Wirtschaft : Der Aufbau stockt: Von der Politik vergessen

Andreas Frost

Schnurgerade zieht sich die Straße durch den endlos scheinenden Kiefernwald von Torgelow nach Eggesin. Hinter den Bäumen wühlen sich Bundeswehr-Panzer durch das sandige Gelände. 3500 Soldaten sind hier im vorpommerschen Zipfel zwischen Oderhaff und polnischer Grenze stationiert. Im kommenden Jahr sollen nur noch rund 1800 in der nordöstlichsten Ecke der Republik ihren Dienst versehen. Düstere Aussichten für die Region. Der Arbeitsamtsbezirk Neubrandenburg ist schon heute das Schlusslicht in den neuen Ländern. Mit 24,4 Prozent erreichte die Arbeitslosenquote im April einen traurigen Rekord zwischen Ostsee und Erzgebirge.

Als Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) die Schließung des Standortes Eggesin im vergangenen Jahr verkündete, begehrte die Region auf. Denn die Truppe war einer der größten Investoren seit der Wende. Und der Sold der Soldaten steigerte den Umsatz des einheimischen Einzelhandels. Doch der Protest der Bevölkerung blieb folgenlos. Seitdem fühlen sich viele hier vergessen von den Politikern - in Berlin und der Landeshauptstadt Schwerin gleichermaßen.

"Wir haben viel schöne Gegend hier, aber das reicht halt nicht", sagt Detlef Schultze, Geschäftsführer vom Unternehmerverband Vorpommern. Auf Rügen und auf Usedom boomt zwar der Tourismus, aber der bringe nicht ausreichend Arbeitsplätze. Nach der Wende ist im östlichen Mecklenburg und in Vorpommern viel weggebrochen. Das Panzerreparaturwerk Neubrandenburg ist dicht. Die Gießerei in Torgelow, wo einst über 1000 Menschen arbeiteten, ist heute unbedeutend, das Reifenwerk Neubrandenburg verschwunden. Die Landwirtschaft ist modernisiert, mit ihren großflächigen Strukturen europaweit konkurrenzfähig. Aber sie kommt mit einem Bruchteil der Beschäftigten aus. Zwar produziert "Pfanni" in einem neuen Werk in Stavenhagen Klöße, Püree und Kroketten. Doch um 120 000 Tonnen Kartoffeln im Jahr zu verarbeiten, sind "nur" knapp 300 Mitarbeiter notwendig.

Der Groß-Investor, in dessen Sog sich der Mittelstand nach oben ziehen lassen könnte, ist nicht in Sicht. Mehr junge Leute als anderenorts sind längst in die alten Bundesländer abgewandert. Denn zum Pendeln, wie es in den Gebieten entlang der einstigen deutsch-deutschen Grenze üblich ist, ist es von hier aus auf Dauer zu weit. Das vorpommersche Lohnniveau treibt vor allem gut ausgebildete Kräfte aus dem Land. "Ein Teufelskreis", sagt Schultze, "weil unsere Unternehmen derzeit nicht mehr zahlen können, wird ihnen in wenigen Jahren der qualifizierte Nachwuchs fehlen". Denn wer einmal geht, kommt nicht so schnell zurück.

Die Landesregierung in Schwerin setzt auf viele kleine Schritte. Ein Verbund von zahlreichen Unternehmen zum "Bio-Con-Valley" zum Beispiel soll die Bio- und Medizintechnologie-Branche voranbringen. Auch von der neuen Ostsee-Autobahn A 20, die von 2005 an von Lübeck bis kurz vor die polnische Grenze bei Stettin führt, erhofft man sich in Vorpommern neue Impulse. Und: Mit Bangen, aber auch Hoffen sehen die Vorpommern auf die EU-Osterweiterung. Einerseits fürchten sie die billigen polnischen Arbeitskräfte. Andererseits hoffen sie, dass Stettin, wenn es sein "natürliches" Hinterland nach fast 60 Jahren zurückbekommt, aufblüht und seine Wirtschaftskraft bis weit nach Vorpommern strahlen lässt.

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