Wirtschaft : Der billigste Kredit hilft dem Mittelstand wenig

Die ostdeutschen Betriebe treffen die Zerstörungen wegen des geringen Eigenkapitals besonders hart

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Berlin. Der Handwerksmeister aus Pirna, der Mittelständler aus Wittenberge und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck sind sich einig: Den vom Elbe-Hochwasser betroffenen kleinen und mittelgroßen Betrieben helfen keine weiteren Kredite, seien sie auch noch so billig. Denn den Handwerkern und Klein-Unternehmern ist das wenige Eigenkapital (siehe Lexikon) schlicht davongeschwommen.

Die Unternehmen in den neuen Bundesländern trifft dies besonders, denn anders als ihre Konkurrenten in den alten Bundesländern hatten sie nur die gut zehn Jahre seit der Wende, um überhaupt Reserven aufzubauen. Wenn dies überhaupt gelungen ist: Häufig lastet auf den Betrieben, die jetzt ohne jedes funktionierendes Produktionsmittel darstehen, auf den Geschäften, die ohne Inventar und ohne Waren neu beginnen müssen, hohe Schuldenberge.

Doch es bedurfte nicht erst des Hochwassers, um auf die prekäre Lage des ostdeutschen Mittelstandes aufmerksam zu machen. Bereits im April dieses Jahres ist die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) mit alarmierenden Zahlen an die Öffentlichkeit getreten. Das Förderinstitut untersuchte, warum die Kreditwünsche von Unternehmen von den Geschäftsbanken abgelehnt wurden. Mangelnde Sicherheiten spielten hier für die ostdeutschen Betriebe die entscheidende Rolle (57,7 Prozent). Bei ihren westdeutschen Konkurrenten waren fehlende Sicherheiten nur in 45,8 Prozent der Ablehnungsgrund. An zweiter Stelle folgt als Ablehnungsgrund die mangelhaft Eigenkapitalausstattung (Ost 41,2/West 42,8 Prozent).

Die Sparkassen, nach eigenen Angaben der größte Kreditgeber für kleine und mittelständische Unternehmen schlugen im Januar Alarm und zeichneten nach der Auswertung von rund 50000 Firmenkundenbilanzen ein düsteres Bild.

Nach den vorgelegten Zahlen wirtschafteten Betriebe mit einem Jahresumsatz von weniger als 500000 Euro, egal in welcher Branche, im Jahr 2000 praktisch ohne jedes Eigenkapital. Bei Unternehmen mit einem Jahresumsatz von weniger als einer Millionen Euro tendierte die Eigenkapitalquote bei mehr als der Hälfte gegen Null. Und selbst bei den etwas größeren Unternehmen fiel die Bestandsaufnahme durch die Sparkassen kaum besser aus. Die Eigenkapitalquote über alle Sektoren der mittelständischen Wirtschaft lag im Jahr 2000 bei knapp sieben Prozent.

Besserung, so die wenig optimistische Aussage der Sparkassen, ist kaum in Sicht. So fiel bei 31 Prozent der kleinen und mittelständischen Unternehmen im vergangenen Jahr überhaupt kein Gewinn an. Gewinn aber ist die wichtigste Voraussetzung zur Bildung von Eigenkapital. Wiederum am schlechtesten standen die kleinsten Betriebe dar. Von den Unternehmen mit einem Jahresumsatz von weniger als 250000 Euro konnten sogar 35 Prozent keine oder gerade einmal schwarze Zahlen schreiben. Bei diesen Firmen reichte es, legt man die Bilanzzahlen zugrunde nicht einmal zur Zahlung eines Unternehmerlohns.

Bundeswirtschaftminister Werner Müller (Parteilos) hat auf die neue Situation reagiert. Er regte einen Schuldenerlass für Opfer der Flutkatastrophe an. Um schnell und unbürokratisch zu helfen, sollten Schulden von Mittelständlern und Selbstständigen erlassen werden, sagte Müller am Dienstag bei einem Kongress in Rostock. Er geht von einem Schaden durch die Jahrhundertflut „im hohen Milliardenbereich“ aus. Wenn die Banken bei insolventen Konzernen notfalls auf Milliarden verzichteten, so könnten sie dies auch für den Mittelstand tun.

Die ostdeutschen Sparkassen haben bereits bekannt gegeben, dass bei ihrer mittelständischen Kundschaft ganze Betiebe und damit Werte in Milliardenhöhe vernichtet worden sind, die den Instituten als Kreditsicherheit zur Verfügung gestanden hätten. Leider habe nicht überall ausreichender Versicherungsschutz bestanden, beklagte der Geschäftsführende Präsident des Ostdeutschen Sparkassen- und Giroverbandes (OSGV), Rainer Voigt. Die Sparkassen bereiten nun im wohlverstandenen Eigeninteresse ein Eigenkapitalhilfeprogramm vor. Daniel Rhée-Piening

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