Wirtschaft : "Der Börsenschwindel": Aktionäre sind keine entmündigten Wesen

Veronika Csizi

Er hat wieder einmal zugeschlagen. Wie üblich wohl vorbereitet von einer auflagenstarken Publikation - diesmal war es der "Stern" - hat Günter Ogger gerade sein jüngstes Werk auf die Leser/innen losgelassen . Nach den "Nieten in Nadelstreifen" dem "Kartell der Kassierer" und anderen Top-Sellern grast Deutschlands bekanntester Wirtschaftspublizist erneut jene saftigen Weiden ab, die ihm öfter schon millionenschwere Auflagen beschert haben: Wieder stehen die Mächtigen unter Dauerbeschuss, wieder sind die Leser die armen Geprellten, Ausgetricksten und Getäuschten, wieder macht sich Ogger den Zorn der Menschen zunutze. Diesmal drängte sich das geeignete Thema geradezu auf: die Börse.

Abertausende Anleger haben in den vergangenen Monaten Abermilliarden verloren oder verzockt, am Neuen Markt oder anderswo: Eine dankbare Klientel für Verschwörungstheorien. Irgendwann zwischen 1996 (dem Börsengang der Telekom) und März 2000 (Beginn des Salami-Crashs) ist der arme Anleger, so Oggers Quintessenz, in die Fänge des Bösen geraten: Die Propagandamaschinerie der Banken und Börsenpostillen hat die bemitleidenswerte Kreatur so lange mit enthusisastischen Kaufparolen eingelullt, mit Falschinfos und "Infomüll" niedergewalzt, bis diese, widerwillig, "überteuerte Aktien" und "Schrottfonds" gekauft hat. Das war der Anfang vom Ende, denn, O-Ton Ogger: "Wer eine Aktie ordert, verliert die Kontrolle über sein Geld." Aber dem nicht genug. Zur Riege der "Abzocker", "Angeber", "falschen Propheten", von denen es laut Ogger vor allem am Neuen Markt nur so wimmelt, gehörten nicht nur Kriminelle, sondern auch "scheinbar seriöse Unternehmen", in denen "getrickst und getäuscht wird", dass sich die Balken biegen.

Alle kriegen ihr Fett weg: Die Emissionsbanken waren eigentlich nicht mehr als ahnungslose Tröpfe, die Schuldner über einen Börsengang zu Millionären gemacht haben - ohne sinnvolle neue Technologien, dafür aber mit dem "lautstarken Vermarkten gebrauchter Klamotten". Die Fondsmanager sind nur machthungrige Heisssporne, Hasardeure, Pokerspieler, die marktenge Werte hochjubeln, um sie dann zu verkaufen, die mit "geschönten Erfolgsnachweisen" hantieren, das Fußvolk der Kleinaktionäre unsichtbar fernsteuern. Die Firmenbosse junger Unternehmen ("schmalbrüstige Firmchen") denken ganztägig daran, wie sie sich am besten die Taschen unauffällig vollstopfen können.

Ganz schrecklich findet Ogger die Analysten. Ihre Expertisen, klärt uns der gebürtige Ulmer auf, "sind nicht mehr wert als das Gebrabbel von Stammtischbrüdern". Fehlt noch das Salz in der Verschwörungssuppe: die Medien. Nur weil sie, aus schierem auflagen- und einschaltquotensteigerndem Eigennutz, mitspielen, funktioniert die "Herrschaft der Starken über die Schwachen". Und damit jede/r Aktionär/in auch ganz sicher weiß, was er/sie letztendlich wirklich ist und warum es deshalb megawichtig ist, sein Buch zu lesen, sagt es uns Ogger dankenswerter noch einmal ganz locker: Wir sind "die Verarschten", die "Esel, die Dukaten scheißen". Danke, Herr Ogger. Aber eigentlich wissen wir das schon aus ihren früheren Werken.

Sein Buch richte sich nicht gegen die Börse und wolle auch die Aktie nicht verteufeln, schreibt Ogger gleich auf der ersten Seite. Wer allerdings seine 300 Text-Seiten schmunzelfrei für bare Münze nimmt, kann die Börse eigentlich nur für eine Art gehirnamputierende Miniaturhölle halten und Verfassungsbeschwerde wegen Verstoßes gegen die Menschenwürde einreichen.

Das Dumme an der Sache ist, dass Oggers jüngster Rundumschlag wieder einmal einen wahren Kern hat, noch dazu einen nicht gerade kleinen. Zwar ist manche Kritik - Börsennachrichten haben eine kurze Halbwertzeit - schon von der Realität begradigt, etwa der berechtigte Vorwurf, dass Altaktionäre bisher ihren Bestand ohne vorherige Mitteilung und zum Schaden der anderen Anteilseigner verkaufen können. Es stimmt indes, dass manche Banken allzu bedenkenlos Firmen aufs Parkett gezerrt haben, es stimmt auch, dass die Ad-hoc-Mitteilungen am Neuen Markt oft zu persönlichen Meinungsäußerungen des Vorstands verkommen sind. Es stimmt weiter, dass Analysten etwa in 50 Prozent aller Fälle einen richtigen Tipp geben. Und es gibt tatsächlich Kriminelle und Abzocker, die vornehmlich Kleinanleger geschröpft haben. Aber eine abgekarterte Machenschaft zur Schlachtung der Cash-Kuh Kleinaktionär ist die Börse vielleicht doch nicht. Der Aktionär, das entmündigte Wesen? Nein, nicht ein konspiratives Komplott der Finanzwirtschaft hatte Deutschland in die kollektive Börsentrance versetzt, sondern etwas viel Menschlicheres: die Gier. Und: Nicht alle sind abgezockt worden, viele haben gute Euro verdient. Der Rest hat sich, zugegeben, beim Blutlecken ordentlich verschluckt.

Auch Ogger selbst dürfte in Sachen Geld kein Waisenkind sein. Man könnte ihm den in seiner Diktion praktisch auf alle Mächtigen in der Wirtschaft anwendbaren Abzockervorwurf postwendend zurückschicken. Aber das wäre gemein. Nachdem der Mitarbeiter von "Capital" und Chefredakteur mehrerer Blätter zwei Kleinfirmen in die Pleite geführt hat und mit steuerlichen Ungereimtheiten aufgefallen ist, hat er sich seit Anfang der neunziger Jahre - immer wieder sehr geschickt einen aktuellen Trend nutzend - auf die Fehler der anderen konzentriert und eine vielbeachtete Karriere als Großkritiker der Wirtschaft aufgenommen. Und man muss es ihm lassen: Seine Bücher, so auch das aktuelle, sind sehr klug verfasst. Sie appellieren an den Aha- und an den "Na-klar-dachte-ich-mirs-doch"-Effekt und werden nicht wenige Kursgeschädigte in ihren Bann ziehen. Andere werden amüsante Stunden bei der Lektüre verbringen. Der große Rest wird sich wohl nicht abzocken lassen spart sich die 44 Mark - und kauft sich vielleicht statt dessen eine Aktie.

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