Wirtschaft : Der Besuch des Patriarchen

Viele Aktionäre von Thyssen-Krupp wenden sich gegen Aufsichtsratschef Gerhard Cromme – aber der wichtigste nicht.

Sebastian Ertinger[Bochum]
Wohin die Reise geht. Der 99-jährige Konzernpatriarch Berthold Beitz soll sich Gerhard Cromme als Nachfolger an der Spitze der Krupp-Stiftung ausgeguckt haben. „Da sich Herr Beitz allerbester Gesundheit erfreut, stellt sich die Frage nicht“, sagt Cromme. Foto: dpa
Wohin die Reise geht. Der 99-jährige Konzernpatriarch Berthold Beitz soll sich Gerhard Cromme als Nachfolger an der Spitze der...Foto: dpa

Klirrende Kälte liegt über dem Ruhrgebiet. Schnee bedeckt die Straßen, als tausende Aktionäre von Thyssen-Krupp am Freitag zu einer hitzigen Hauptversammlung in die Bochumer Kongresshalle strömen. Hier sammeln sich Wut und Enttäuschung der Anteilseigner über Missmanagement, Korruption und Kartellklüngel. Vor allem kanalisiert sich hier die Furcht vor dem endgültigen wirtschaftlichen Niedergang des einst so strahlenden Traditionskonzerns.

Der Unmut trifft vor allem eine Person: Aufsichtsratschef Gerhard Cromme. Er hat die milliardenschweren Fehlinvestitionen in die Stahlwerke in Brasilien 2005 und den USA 2007 abgenickt. Er trägt die Verantwortung für die Aufklärung der zahlreichen Skandale.

Der Unmut der Anteilseigner hat viele Gesichter. Eines davon ist Oliver Krauß. Er stellt auf der Hauptversammlung den Antrag, Cromme als Versammlungsleiter abzulösen, und wirbelt damit die Tagesordnung durcheinander. „Mr. Teflon, wenn auch abgegriffen, trifft diese Bezeichnung auf Sie sehr gut zu“, ruft der Mann mit der randlosen Brille. „Alles gefragt, aber nichts gewusst“, wettert der Aktionär. Cromme lasse alle Kritik abperlen, er sei „die größte Teflonpfanne der Republik“.

Cromme ermahnt den aufmüpfigen Anteilseigner mehrfach, den Antrag klar zu begründen, und entzieht ihm schließlich das Wort. Er lehnt trotzig den Antrag ab, eine Abstimmung über seine Versammlungsleitung einzuleiten. Im Saal schallen empörte Buhrufe auf. Die Stimmung gegen den 69-Jährigen verschärft sich.

Die Liste der Verfehlungen im Unternehmen ist lang. So war der Konzern am Schienenkartell beteiligt, das jahrelang die Deutsche Bahn und lokale Verkehrsbetriebe schädigte, es gab Schmiergelder bei Aufträgen in der Aufzugssparte, mehrere Luxusreisen für Journalisten – einmal war auch ein Tagesspiegel-Redakteur dabei – und Betriebsräte. „Wenn Sie weiterbohren, werden Sie auch noch weitere Reisen finden“, ruft Vorstandschef Heinrich Hiesinger in den Saal und wendet sich wieder seiner Zukunftsvision zu.

Hiesinger entwirft einen Hoffnungsschimmer für den von Skandalen und Milliardenabschreibungen erschütterten Stahlkonzern. Er rückte die Perspektiven des gewinnträchtigen Anlagenbaus in den Mittelpunkt – und deutet damit versteckt den Abschied vom Stahlgeschäft und der unrühmlichen Vergangenheit an. Der neue Mann an der Spitze propagiert die Zukunft von Thyssen-Krupp als „diversifizierter Industriekonzern“. Das heißt: U-Boote, Aufzüge und Produktionsanlagen statt Stahlrohren, Eisenträgern und Schienen. „Wir befinden uns mitten in einem tiefgreifenden Umbruch“, sagt er. „Wir müssen endlich in die Zukunft blicken und nicht mehr nur in der Vergangenheit bohren“, appelliert er.

Doch hier in Bochum überdeckt die Vergangenheit Hiesingers strahlende Zukunftsvision. Am Freitag geht es um die unrühmliche Ära vor Hiesinger. Die Vergangenheit tritt in Person von Cromme vor die versammelten Aktionäre. Der verschanzt sich hinter einem Gutachten. Fachleute bescheinigen ihm und seinen Co-Kontrolleuren darin saubere Arbeit, gar ein „weit über das übliche Maß hinaus“gehendes Engagement, die Probleme des Konzerns anzugehen.

Doch das reicht den Aktionären nicht. Im Kern geht es ihnen um die Fehlschläge in den USA und Brasilien. Rund zwölf Milliarden Euro investierte Thyssen- Krupp, Analysten schätzen den Wert der Werke heute auf gerade einmal drei bis vier Milliarden Euro, und Hiesinger kann froh sein, wenn er die Werke zu diesem Preis losschlagen kann. Denn statt dass nur Stahl in den Kesseln kocht, sprüht das brasilianische Werk Grafitstaub über die Nachbarschaft. Zum Finanzdebakel – erstmals seit der Fusion von Thyssen und Krupp 1999 erhalten die Aktionäre keine Dividende – kommt ein Umweltdesaster. Das interessiert vor allem die Aktivisten vor der Kongresshalle, die ein Transparent mit dem Spruch „Die Bucht von Sepetiba soll leben“ entfaltet haben.

Ein anderes Gesicht des Unmuts gegen Cromme ist Bernd Günther, der seit vielen Jahren die Interessen eines Großaktionärs vertritt. „Die Eigenmittel sind geschmolzen wie Schnee in der Sonne“, wettert Günther. Und so geht es weiter. Die Aktionärsschützer der beiden großen Vereine SdK und DSW zerpflücken die Kontrollarbeit Crommes, hinterfragen die Bilanz und prangern überoptimistische Prognosen an. Eine Entlastung der Führungsriege lehnen sie unisono ab, bis alle offenen Fragen geklärt sind.

Nur vereinzelt erfährt Cromme Rückendeckung. Ingo Speich etwa, Portfoliomanager von Union Investment, hält einen Wechsel bei den Kontrolleuren für verfehlt. „Was wir in diesem Chaos am wenigsten brauchen können, ist ein neuer Aufsichtsratsvorsitzender“, sagt Speich. Cromme solle im Amt bleiben – „vorerst“, schränkt Speich aber ein. Das Problem sei nicht Cromme, sondern die Krupp-Stiftung, die gut 25 Prozent an dem Unternehmen mit weltweit 150 000 Mitarbeitern hält.

Sie kann direkt drei Vertreter in den Aufsichtsrat ohne Zustimmung der übrigen Aktionäre entsenden. „Wohin führt es, wenn ein deutscher Industriekonzern, der sich im globalen Wettbewerb behaupten muss, im Schatten der Villa Hügel von einem Patriarchen nach Gutsherrenart geführt wird?“, schimpft Speich mit Blick auf den 99-jährigen Berthold Beitz, den Cromme angeblich einmal beerben soll. Schon im Dezember hatte sich Beitz mit dem knappen Satz „Cromme bleibt“ zitieren lassen. In Bochum ließ sich der Patriarch demonstrativ mit Cromme fotografieren. HB

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