Wirtschaft : Der Banker-Tipp: Die Zinsunsicherheit bremst die Aktienmärkte

Gert Schemmann

Gert Schemmann ist Vorstandsmitglied der Berliner Volksbank eG und zuständig für das Investment Banking.

Sowohl die europäischen als auch die US-Aktienmärkte haben in jüngster Zeit ihren Seitwärtstrend fortgesetzt. Dabei war das Geschehen vor allem von den Vorgaben aus den USA geprägt. Im Mittelpunkt des Interesses der Investoren stehen dort weiterhin die Quartalsergebnisse der Unternehmen sowie die Konjunkturdaten und die damit zusammenhängende Frage, ob die US-Wirtschaft eine sanfte Landung hinlegen wird. US-Notenbankchef Alan Greenspan hatte sich da bekanntlich vor wenigen Wochen eher optimistisch geäußert. Die Quartalszahlen zeigten ein gemischtes Bild. Während u. a. IBM, Coca-Cola und Boeing positiv überraschten, ließen Gewinnwarnungen von Lucent Technologies und Nokia die Märkte wieder in Unsicherheit verfallen.

Die Tatsache, dass der deutsche Aktienmarkt eine kurze Outperformance zeigte, resultierte aus der verabschiedeten Steuerreform. Für die Börse stellt die Steuerreform einen Meilenstein dar, weil die steuerfreie Auflösung von Beteiligungen auch für Kapitalgesellschaften möglich ist. Dies bringt für einige deutsche Konzerne die Möglichkeit der strategischen Neuorientierung und damit voraussichtlich eine Neubewertung durch den Aktienmarkt. Der Deutsche Aktienindex (Dax) könnte deshalb mittel- und langfristig eine vergleichsweise bessere Performance aufzeigen als andere europäische Indizes. Zu den großen Gewinnern dürften die Versicherungs- und Bankenwerte zählen. Allen voran unsere Empfehlung Allianz Holding, auch wenn die Aktie sich in den vergangenen Tagen eher nach unten bewegte. Der Versicherungskonzern verfügt über ein Beteiligungsportfolio von geschätzt bis zu 100 Milliarden Mark. Sollten hiervon zwei Drittel realisiert werden, könnte die Allianz im Versicherungsgeschäft oder im Asset Management auf "Einkaufstour" gehen. Als weitere Gewinner sind sicherlich die Münchener Rückversicherung wie auch die Deutsche Bank zu bezeichnen. Die Steuerreform wird insbesondere auf längere Sicht die Attraktivität dieser Titel erhöhen.

Kurzfristig sei allerdings angesichts der umsatzschwachen Sommerzeit vor einer Euphorie gewarnt. Die anhaltende Unsicherheit bezüglich der Zinsentwicklung bremst den Markt. Ob die US-Notenbank auf ihrer nächsten Sitzung am 22. August ein weiteres Mal die Zinsen erhöht, ist weiterhin völlig offen. Die US-Verbraucherpreise im Juni zeigten zwar einen deutlichen Anstieg, jedoch hauptsächlich rohstoffpreisbedingt. Da wir für den Ölpreis keine neuen Höchststände erwarten und die US-Konjunktur Abkühlungserscheinungen zeigt, sind wir unverändert zuversichtlich, dass wir ein Ende der Zinsanhebungen in den USA erreicht haben. Entsprechend positiv bleiben wir auch für die zukünftige Rentenmarkt-Entwicklung gestimmt. Impulse von den Renten werden auch den Aktien eine Unterstützung verleihen. Angesichts zweistelligen Gewinnwachstums und weiterer hoher Mittelzuflüsse bei den Fondsgesellschaften bleibt das Umfeld für Aktien viel versprechend.

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