Wirtschaft : Der Charme der Manufaktur

Wolfgang Joop präsentiert sich mit dem neuen exklusiven Label „Wunderkind“

Susanna Nieder

Berlin. Wolfgang Joop aufs Altenteil? Damit war bei ihm noch weniger zu rechnen als bei Jil Sander. Die Hamburgerin ist seit Mai wieder zuständig für die gestalterische Leitung der Jil Sander AG. Ähnlich wie sie hatte auch Wolfgang Joop seine Firma verkauft, wollte zwar als Chefdesigner dabei bleiben, überwarf sich aber mit den neuen Eigentümern. Jetzt tritt auch er wieder als Modeschöpfer an die Öffentlichkeit, allerdings nicht bei der Joop GmbH. Das Label, dessen erste Kollektion er morgen im kleinen Kreis präsentieren wird, trägt den Namen „Wunderkind“ – ganz im Stil des „ältesten unter den jungen Designern“, der kommendes Jahr 60 wird, aber immer noch mitmischt, als sei er halb so alt.

Damit schlägt Wolfgang Joop nach fünf schwierigen Jahren ein neues Kapitel auf. 1998 hatten er und sein Kompagnon Herbert Frommen ihre 1982 gegründete Firma Joop! für rund 77 Millionen Euro an die Hamburger Textilgruppe Wünsche verkauft. Wolfgang Joop behielt fünf Prozent der Anteile und wurde als Chefdesigner angestellt. Als Vorstandsvorsitzenden setzte Wünsche-Chef Kai Wünsche ihm Peter Littmann vor, der soeben bei Boss ausgeschieden war. Nach wenigen Monaten machte Joop seiner Unzufriedenheit öffentlich Luft, im Oktober 1999 musste Littmann gehen.

Im Juli 2001 verkaufte Joop seine restlichen fünf Prozent – dem Vernehmen nach, weil Wünsche ihm eine Finanzspritze im zweistelligen Millionenbereich verweigert hatte. Im Dezember 2001 musste die Wünsche AG Insolvenz anmelden. Erst im April 2003 wurden Käufer für die Joop GmbH gefunden, die 2002 mit 25 lizensierten Produkten rund 200 Millionen Euro umsetzte: die Brüder Jochen und Uwe Holy (Strellson), Hans-Jürgen Seeberger (Egana Goldpfeil) und Coty als Dachmarke von Lancaster.

Der Marke Joop! war das jahrelange Hick- Hack nicht förderlich. Schon im Februar 2000 – noch mit Wolfgang Joop als Designer – war der Sprung in die USA am Desinteresse auf der New Yorker Fashion Week gescheitert. Als „abgewirtschaftet“ wurde Joop! im Frühjahr 2001 eingeschätzt. Die fristlose Kündigung seines Designervertrags durch die Wünsche AG focht Joop vor Gericht erfolgreich an, doch die Gestaltung der Kollektionen übernahm nun ein achtköpfiges Designerteam. Erst Ende Juni 2003 ist Joops Designervertrag ausgelaufen. Im April legten die neuen Besitzer mit einer Abfindung in nicht genannter Höhe den letzten Streitpunkt bei.

Mit Wunderkind will Joop sich nun ganz auf Abendmode spezialisieren. „Wir werden die teuerste und exklusivste Kollektion Deutschlands machen“, erklärt sein Pressesprecher Edwin Lemberg selbstbewusst. Das Segment zwischen Prêt-à-porter de luxe und Haute Couture sei eine Marktlücke: „Ein deutsches exklusives Label fehlt zurzeit.“ Wem Jil Sander also zu teuer und gewöhnlich ist, kann bei Wunderkind zugreifen, dessen Modelle jeweils höchstens sieben Mal angefertigt werden sollen: „Da kann ein Mantel schon mal 15000 Euro kosten.“

70 Outfits wird Wolfgang Joop morgen in seinen Potsdamer Geschäftsräumen einem kleinen Kreis handverlesener Einkäufer, Freunde und Pressevertreter vorführen. Anvisiert sind zunächst 16 Boutiquen im deutschsprachigen Raum und Holland, darunter der Departmentstore in Berlin, Johannes Schulz in Hamburg und David in Dortmund. An Accessoires wird es zunächst drei Schuhmodelle und ein Sonnenbrillenmodell geben. Joop hat offenbar genug von wirtschaftlichen Verwicklungen: „Gucci, Strenesse, Dolce e Gabbana und wie sie alle heißen sind doch nur noch Wirtschaftskonglomerate. Wir dagegen haben den Charme der Manufaktur“, sagt Lemberg.

Gefertigt wird im eigenen Atelier in Potsdam, Wolfgang Joop finanziert die gesamte Unternehmung aus eigener Tasche. Darüber, wie viel Geld bisher investiert wurde, äußert Lemberg sich vage: „Ach, Millionen! Wie viele, werden wir erst nach dieser Saison überblicken. Wir machen es so, dass es gut ist. Die Kosten berechnen wir nachher.“ Im Spätsommer wird Joop dann mit Wunderkind ein weiteres Mal zur New Yorker Fashion Week reisen.

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