chef Heinz Dürr zieht Bilanz / Im laufenden Jahr sollen weitere 24 000 Stellen gestrichen werden BERLIN (alf).Der scheidende Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG, Heinz Dürr, hat am Mittwoch in Berlin eine weitgehend positive Bilanz der bisherigen Bahnreform gezogen."Wir fahren aus einer steinigen Schlucht langsam in lichtere Höhen, müssen aber den Dampf auf der Lokomotive lassen", sagte Dürr im Anschluß an eine Aufsichtsratssitzung der Bahn, bei der Wirtschaftsstaatssekretär Johannes Ludewig einstimmig zum Nachfolger Dürrs gewählt wurde.Ludewig wird zum 1.Mai Vorstandsmitglied und dann am Tage der Hauptversammlung, dem 9.Juli, Vorstandsvorsitzender.Dürr soll dann an die Spitze des Bahn-Aufsichtsrats wechseln; der gegenwärtige Aufsichtsratschef Günther Saßmannshausen legt sein Mandat nieder. 1996, in ihrem dritten Jahr als privatwirtschaftlich organisiertes Unternehmen, setzte die Bahn 30,2 Mrd.DM (plus 400 Mill.DM) um.Das Konzernergebnis vor Steuern erhöhte sich um 20 Prozent auf 700 Mill.DM, darin enthalten sind allerdings 200 Mill.DM aus dem Anteilsverkauf der Telekommunikationstochter DBKom.Bei der AG stieg der Umsatz um 1,8 Prozent auf 24,1 Mrd.DM, das Betriebsergebnis wurde mit 300 Mill.DM angegeben.Für das laufende Jahr erwartet Dürr steigende Umsätze sowie einen Gewinn auf Vorjahreshöhe. Der scheidende Bahnchef machte folgende "Reformbilanz" für die vergangenen drei Jahre auf: Der Konzern mache heute sechs Prozent mehr Umsatz als im letzten Behördenjahr (1993), die Verkehrsleistung sei um zehn Prozent gestiegen, die Zahl der Fahrgäste um 16 Prozent.Seit 1994 seien 41 Mrd.DM investiert worden.Schließlich habe die öffentliche Hand - gemessen an der Fortschreibung des Zustands vor der Bahnreform - 16 Mrd.DM gespart.Dürr zufolge belief sich der Bundeszuschuß im vergangenen Jahr auf 12,7 Mrd.DM, davon 7,5 Mrd.DM für Investitionen und 5,1 Mrd.DM für Altlasten bei der Reichsbahn.Dürr räumte ein, daß der Güterverkehr stagniere; das hänge allerdings auch mit der konjunkturellen Lage zusammen: "Wenn eine Tonne Stahl weniger produziert wird, sinkt das Transportvolumen um drei Tonnen", so Dürr.Zweifellos sei jedoch zu wenig im Güterverkehr investiert worden. Zu den umstritten Streckenplänen sagte der Bahn-Chef, es gebe keinen Beschluß über Stillegungen.In Zuge des Projekts "Netz 21" bemühe sich die Bahn um eine besser Nutzung der Strecken.In 28 000 Kilometer werde "voll investiert"; bei 7000 Kilometern Nahverkehrsschienen "gibt es Potential".Hier müsse mit den Bundesländern gesprochen werden, um zu klären, ob dort Busse oder Bahnen fahren sollten.Die verbleibenden 5000 Kilometer seien "echte Schwachlaststrecken"; auch hier müsse mit den Ländern gesprochen werden, ob sich der "Erhaltungsaufwand" lohne.Dürr zufolge liegen die meisten schwächeren Strecken in Ostdeutschland.In einer aktuellen Stunde befaßte sich am Mittwoch auch der Bundestag mit dem Thema.Der Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Johannes Nitsch, erklärte, es gebe keine konkreten Stillegungspläne. Über die künftige Mitarbeiterzahl sagte der Bahn-Chef, es gebe "große Überhänge im Netz, in der Infrastruktur, im Werkbereich und im Bahnbau".Ende vergangenen Jahres beschäftigte die Bahn konzernweit 288 500 Mitarbeiter, das waren 24 000 weniger als im Vorjahr.Für das laufende Jahr kündigte Dürr Stellenstreichungen in ähnlicher Größenordnung an.Er betonte das Ausbildungsengagement: nach der Neueinstellung von 4200 Azubis bilde die Bahn jetzt 17 000 Personen aus, die Ausbildungsquote liege damit bei sieben Prozent.Einzelne Bereiche betreffend teilte die Bahn mit, der Umsatz im Fernverkehr sei 1996 um rund 4 Prozent auf knapp 5,4 Mrd.DM gestiegen.Der Nahverkehr erlöste rund 11 Mrd.DM (plus 4 Prozent).Im laufenden Jahr erwartet die Bahn hier besondere Herausforderungen, da der überwiegende Teil der mit den Ländern geschlossenen Verkehrsverträge ausläuft.Dürr erwartet eine "spürbare Konkurrenzsituation", da die Länder verstärkt ausschreiben würden.

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