Wirtschaft : Der Aufschwung macht schon wieder schlapp

Unternehmen rechnen wieder mit schlechteren Geschäften – Industrie- und Handelskammertag sieht 100000 Stellen gefährdet

Carsten Brönstrup

Berlin - Der Aufschwung in Deutschland wird sich nach Einschätzung der Wirtschaft bereits am Jahresende wieder abschwächen. Diese Befürchtung auf Basis einer Umfrage unter 22000 Unternehmen äußerte der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) am Montag in Berlin. Die Investitionsausgaben seien enttäuschend, und von einer abnehmenden Arbeitslosigkeit könne keine Rede sein, sagte DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben. An der Prognose von zwei Prozent Wachstum für 2004 halte er aber fest. Die Börsen reagierten mit Kursabschlägen – im Handelsverlauf verlor der Deutsche Aktienindex Dax 1,64 Prozent auf 3948,65 Punkte.

„Der Konjunktur fehlt es an Stehvermögen“, kommentierte Wansleben die Umfrage. Die Firmen hatten sich besonders bei ihren Geschäftserwartungen für die kommenden Monate pessimistischer gezeigt als noch im Februar. Hatten damals 32 Prozent der Firmen mit besseren Umsätzen gerechnet, waren es jetzt nur noch 28 Prozent. 26 Prozent erwarten sogar eine Verschlechterung. Auch vom Export erwartet sich die Wirtschaft immer weniger: Nur noch ein Drittel sieht einen steigenden Absatz im Ausland, 13 Prozent dagegen zurückgehende Verkäufe. Zusätzliche Jobs sind nicht in Sicht – nur neun von hundert Unternehmen planen der Umfrage zufolge, ihr Personal aufzustocken. 30 Prozent wollen Stellen streichen.

In den ersten drei Monaten des Jahres war das Bruttoinlandsprodukt um 0,4 Prozent im Vergleich zum Vorquartal gewachsen. Dafür war in erster Linie die starke Nachfrage aus dem Ausland verantwortlich. In Amerika und Asien läuft die Konjunktur seit Monaten besser als in Deutschland. Im zweiten und dritten Quartal werde diese Dynamik die deutsche Exportwirtschaft noch mehr beflügeln als zunächst vom DIHK erwartet. Im vierten Quartal werde das Wachstum dagegen deutlich schwächer ausfallen als prognostiziert. Wansleben: „Die Unternehmen befürchten, dass die überhitzte Weltwirtschaft auf absehbare Zeit stärker an Schwung verliert, als die Binnennachfrage Tritt fasst.“ Erste Indikatoren für eine Überhitzung seien „rasant gestiegene Rohstoffpreise und erste Inflationsanzeichen“. Für Deutschland bedeute ein abflauendes Wachstum, dass es in diesem Jahr 100000 Arbeitsplätze weniger geben werde, sagte der Verbandsvertreter.

Um mehr Wachstum zu bekommen, müsse „der wirtschaftspolitische Zickzackkurs aufhören“, forderte Wansleben. Der Wirtschafts-Sachverständigenrat habe für mehr Reformen „die Blaupause vorgelegt – die Regierung muss sie nur noch umsetzen“. Dazu gehörten niedrigere Unternehmenssteuern, mehr Flexibilität bei den Arbeitszeiten und höhere staatliche Investitionen.

Allerdings waren am Montag nicht alle Konjunkturfachleute für die Weltwirtschaft so pessimistisch. Der neue Direktor des Internationalen Währungsfonds, Rodrigo Rato, sagte in Madrid, eine Anhebung der Prognosen „könnte wahrscheinlicher sein als eine Senkung“. Die aktuelle Prognose von 4,6 Prozent für die Weltwirtschaft werde vorerst nicht verändert.

Zugleich gab es beim Ölpreis eine leichte Entspannung. Öl der Opec-Länder kostete in der vergangenen Woche im Schnitt 34,55 Dollar pro Fass, wie die Opec in Wien mitteilte. Mitte Mai hatte sich der Preis der 40-Dollar-Marke angenähert. Das Kartell forderte die übrigen Ölförderländer wie Norwegen oder Russland auf, ebenfalls ihre Förderung zu erhöhen. Diese Länder stehen für 60 Prozent der weltweiten Förderung.

Dennoch herrschte an der Börse in Frankfurt (Main) am Montag Verunsicherung. Bei schwachen Umsätzen gaben alle 30 Titel im Dax nach. Händler nannten vor allem die Sorgen um eine nahe Erhöhung der US-Leitzinsen als Grund. Die amerikanische Notenbank Fed hatte eine Zinserhöhung bereits mehrfach angedeutet. Von den Daten zur US-Inflation, die in dieser Woche anstehen, erwarten sich die Händler Aufschluss über den genauen Zeitpunkt des Zinsschrittes.

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