• Der Betriebsrat fordert die französische Konzernspitze auf, die Gründe für die geplante Schließung offenzulegen

Wirtschaft : Der Betriebsrat fordert die französische Konzernspitze auf, die Gründe für die geplante Schließung offenzulegen

Rüdiger Stahlschmidt

Um acht Uhr wird es richtig laut. Ein gellendes Pfeifkonzert schlägt Stefan Krumm entgegen. Für den Werksleiter der Alcatel-Kabelwerke in Neukölln bleibt das Werkstor geschlossen. Werksbesetzung bei Alcatel: Mit Beginn der Frühschicht um sechs Uhr standen am Dienstag die Maschinen still. Rund 100 Mitarbeiter verharrten 24 Stunden auf dem Werksgelände, um gegen die Schließung des Werkes und das Sozialplan-Angebot des Unternehmens zu protestieren. Mit der Aktion soll dem Betriebsrat zufolge erreicht werden, dass die französische Konzernspitze die Gründe für die geplante Schließung des Neuköllner Werks und die Verlagerung der Kabelproduktion nach Frankreich offen legt.

Kaum war das Pfeifkonzert für den Werksleiter abgeklungen, brandete Beifall auf: Walter Momper, SPD-Spitzenkandidat bei den Abgeordnetenhauswahlen, stattete "den Kollegen" einen Solidaritätsbesuch ab. Damit war er nicht allein - Vertreter von SPD, CDU, Bündnis 90 / Die Grünen und PDS sowie Betriebsräte anderer Unternehmen gaben sich förmlich das Werkstor in die Hand. Breite Unterstützung war den Alcatel-Mitarbeitern sicher: Von CDU bis PDS sagten die Parteivertreter zu, mit Schreiben an die Alcatel-Zentrale in Paris gegen die Schließungs-Entscheidung protestieren zu wollen.

Die Alcatel Kabel Beteiligungs-AG in Hannover, die direkt der Pariser Zentrale unterstellt ist, hatte Anfang Juni einen Restrukturierungsplan bekannt gegeben, nach dem unter anderem das Werk in Neukölln zum Jahresende geschlossen werden soll. Die komplette Produktion soll nach Frankreich verlagert werden, in Berlin verbleiben nach Unternehmensangaben lediglich Vertrieb und Logistik. Von den insgesamt 180 Arbeitsplätzen sollen 140 wegfallen.

"Willkürlich", nennt Momper diese Entscheidung: "Es scheint bei Alcatel Strategie zu sein, Betriebe aufzukaufen, stillzulegen und die Produktion nach Frankreich zu verlagern." Der Generalsekretär der Berliner CDU, Volker Liepelt, ist "wütend, mitansehen zu müssen, wie in einer fernen Konzernzentrale über Arbeitsplätze in Berlin entschieden wird". Liepelt will auch zukünftig "an der Seite von Gewerkschaften und Arbeitnehmern kämpfen": "Ich will nicht über Sozialpläne reden, sondern über den Ausbau des Unternehmens."

Der Tenor der anderen Redebeiträge war ähnlich. Die Politik will noch für etwas kämpfen, was viele Mitarbeiter schon aufgegeben haben: den Schließungsbeschluss rückgängig zu machen. "Da müßte schon ein Wunder geschehen", sagt Mitarbeiter Marcel Altermann. Er will vor allem "zeigen, dass es so nicht läuft". Wenn die Schließung zu glatt über die Bühne gehe, könnte Alcatel "Beispiel-Charakter im Plattmachen" entwickeln. Kämpfen müssten die Beschäftigten nun jedoch um den Sozialplan, sagt Altermann: Die Zahl von rund drei Mill. DM an Abfindungen kursiert, pro Kopf etwa 21 000 DM. "Eine Beleidigung" nennt das sein Kollege Detlef Zimmermann. Betriebsrat wie Unternehmen halten sich bei der Summe bedeckt - wegen laufender Verhandlungen.

Hinter der Idee des Protestbriefes steckt die IG Metall: Deren erster Bevollmächtigter in Berlin, Arno Hager, will damit auch gegen die "beispiellose Arroganz der Konzernspitze" vorgehen, die den Kollegen nicht Rede und Antwort stehen wolle. Ein Vorwurf, der von der Alcatel Kabel Beteiligungs-AG zurückgewiesen wird: "Wir haben die Arbeitnehmer umfassend informiert", sagt Sprecherin Barbara Buschkamp. Neukölln schreibe zwar schwarze Zahlen, habe aber in einer internen Studie schlechter abgeschnitten als andere Standorte. Durch die Verlegung in das französiche Werk werde eine höhere Wirtschaftlichkeit erreicht. Für die Protestierenden hatte Werksleiter Krumm am Morgen vor dem Werkstor nur wenige Worte: Er glaube nicht, dass die "rechtswidrige Aktion" etwas an der Alcatel-Entscheidung ändere.

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