Wirtschaft : Der Anleger muß Nerven haben

HERMANN KUTZER[FRANKFURT]

Kursschwankungen von mehreren Prozent sind heute an der TagesordnungVON HERMANN KUTZER, FRANKFURT

Panikartiges Verhalten von Menschen in der Katastrophe ist nur natürlich, dennoch falsch.Das gilt auch für den "Börsen-Gau", denn 1987 fand so etwas wie der "größte anzunehmende Unfall" statt.Bei optimistischer Betrachtungsweise darf davon ausgegangen werden, daß viele Anleger aus dem Fehler gelernt haben, im Baisse-Schock vom Oktober zu spät ausgestiegen zu sein, um sodann der Aktie erst einmal den Rücken zuzuwenden.Wer nicht rechtzeitig seine Gewinne realisieren konnte, der möge sich einmal das Bild von der Paternoster-Fahrt der Kurse vor Augen halten; man muß einfach gute Nerven für den dunklen Abschnitt im Keller haben.Das ist natürlich leichter geschrieben als getan.Aber die "richtige" Entscheidung trifft in aller Regel nur derjenige Privatanleger, der sich von vornherein über seine Anlage-Philosophie und -Strategie im klaren ist.Dann wird er gegebenenfalls eilig, aber nicht überhastet reagieren. Seit 1987 hat sich einiges verändert, vieles weiterentwickelt.So ist auf die geradezu dramatische Weiterentwicklung der Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten hinzuweisen.Grundsätzlich wird heute der Anleger noch besser und schneller informiert.Außerdem sind inzwischen viele Erfahrungen mit dem Einfluß von Termin- und Optionsmärkten auf die Aktienbörsen gesammelt worden.Dazu kommt eine enorm gewachsene Zahl von unterschiedlichen Anlageinstrumenten, die auch dem Privatmann einen Katalog von Spekulations- bis zu Kurssicherungsmöglichkeiten bieten. Schließlich haben sich die Börsianer an eine zunehmende Volatilität gewöhnt: Kursschwankungen von mehreren Prozent sind heute international an der Tagesordnung.Die relative Gelassenheit hat einen weiteren Grund: Eine weltweite Renaissance der Aktie ist auch nicht an Deutschland vorbeigegangen.Banken und andere Vermögensverwalter haben das Marketing entdeckt, die Aktie wird auch bei uns jetzt aktiv "verkauft".Dazu gehört, daß in vielen Veranstaltungen sowie in gedruckten Aufklärungs- und Werbemaßnahmen die Vorteile der Aktien klar propagiert werden, die der für seine Renditeberechnungen bekannte Berliner Professor Richard Stehle wie folgt zusammenfaßt: "Langfristig spricht alles für die Aktie." Laut seinen Statistiken beträgt die durchschnittliche Aktienrendite vor Steuern seit dem Jahr 1948 stolze 14,5 Prozent per anno.Damit werden festverzinsliche Wertpapiere und erst recht Geldmarktanlagen weit übertroffen.Ähnliche ­ und meist sehr anschauliche ­ Vergleichsstatistiken haben Kreditinstitute und Investmentfonds in den vergangenen Jahren vorgelegt.Alle mit dem gleichen, eindeutig für die Aktie sprechenden Ergebnis. Noch beeindruckender wird der Performance-Vorteil, wenn die Renditen nach Steuern verglichen werden.Eine wichtige Erkenntnis ist deshalb: Je höher die individuelle Steuerbelastung, desto höher sollte bei einem längerfristigen Anlagehorizont der Aktienanteil im Depot sein.Viele Anleger wissen auch nicht, daß mit wachsender Anlagedauer dem richtigen Zeitpunkt des Einstiegs an der Börse offenkundig eine immer geringere Bedeutung zukommt.Warum? Jahre mit extremen Wertentwicklungen liegen auffallend oft in dichter zeitlicher Nähe: Auf Spitzenjahre folgende enttäuschende Performance-Abschnitte und umgekehrt.Daraus ergibt sich ­ längerfristig! ­ quasi automatisch ein Ausgleich.Wer dennoch nicht allein auf die Aktie setzen will, der sollte den Diversifikationseffekt von unterschiedlichen Anlageformen nutzen.Gerade der Crash-Jahrgang 1987 veranschaulicht diesen Effekt besonders deutlich: Der deutsche Aktienmarkt erlitt in diesem Jahr mit minus 38 Prozent einen besonders hohen Wertverlust.Bei festverzinslichen DM-Wertpapieren lag der Anlageerfolg 1987 mit 5 Prozent zwar unterhalb des langjährigen Durchschnitts.Dennoch, ein strukturiertes Portfolio mit einem Mischungsverhältnis von 30 Prozent Aktien und 70 Prozent Anleihen, wie es oft empfohlen wird, ließ sich der Wertverlust in diesem schwierigen Jahr auf 8 Prozent begrenzen.Umgekehrt beweisen auch langjährige amerikanische Studien, daß so oder ähnlich gemischte Depots das Risiko verringern. Zuguterletzt: Der Blick auf eine Langfrist-Grafik zeigt, daß ein geduldiger Anleger selbst dann schon bald wieder in die Gewinnzone kam (nach zwei bis drei Jahren), wenn er seine Aktien unglücklicherweise auf dem höchsten Kursniveau unmittelbar vor einer Baisse erworben hatte!

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