Wirtschaft : Der Banker hatte keinen Durchblick mehr

Ehemaliger Deutsche-Bank-Filialleiter im Zeugenstand: "Bin mir keiner Schuld bewußt" / Schneider erfüllte keine Forderung

-FRANKFURT (MAIN) (ro).Nach der fünfwöchigen Sommerpause wird es im Prozeß gegen den Immobilienunternehmer Jürgen Schneider für die Banken ernst.Am Montag trat mit Klaus Peter Fischer, dem ehemaligen Direktor der Bezirksfiliale Baden-Baden der Deutschen Bank, der erste Banker in den Zeugenstand.Er konnte den Eindruck nicht verwischen, daß die Bank mit Schneider nachlässig umgegangen ist.Fischer lieferte auch eine höchst eigenwillige Interpretation über die Nutzung der Frankfurter Zeilgalerie.Am Rande wurde bekannt, daß Hilmar Kopper, der ehemalige Vorstandssprecher der Deutschen Bank, für den 30.September als Zeuge geladen ist.Vorstandsmitglied Weiss soll am 24.September erscheinen. Fischer arbeitete von 1977 bis Mitte 1994 für die Deutsche Bank, davon ab 1982 in der Filiale Baden-Baden.Er war dort als Direktor mit der Zwischenfinanzierung von Schneider-Objekten befaßt.Fischer mußte die Bank nach der Aufdeckung der Pleite im Sommer 1994 verlassen.Allerdings ist sich der Banker keiner Schuld bewußt, wie er im Gerichtssaal deutlich machte.Den Vorwurf, es sei in Sachen Schneider "unprofessionell, gutgläubig und kritiklos" agiert worden wies der heutige Unternehmensberater als "glatte Unverschämtheit" zurück.Seit 1982 arbeitete die Filiale Baden-Baden mit Schneider zusammen, beteiligte sich zunächst an Objekten in Baden-Baden, dann aber auch in Offenbach, München und Frankfurt.Schneider galt als guter Kunde, dessen Kredite der Filiale in Baden-Baden, wie Fischer einräumte, stattliche Gewinne einbrachte."Das war eine ausgesprochen profitable Angelegenheit." Bis zum einem Fünftel trug Schneider zum Betriebsergebnis der Filiale bei.Insgesamt 155 Mill.DM lieh man dort an Schneider aus.Fischer betonte, daß mit Schneider bis Ende 1992 alles reibungslos gelaufen sei.Damals habe der Vorstand beschlossen, die Kreditausleihungen an Schneider auf 1,2 Mrd.DM zu begrenzen.Mit den Unterlagen, die Schneider beibrachte, ging die Bank offenbar schlampig um.Eine von Schneider selbst 1993 angefertigte Vermögensaufstellung wurde zwar nicht richtig geprüft, aber, so Fischer, habe "in Sitzungen über Sitzungen" zu heftigen Diskussionen geführt.Fragen beantwortete Schneider nie genau, auf Forderungen der Bank ging er nicht ein. Der Wirtschaftsprüfer der Bankzentrale in Frankfurt, so Fischer, habe eine Überprüfung der Daten abgelehnt, weil dies "nicht standesgemäß" sei.Schneider habe auch die Forderungen der Bank ignoriert, immer ein Objekt nach dem anderen und nicht mehrere zugleich in Angriff zu nehmen.Verkäufe von Gebäuden habe er abgelehnt.Er weigerte sich auch, ein Festgeldkonto über 100 Mill.DM bei der Filiale Baden-Baden als Sicherheit einzusetzen."Alles, was die Deutsche Bank wollte", so Richter Heinrich Gehrke, "hat Schneider nicht gemacht." Fischer räumte ein, daß in der Bank mehr und mehr ein ungemütliches Gefühl aufgekommen sei.Aber sechs Revisionen hätten keine Mängel aufgedeckt.Fischer selbst verfaßte noch im Juli 1993 eine wahre Lobeshymne auf Schneider."Wir wollten den Kunden natürlich behalten." Kein Mensch in der Bank sei interessiert gewesen, aus diesem Engagement herauszugehen.Fischer räumte auch ein, daß die Banken bei Leuten wie Schneider zurücksteckten und nicht so genau hinschauten wie bei kleinen Kreditkunden.Der Ex-Banker gab auch zu, daß der Informationsstrom im Fall Schneider innerhalb der Bank nicht vorhanden war, weil der Vorstand ",die Organisationsstruktur zerschlagen hatte, die überhaupt hätte dahinter kommen können".Am Ende seien die Dinge im Fall Schneider so komplex gewesen, ",daß man als Banker keinen Durchblick mehr hatte".Sein Verhältnis zu Schneider bezeichnete Fischer als sehr gut, geprägt von besonderem Vertrauen.Beeindruckt habe ihn auch Schneiders Bemühen um die eigene Familie.Das sei alles intakt gewesen.Für ihn gesprochen habe auch, daß er immer mit seinem gesamten persönlichen Vermögen gehaftet habe.Fischer selbst hielt sich vor Gericht zugute, oft persönlich auf den Baustellen nachgeschaut zu haben, auch bei der Zeilgalerie in Frankfurt.Dort habe er natürlich bemerkt, daß auf dem Bauschild nur von 9000 Quadratmetern Nutzfläche die Rede war.Tatsächlich hatte Schneider in den Kreditanträgen rund 20 000 Quadratmeter und jährliche Mieteinnahmen von 53 Mill.DM angegeben.Dafür gebe es eine einfache Erklärung, meinte der Banker.In der Zeilgalerie sei eine 1,50 Meter dicke, atombombensichere Decke eingezogen worden.Nach dem Fall der Mauer habe es aber für einen Atomschutzbunker keine Notwendigkeit mehr gegeben.Also habe man sich eine andere Nutzung überlegt: Für Wertsachen, geheime Unterlagen und ähnliches.So etwas sei in Frankfurt gefragt und könne teuer vermietet werden.Daß die 20 000 Quadratmeter nicht auf dem Bauschild standen, sei doch klar.Es habe doch niemand wissen sollen, daß es dort solche Geheimräume gebe.Richter Heinrich Gehrke und die Zuhörer im Gerichtssaal quittierten diese Version mit einem Lachen.Auch Jürgen Schneider konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

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