Wirtschaft : Der Banker-Tipp: Anleger sollten jetzt nicht die Flinte ins Korn werfen

Eine Flut von Quartalsergebnissen hat uns in den letzten zwei Wochen in Atem gehalten. Die meisten US-Unternehmen haben die im Vorfeld nach unten revidierten Prognosen erreicht. Die Börse ist aber noch nicht beruhigt, denn der Ausblick der Firmen war eher in "Moll" gehalten. Eine deutliche Verbesserung wird erst für 2002 erwartet. Die zwischenzeitlichen Kursgewinne von den Tiefs im April sind zu einem großen Teil wieder aufgezehrt. Damit dauert der Bärenmarkt bereits 15 Monate und spannt die Anleger auf die Folter. Frustrierende Perioden enden häufig in Panik - in der Regel ein schlechter Ratgeber.

Anleger sollten sich deshalb auf die Fakten konzentrieren und nüchtern abwägen zwischen den zweifelsohne vorhandenen Belastungen und den erkennbaren Gegenkräften. In der Wahrnehmung scheinen derzeit in der Tat die negativen Signale zu dominieren. Diese Belastungsfaktoren haben aber bereits zu einem beträchtlichen Teil ihren Niederschlag in den Kursen gefunden.

Stellt man nun die positiven und negativen Einflussgrößen gegenüber, so erhält man folgendes Bild: Die wirtschaftliche Dynamik hat deutlicher nachgelassen als erwartet. Auch die erwartete Abkoppelung Europas erwies sich als Trugbild. Darunter leiden die Gewinne der Unternehmen. In einigen Branchen kann man von einer "Gewinnrezession" sprechen. Nachlassende Investitionen, vor allem im Hightech-Bereich zeigen, dass die Expansionserwartungen überzogen waren. Aber: Viele Unternehmen nutzen die schwache Konjunktur, um Problemfelder zu bereinigen. Die Phase der Ernüchterung, die wir jetzt durchleben, hat der Börse Liquidität entzogen.

Einen starken monetären Impuls könnte die Europäische Zentralbank geben. Während die US-Notenbank durch mehrere Zinssenkungen viel Liquidität freigesetzt hat, hielt sich die EZB zurück. Die seit zwei Monaten rückläufigen Preissteigerungsraten sowie die immer schlechteren Konjunkturdaten sollten nach der Sommerpause die ein oder andere Zinssenkung ermöglichen. Aufgrund der sehr flachen Zinskurve in Euroland parken Anleger ihr Geld vermehrt in kurzfristigen Anlagen, da nur ein geringer Unterschied zwischen kurz- und langfristigen Zinsen vorhanden ist. Fallen die kurzfristigen Zinsen, wird die angestaute Liquidität in Richtung Börse strömen.

Wir erwarten, dass das Vertrauen der Investoren bald zunehmen wird. Jetzt die Flinte ins Korn zu werfen, wäre falsch. Aber: Zur Aktienkultur zählt auch die Fähigkeit, mit Risiken umzugehen. Nur eine disziplinierte und strukturierte Vorgehensweise ist ein Garant für langfristigen Erfolg. Investitionen in verschiedene Branchen stabilisieren das Portfolio. Eine Bereinigung des Depots von Schieflagen und die Konzentration auf Qualität fordert harte Einschnitte. Aber nur so wird der Blick nach vorne frei.

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