Wirtschaft : Den Deutschen fehlt die Gewinnerkultur

BERND ZIESEMER

Neid ist ein ganz normales Gefühl, das jeder aus seiner Kindheit kennt.Übersteigerte Mißgunst aber kann sich in eine gefährliche Mischung aus Haß und Selbsthaß verwandeln.Manche Menschen sind aus unterschiedlichen Gründen neidischer als andere, wie jeder Psychologe bestätigen wird.Aber gilt das nicht auch für größere Gruppen von Menschen und ganze Nationen?

Die Diskussion darüber gilt in Deutschland als Tabuthema.Ökonomen und Politiker beschäftigen sich beispielsweise so gut wie nie mit der Frage, warum die Amerikaner freimütig über ihr Einkommen Auskunft geben, während die Deutschen selbst engsten Freunden nichts über ihr Gehalt verraten.Wer lange im Ausland gelebt hat, dem fallen noch mehr Unterschiede zwischen den Völkern ins Auge.Japaner würden sich zum Beispiel zutiefst schämen, wenn sie in der Öffentlichkeit neidische Gefühle gezeigt hätten.Die Zerstörung der Gruppenharmonie durch Mißgunst oder Miesmacherei ist in Japan streng verpönt.Obwohl die individualistische Leistungsgesellschaft in den USA als genaues Gegenbild zum ostasiatischen Gruppengeist gilt, wird der Neid auch dort gesellschaftlich geächtet: Wer "negativ denkt", erfreut sich keiner stillschweigenden Zustimmung unter seinen Bekannten wie in Deutschland, sondern wird zum Psychologen geschickt.

Umgekehrt kann man Rußland sicherlich als eine der neidischsten Nationen der Welt bezeichnen: Jeder Kleinunternehmer gilt im Volk automatisch als Mafia-Mitglied, hämische Reden über "reiche Idioten aus dem Ausland" sind in Moskau gang und gäbe.Bis heute hat sich in Rußland ein alter Witz gehalten, der die regelrechte Pogromstimmung gegen selbständige Bauern einfängt: Was wünscht sich ein armer russischer Landbewohner, wenn ihm eine Zauberfee einen Wunsch erfüllen will? "Zünde das Gehöft meines Nachbarn an und vernichte all sein Vieh." Aus Angst vor dem weitverbreiteten Neid haben weder Michail Gorbatschow noch Boris Jelzin je eine politische Parole ausgegeben wie der chinesische Parteichef Deng Xiaoping: "Reich zu werden ist glorreich." Wahrscheinlich war die Perestrojka in der ehemaligen Sowjetunion nicht zuletzt deshalb auch viel weniger erfolgreich als die Wirtschaftsreform in China.Offenbar gibt es einen Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Innovationsfähigkeit und gesellschaftlicher Anerkennung von Reichtum: Neid ist mit anderen Worten eine gefährliche Bremse für wirtschaftlichen Fortschritt.

Vielleicht kann man sogar von einer internationalen Neidskala sprechen, je nach dem Ausmaß der Mißgunst in verschiedenen Ländern.Deutschland liegt dabei meiner Meinung nach gefährlich nah am roten Bereich, auch wenn wir von russischen Zuständen noch weit entfernt sind.Anders als die Japaner schämen sich die Deutschen nicht besonders, wenn sie abfällig über andere herziehen.Höflichkeit und gesellschaftliche Etikette, die als Schutzmauer gegen öffentliche Äußerungen der Mißgunst dienen könnten, spielen bei uns keine Rolle mehr wie in Japan.Wir sind bereits zu individualistisch, um uns als angepaßte Mitglieder sozialer Gruppen zu verhalten.In Deutschland fehlt aber umgekehrt auch eine Gewinnerkultur wie in den USA: Wir sind also nicht individualistisch und selbstbewußt genug, um ein größeres Vermögensgefälle zu ertragen, ohne neidisch zu werden.Wer Deutschland von außen betrachtet, erkennt die Anzeichen der grassierenden Mißgunst sofort: Das allgemeine Anspruchsdenken ist zu groß, die öffentliche Anerkennung von Spitzenleistungen zu klein.In vielen Medien macht sich ein modischer Haß- und Hämejargon breit, der immer mehr Prominente ins Ausland treibt.In den Schulen tobt unter Jugendlichen ein neidischer Kampf um Statussymbole, der zu einer Gewaltspirale führt.Mißgünstige Sabotage am Arbeitsplatz wird zu einem immer größeren Problem in vielen Unternehmen.Seit der Wiedervereinigung hat sich das deutsche Neidklima durch den Dauerkonflikt zwischen Ossis und Wessis noch weiter aufgeladen.

Der "Besserverdienende" ist zum öffentlichen Kampf- und Kardinalbegriff der deutschen Mißgunst geworden.Bezeichnenderweise ist dieses deutsche Wort mit all seinen versteckten Obertönen kaum in andere Sprachen übersetzbar.Gut die Hälfte aller Deutschen reagiert mit "spontaner Antipathie" auf diesen Begriff, wie die Demoskopen ermittelten.Das Wort selbst erzeugt schon Ablehnung: Der "Besserverdienende" ist "etwas Besseres", deshalb geht es "uns schlechter".Die "Besserverdienenden" - das sind immer die anderen.Dabei merkt inzwischen jeder Facharbeiter bei seiner Lohnabrechnung, daß die steigende Steuerbelastung keineswegs nur die ganz Reichen trifft.

Am stärksten leiden unter dem deutschen Neidklima keineswegs die Superreichen, die sich hinter hohen Villenmauern wirksam vor allen Manifestationen der Mißgunst verstecken können.Vor allem junge Aufsteiger aus ärmeren Bevölkerungsschichten werden durch den Neid ihrer Umgebung stark behindert.Existenzgründer sind besonders betroffen: "Wir sind eine Fünf-Mann-Innovationsfirma und stehen noch am Anfang", beklagten sich beispielsweise die Gründer eines Kleinunternehmens in Meersburg: "Trotzdem bekommen wir schon Neid zu spüren.Allein deswegen, weil wir neue Ideen haben."

Seit einiger Zeit wird in Deutschland viel über eine "neue Kultur der Selbständigkeit" geredet.Ohne mehr Unternehmer wird es auch nicht mehr Jobs geben, gestehen heute selbst die Grünen in ihrem Mittelstandsprogramm ein.Für junge Existenzgründer aber ist gesellschaftliche Akzeptanz viel wichtiger als staatliche Hilfe: Wer sich in seinem persönlichen Umfeld ständig gegen neidische Vorurteile verteidigen muß, wird keine neuen Arbeitsplätze schaffen können.Die fähigsten deutschen Existenzgründer wandern deshalb immer noch in die USA aus.Der Neid auf die "Superreichen" macht aus diesem Grund am Ende alle in Deutschland ärmer.



Neuerscheinung: Bernd Ziesemer, "Die Neidfalle - Wie Mißgunst unsere Wirtschaft lähmt", Campus Verlag, 39,80 DM

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