Wirtschaft : „Der Atomausstieg hat viele Nachteile“

EnBW-Chef Utz Claassen über die Energiepolitik der neuen Regierung, die hohen Strompreise und die Chancen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft

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Herr Claassen, haben Sie schon eine Einladung zum Energiegipfel erhalten?

Nein, habe ich noch nicht.

Haben Sie Anfang April denn Zeit?

Wenn die Kanzlerin einlädt, hat man Zeit zu haben, und dann hat man auch gerne Zeit.

Was erwarten Sie von diesem Gipfel?

Ich habe die Erwartung, dass die anstehenden Themen ideologiefrei diskutiert werden, so wie ja das Selbstverständnis der großen Koalition ist.

Haben Sie Anhaltspunkte dafür, dass die Koalition in der Energiepolitik tatsächlich ideologiefrei diskutiert?

Der Auftritt neulich von Minister Gabriel, den ich ansonsten als Freund und als Politiker sehr schätze, hat zunächst nur begrenzt Hoffnung gemacht. Aber ich bin sicher, dass wir am Ende auch in der Energiepolitik einsehen werden, dass die Gesetze der Chemie, der Physik und der Ökonomie zu respektieren sind.

Sie gehen also davon aus, dass Umweltminister Sigmar Gabriel seine Festlegung gegen die Kernkraft noch revidiert?

Ich gehe ganz generell davon aus, dass am Anfang immer die Erkenntnisgewinnung und danach die politische oder unternehmerische Meinungsbildung stehen sollte. Deshalb kann ich mir nicht vorstellen, dass die Energiepolitik der einzige Bereich in unserem Land sein sollte, der einer faktenbasierten Entscheidungsfindung nicht zugänglich ist.

Angela Merkel hatte sich vor der Wahl für längere Atomlaufzeiten ausgesprochen. Als Kanzlerin tut sie das nicht.

Es ist ein Faktum einer auf Koalitionen angelegten Demokratie, dass nicht jeder alle seine Vorstellungen umsetzen kann. Ich glaube aber, dass Energiepolitik langfristig nicht eine Frage von Koalitionen oder Farbkonstellationen ist, sondern eine Frage globaler Trends, denen wir uns nicht entziehen können. Der Energiemix des Jahres 2050 wird nicht eine Funktion schwarzer oder roter Vorstellungen sein, sondern globaler Notwendigkeiten.

Das heißt, es wird nicht beim Atomausstieg bleiben?

Es kann natürlich beim Atomausstieg bleiben. Allerdings, und das muss man den Bürgern klar sagen, werden dann die CO2-Emissionen deutlich ansteigen; allein heute werden durch die Kernenergie rund 140 Millionen Tonnen CO2 vermieden. Außerdem, und das muss man den Bürgern ebenfalls klar sagen, werden die Kosten der Stromerzeugung deutlich steigen. Wenn man die Emissionen verringern will und wenn man die Preise mit entlastenden Faktoren versehen will, wird man über eine Modernisierung des Atomkonsenses sprechen müssen.

Angenommen, es bleibt beim Atomausstieg: Wie wird die EnBW ihre Kernkraftwerke ersetzen?

Der Anteil der Kernenergie an der Stromerzeugung liegt in Deutschland derzeit bei rund 27 Prozent. Im Falle der EnBW sind es sogar deutlich über 50 Prozent. Das alles mit Sonne, Wind und Wasser decken zu wollen, ist völlig abstrus. Wir werden so viel wie möglich regenerativ machen, vielleicht können das zehn Prozentpunkte sein. Der Rest aber wird Kohle und Gas sein müssen.

Würden Sie der Unionsforderung nach sinkenden Strompreisen folgen, wenn die Laufzeiten doch verlängert würden?

Ich verstehe diese Erwartung der Politik. Aber ordnungspolitisch kann es nicht sein, dass die Preisbildung eine Verhandlungssache zwischen Regierung und Unternehmen wird. Eines kann ich trotzdem sagen: Durch eine Laufzeitverlängerung würden die Stromerzeugungskosten relativ gemindert. Genauso, wie wir preisbelastende Effekte leider häufig an die Kunden weitergeben müssen, wären wir dann auch im Sinne von Fairness gehalten, preisentlastende Faktoren in angemessenem Umfang an die Kunden und an die Gesellschaft weiterzugeben.

Sie würden sich also nicht auf eine Vereinbarung mit der Regierung einlassen, in der eine Preissenkung festgeschrieben ist?

Ich würde, wann immer möglich, meine ordnungspolitischen Grundsätze nicht verraten. Einer dieser Grundsätze ist, dass Marktwirtschaft Planwirtschaft überlegen ist.

Ministerpräsident Roland Koch hat den Neubau von Kernkraftwerken ins Gespräch gebracht. Ist das eine Option?

Das ist ein Thema, das wir bisher weder intern noch extern diskutiert haben. Aber wenn der hessische Ministerpräsident bei seinen eigenen Erwägungen und Schlussfolgerungen eine besonders lange Zeitachse hat und eine besonders weitreichende Perspektive einnimmt, dann ehrt ihn das sicherlich.

Das Thema steht für Sie also in den nächsten Jahren nicht auf der Tagesordnung?

Viele andere Länder beschäftigen sich mit dem Thema. Offensichtlich befindet sich der hessische Ministerpräsident mit seinen Gedanken im internationalen Vergleich in guter Gesellschaft, und wenn er sich an internationalen Entwicklungen orientiert, ehrt ihn das ebenfalls. Aber das ist keine Diskussion, die ich jetzt führen kann oder führen sollte.

Verstehen Sie die Debatte über die hohen Gewinne der Energieversorger?

Klar muss man Verständnis für eine solche Debatte haben. Wünschenswert wären allerdings ein möglichst hoher Anteil faktenbasierter Debatte und möglichst wenig Emotionalisierung. Im Falle der EnBW kamen wir aus einer Sanierungssituation. Wir haben unsere erheblichen Ertragsfortschritte zum größten Teil durch sehr stringente Kostensenkungen, auch unter großen Opfern der Belegschaft, erreicht. Seit Ende 2003 sind weniger als zehn Prozent unseres Ertragsfortschrittes preisbasiert.

Ist die Preisdebatte eine Neiddebatte?

In Deutschland meint man immer, ein Unternehmen stehe ordentlich da, wenn der Gewinn größer als null ist. Das ist ein Missverständnis. Ein Unternehmen steht nur dann ordentlich da, wenn der Gewinn größer als die Kapitalkosten ist. Für einen großen Konzern muss ein Milliardengewinn nicht heißen, dass er Geld zu verteilen hätte.

Wie werden sich die Energiepreise in diesem Jahr entwickeln?

Langfristig haben wir mehr preisbelastende als preisentlastende Faktoren: Der Ausbau der regenerativen Energien ist nicht zum Nulltarif zu haben, der Atomausstieg ebenfalls nicht. Daneben gibt es bisher keinen Trend zu sinkenden staatlichen Belastungen, und der Preis für Primärenergieträger wie Öl, Kohle und Gas wird eher steigen. Außerdem haben wir Effekte aus dem CO2-Handel.

Die Kunden können sich also auf steigende Strompreise einstellen.

Nein. Das ist eine Frage des kurz- und mittelfristigen Marktgeschehens, das sich nicht vorhersagen lässt.

Was sind für EnBW die wichtigsten Themen 2006?

Nach der Phase der Konsolidierung können und wollen wir wieder strategisch interessante Projekte in Angriff nehmen. Es gilt aber, dass wir dafür anders als in der Vergangenheit nicht zu viel bezahlen werden. Die Priorität ist klar: an erster Stelle die Position als Nummer eins in Baden-Württemberg halten, an zweiter Stelle die Position als Nummer drei in Deutschland ausbauen und an dritter Stelle die Wachstumspotenziale in Mittel-Osteuropa nutzen.

Was sind das für Projekte im Ausland?

Konkret sind wir zum Beispiel bei einem Bieterverfahren für die Stromversorgung in Bukarest mit dabei und hoffen natürlich auf den Zuschlag. Mittel-Osteuropa ist für uns aus zwei Gründen interessant: Zum einen gibt es dort eine hohe Wachstumsdynamik. Zum anderen werden immer wieder Produktionsstätten von Deutschland nach Mittel-Osteuropa verlagert. Deshalb müssen wir in der Lage sein, unseren Kunden zu folgen.

Sie haben einmal gesagt, Sie teilen die Logik von Jürgen Klinsmann. Schafft es Deutschland ins WM-Finale?

Ich teile die Logik von Klinsmann, dass man nichts erreichen kann, was man sich nicht als Ziel setzt. Ich würde aber meine Geschäftsplanung nicht auf der Annahme aufbauen, dass die Mannschaft das Finale erreicht. Ich glaube, in der gegenwärtigen Situation unserer Mannschaft ist es ein Erfolg, wenn wir ins Viertelfinale kommen. Vier Jahre später können wir es dann ins Finale schaffen.

Das Gespräch führten Moritz Döbler und Anselm Waldermann.

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