Wirtschaft : Der amerikanische Supermarkt der Finanzgeschäfte

CHRISTOPHER RHOADS

Die Citicorp-Travelers-Fusion ist der größte Test für das Allfinanz-Konzept / Doch sogar American Express scheiterte damitVON CHRISTOPHER RHOADSDie neue Citigroup Inc.mag in den USA visionär erscheinen, in Europa ist sie ein alter Hut.Und zwar einer, den nicht jede europäische Bank anprobieren oder gar aufbehalten möchte.Wenn die Erfahrungen, die Europa mit der Bündelung von Dienstleistungen gemacht hat, nur teilweise von Bedeutung sind, hat die Citigroup, entstanden aus dem 77,6 Mrd.Dollar-Deal zwischen Citicorp und Travelers Group Inc., vielleicht Grund zur Sorge. Europäische Banken haben in den vergangenen 30 Jahren das Ziel verfolgt, eine Vielzahl von Dienstleistungen an Kunden weiterzuverkaufen, doch bisher hat niemand ein Modell präsentiert, wie dies effektiv funktionieren könnte, betont Graham Gould von der Londoner Unternehmensberatung Renaissance Worldwide."Das erweckt den Eindruck, daß die Banken dabei nicht besonders gut sind - oder daß die Kunden es nicht wollen." Lange war es in Europa üblich, die Banken so zu gestalten, daß der Kunde seine Bankgeschäfte wie seine Einkäufe erledigt - alles unter einem Dach.Dabei kann der Bankkunde eine Lebensversicherung unterschreiben, Geld abheben, Aktien kaufen, die Hypothek zahlen und die Kreditkarten-Rechnung begleichen.Alles an einem Ort. Theoretisch klingt das gut.Praktisch hat der "Supermarkt für Finanzdienstleistungen" gemischte Resultate erbracht.Es ist deshalb nicht überraschend, daß die Aktienkurse von Citicorp und Travelers nach dem Höhenflug am vergangenen Montag wieder sanken, sobald den Investoren dies klar wurde.Die Aktien der Citicorp fielen 14,625 Dollar (8,1 Prozent) und schlossen bei 165,875 Dollar in New York, während die Travelers-Aktien um 4,625 Dollar (6,3 Prozent) auf 68,375 Dollar fielen. Allzu oft hat der Versuch, alles für alle zu sein - Allfinanz, wie die Deutschen es nennen - zu einem nicht mehr zu managenden Allerlei von Geschäftsfeldern geführt.Dadurch wurden Profite von gutgehenden Geschäften nur dazu genutzt, die Verluste der schlechtgehenden zu verschleiern. Die Citicorp-Traveler Fusion wird das Supermarkt-Konzept dem bisher größten Test unterziehen.Wenn es selbst bei dem Koloß mit seinen 700 Mrd.Dollar und dem guten Ruf des Managements nicht aufgeht, ist es wahrscheinlich nicht brauchbar.Citibank bringt "ein offeneres und dynamischeres Management mit, das Erfolge möglich machen könnte, wo andere versagt haben", sagt Paul Achleitner, Direktor bei Goldman Sachs in Frankfurt (Main)."Im Grunde waren die Fehlschläge in der Vergangenheit in erster Linie Management-Fehler." Das heißt nicht, daß alle Supermarkt-Konzepte scheitern.Ein kurzer Blick über Europa zeigt, daß es viele Unternehmen auf dem Finanzsektor gibt, die mit Erfolg sowohl Versicherungen als auch Bankgeschäfte anbieten.Beispiele sind die ING Groep und Rabobank in den Niederlanden und Crédit Agricole in Frankreich.Sie haben einen Weg gefunden, das Konzept zum Erfolg zu führen. Nur wenige Unternehmen haben zusätzlich das Anlage-Geschäft auf kompetente Weise integriert.Viele Banken verbessern hingegen ihre Bilanzen dadurch, daß sie sich von dem Supermarkt-Konzept verabschieden.Lloyds TSB in Großbritannien hat beispielsweise große Teile seines Firmengeschäfts zugunsten des Privatkundengeschäfts aufgegeben und konzentriert sich jetzt auf Versicherungen und traditionelle Produkte im Kundengeschäft.Das Ergebnis: Im vergangenen Jahr erzielte sie das höchste Ergebnis der Firmengeschichte. Andere, die sich im institutionellen Anlegergeschäft umtaten, fanden die Profite unbefriedigend.Die Deutsche Bank AG, die ultimative Bank mit einem umfassenden Angebot, wurde durch die Verluste gezwungen, sich aus dem globalen Investment-Banking zurückzuziehen, obwohl der Aktienmarkt boomte.Im Jahr 1997 fiel der operative Gewinn aus dem Anlegergeschäft, früher unter Deutsche Morgan Grenfell bekannt, um 13 Prozent.Das führte zu einer Reorganisation, bei der eine Vielzahl von Arbeitsplätzen verloren gingen. Das Anlegergeschäft der Credit Suisse Group, die Credit Suisse First Boston, war zwar profitabel, das Gesamtwachstum war in den vergangenen Jahren aber eher mau.Die großen britischen Banken haben sich weitgehend aus dem Anlegergeschäft zurückgezogen.National Westminster und Barclays haben beide erst im vergangenen Jahr ihre Geschäftsbereiche verkauft.Die Banken, die sich jetzt reorganisieren, haben alle möglichen Fehler beim Supermarkt-Konzept, dem "One-stop-shopping", gefunden.Die kulturellen Unterschiede zwischen den Geschäftsbereichen waren zum Teil nicht zu überbrücken. Ein Versicherungsverkäufer und ein Bankkaufman haben letztlich einen unterschiedlichen Zugang zu ihrer Arbeit: Der Versicherungskaufmann sucht das Risiko und versucht es zu quantifizieren, während der Bankkaufmann das Risiko quantifiziert und versucht, es zu vermeiden. Amerikanische Ausflüge zum Supermarkt der Finanzgeschäfte waren alle gleichsam enttäuschend.Das Konzept erwischte die Wall Street zum ersten Mal in den 80ern.Dean Witter, Discover & Co.waren Teilhaber von Sears, Roebuck & Co.für den größten Teil des Jahrzehnts.Doch die Kunden wollten ihre Aktien nicht dort kaufen, wo sie ihre Socken, Sofas und Waschmaschinen kauften. Nicht mal American Express konnte einen erfolgreichen Supermarkt zusammenstellen.Nachdem sie Shearson Lehmann Brothers gekauft hatten, verkauften sie das Maklergeschäft 1993 wieder.Von dem Investment-Banking und dem Handelsgeschäft trennten sie sich 1994, nachdem sie zuvor 1,1 Mrd.Dollar in diesen Zweig gepumpt hatten. Die amerikanischen Versuche, Bazare für Finanzdienstleistungen zu schaffen, werden zudem durch das Glass-Steagall-Gesetz eingeschränkt.Das Gesetz, das aus der Zeit der Depression in den 30ern stammt, verhindert bis heute Zusammenschlüsse zwischen Banken und Versicherungen.Die neue Citigroup hofft, daß ihre Fusion dazu beitragen wird, das Gesetz zu ändern.Bleibt abzuwarten, ob die amerikanischen Kunden auf das Supermarkt-Konzept stehen. Citicorp und Travelers glauben, daß sie es tun.Zum einen seien ihre Markennamen - Citicorp, Travelers und Salomon Smith Barney - etwa so bekannt wie Procter & Gamble und Nestlé.Zum anderen sind die Amerikaner durch Telefon- und Internet-Banking auf das Konzept vorbereitet worden.Schon heute gibt es Supermärkte für Fonds.Vielleicht haben sie recht.Das Potential, sich bei verschiedenen Finanzdienstleistungen einen Vorteil durch die Zusammenlegung der Vertriebskanäle zu schaffen, ist sicherlich gewaltig.Analysten schätzen, daß etwa die Hälfte der größten und bedeutendsten europäischen Banken ein Abkommen mit Versicherungsgesellschaften haben, daß sie deren Produkte verkaufen dürfen.Von 173 der europäischen Banken, die vom Marktforschungsunternehmen Datamonitor befragt wurden, haben fast 80 Tochterfirmen, die sowohl Bank- als auch Versicherungsprodukte anbieten.Zusammen erwirtschafteten diese Unternehmen 59,1 Mrd.Dollar bei Lebensversicherungen und Pensionsprämien im Jahr 1995.Das entspricht 19,2 Prozent des Gesamtmarkts. Der Marktanteil dieser Unternehmen scheint zu wachsen, dem Report zufolge vor allem in Italien, Finnland und Schweden.In Finnland gehört 60 Prozent des neuen Lebensversicherungsgeschäfts den Unternehmen, die Versicherungs- und Bankgeschäft vereinen. Die Vorteile für europäische Banken liegen auf der Hand: ein großes Vertriebsnetzwerk, eine breiterer Kundenstamm, ein besserer Markenname, besserer Service und - in den meisten Fällen - fortschrittlichere Technologie als die traditionellen Versicherungsgesellschaften im heimischen Markt. Die neue Citigroup wird sich vieler dieser Vorteile erfreuen können, nicht zuletzt wegen ihrer 1100 Zweigstellen in der ganzen Welt, behaupten Analysten.Tatsächlich war Citicorp schon in der Vergangenheit bei der Besetzung neuer Märkte damit erfolgreich, daß sie teilweise das angeboten haben, was die Wettbewerber nicht hatten: besserer Service, bessere Produkte und fortschrittlichere Technologie. Trotz der Aufregung über die Überkreuzgeschäfte in der Finanzdienstleistungsbranche hat es, abgesehen von den Zusammenschlüssen von Versicherungsbereichen und Bankbereichen, noch niemand in der Tat effektiv umgesetzt.Citicorp selbst hat es nicht geschafft, andere Bankprodukte an ihre Kreditkartenkunden zu verkaufen.Der Zusammenschluß mit Travelers fordert jedoch viel mehr als das.Er soll fast unabhängige Broker dazu bringen, Bank-Produkte zu verkaufen und Bankkaufleute sollen künftig Versicherungen anbieten. Übersetzt und gekürzt von Sigrun Schubert (Citicorp-Editorial und Artikel) und Joachim Hofer (Häagen Dazs und Asien).

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