Der Chef der Großmolkerei DMK : „Mehr als 32 Cent sind für die Milch derzeit nicht drin“

Ingo Müller, Chef der Großmolkerei DMK, spricht im Interview über die Probleme der Milchbauern, die Macht des Handels und seinen Ärger mit dem Bundeskartellamt.

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Zwei von 4,2 Millionen: Doch die deutschen Kühe haben Konkurrenz. Viele Milchprodukte kommen aus dem Ausland.
Zwei von 4,2 Millionen: Doch die deutschen Kühe haben Konkurrenz. Viele Milchprodukte kommen aus dem Ausland.Foto: Arno Burgi/dpa

Herr Müller, wie viel zahlen Sie den Bauern für die Vollmilch?

32 Cent pro Liter.

Vor einem Jahr waren es noch 20 Cent. Was ist passiert?

Der Gesamtmarkt hat sich nach oben entwickelt.

Wird weniger Milch produziert?

Ja. Wegen der niedrigeren Preise wurde weniger Milch produziert. Hinzu kommt, dass sich die Märkte auch wieder erholt haben.

Was steckt hinter der Produktionssenkung?

Das ist ganz unterschiedlich. Einige Landwirte haben den Betrieb ganz aufgegeben, weil sich das Geschäft nicht mehr gelohnt hat. Andere haben ihren Bestand verringert, also Kühe verkauft. Und viele haben weniger Kraftfutter verfüttert, sodass die Kühe weniger Milch gegeben haben. Außerdem hat die Europäische Union riesige Mengen aus dem Markt genommen.

Ingo Müller ist seit Oktober 2016 Sprecher der Geschäftsführung beim Deutschen Milchkontor (DMK).
Ingo Müller ist seit Oktober 2016 Sprecher der Geschäftsführung beim Deutschen Milchkontor (DMK).Foto: promo

Wie?

Es wurde mehr Milch zu Pulver verarbeitet. Im ersten Halbjahr 2016 waren 2,3 Milliarden Liter mehr Milch auf dem Markt als im Jahr zuvor. In Europa wurden daraufhin über drei Milliarden Liter zu 350 000 Tonnen Pulver für die Intervention verarbeitet, die noch heute in den Lägern der EU liegen.

Wie lange hält sich das?

Mindestens zwei Jahre.

Jetzt steigt der Preis wieder, rechnen Sie damit, dass die Milchproduktion anzieht? Das wäre ja ein ziemlicher Teufelskreis.

Die deutsche Milchproduktion liegt derzeit noch drei Prozent unter dem Vorjahreswert. Man spürt allerdings, dass die Produktion wieder nach oben geht und die Landwirte mehr liefern. Allerdings sind auch 32 Cent kein Preis, bei dem die Bauern jubeln können. Vor allem weil sich viele noch nicht von dem Preisrutsch im letzten Jahr erholt haben. Aber ja, die Produktion zieht wieder an. Und wir dürfen nicht nur den deutschen Markt sehen, das gilt auch für die gesamte EU. Im vergangenen Jahr haben zum Beispiel die Niederlande und Irland die Milchproduktion massiv ausgeweitet. Rund 40 Prozent der in Deutschland verkauften Milchprodukte stammen aus unseren europäischen Nachbarländern.

Die 32 Cent reichen den Bauern nicht. Warum legen Sie nicht was drauf?

Das würde ich gern, aber ich kann nicht. Wir machen aus der Milch Käse, Butter, Quark und Babynahrung, die muss ich am Markt absetzen. Rund 60 Prozent unserer Produktion gehen an deutsche Lebensmittelhersteller und den Einzelhandel, 40 Prozent wandern in die EU und den weltweiten Export. Russland lässt nach wie vor keine deutsche Milch ins Land, die Nachfrage aus China ist geringer. Auch viele andere Länder, die Milchprodukte importieren, haben wirtschaftliche Probleme, wie zum Beispiel erdölexportierende Länder. Mehr als 32 Cent sind aktuell nicht drin.

Wie entwickeln sich die Milchpreise in den nächsten Monaten?

Ich glaube zurzeit nicht, dass die Preise weiter steigen. Wir haben eine Seitwärtsbewegung.

Aber andere Molkereien zahlen den Bauern mehr als Sie.

Ja, wir sind noch nicht da, wo wir hinwollen. Wir haben zwölf Monate lag einen Cent weniger gezahlt als der Durchschnitt, im Moment sind es 0,3 bis 0,4 Cent weniger.

Warum ist das so?

Das Deutsche Milchkontor ist aus der Fusion von Nordmilch mit Humana entstanden. Wir haben eine starke Konsolidierung hinter uns, wir mussten viel investieren, wir organisieren das Unternehmen neu, um leistungsfähiger zu werden. Wir stecken mitten in dem Prozess, neue Business Units zu schaffen, in denen Vertrieb und Produktion für bestimmte Geschäftsbereiche zusammengefasst werden. Das ist eine schwierige Zeit. Aber wir wollen in Zukunft die Leistungsfähigkeit nachhaltig steigern und den Bauern, die ja über die Genossenschaft letztlich unsere Eigentümer sind, nicht weniger zahlen als die Nachbarmolkereien.

Für den Landwirt ist es schwer zu verstehen, dass das eigene Unternehmen weniger zahlt als die Konkurrenz. Kein Wunder, dass Sie Lieferanten verlieren.

Ich verstehe den Ärger. Wir müssen zeigen, dass wir die Dinge anpacken und in Ordnung bringen. Ich könnte jetzt zwar darauf verweisen, dass es Konkurrenten gibt, die noch weniger gezahlt haben als wir. Aber das zählt nicht. Wir sind die größte Molkerei, und von uns wird daher zu Recht einiges erwartet. Wir sind ja gewachsen, um leistungsfähiger zu werden.

Das Kartellamt prüft, ob Sie die Bauern unfair behandeln, indem Sie diese lange vertraglich binden, ihnen nicht sagen, was sie für ihre Milch bekommen, bevor sie liefern, und die Bauern zwingen, ihre komplette Produktion bei Ihnen abzuliefern.

Aber unser Unternehmen gehört doch den Bauern! Was wir erwirtschaften, geben wir an unsere Mitglieder zurück. Die Lieferbedingungen und die Preise haben nicht irgendwelche Manager festgelegt, sondern das haben die Landwirte in den Gremien selbst beschlossen. Das ist schon mal das Erste. Zweitens: Eine Andienungspflicht der Landwirte verbunden mit einer Abnahmegarantie der Molkereien gibt es für 97 Prozent der Bauern in Deutschland. Das ist nicht unsere Erfindung. Dass das nun infrage gestellt wird, liegt aus meiner Sicht vorrangig an den niedrigen Milchpreisen der vergangenen zwei Jahre. Aber jetzt an den Lieferbeziehungen herumzudoktern, ist der falsche Ansatz, um die Situation der Bauern zu verbessern. Wenn – wie 2016 – der Weltmarkt zusammenbricht, dann gehen die Milchpreise in den Keller, egal wie die Lieferantenbeziehung mit der Molkerei aussieht. Um den Bauern zu helfen, müssen wir vielmehr die Wertschöpfung erhöhen – durch Mehrwertprodukte, Innovationen und Investitionen.

Wer macht denn den Reibach im Milchgeschäft? Die Bauern ja nicht, bleiben die Molkereien und der Handel!

Wir sind es auch nicht. Wir machen zwar 4,6 Milliarden Euro Umsatz im Jahr, aber nur 13 Millionen Euro Gewinn. Was das Verhältnis zum Handel angeht, ist es so: Über 100 Molkereien stehen fünf großen Handelsketten gegenüber und die versuchen natürlich, für die Konsumenten optimale Preise herauszuholen. Dasselbe gilt für die Ernährungsindustrie, etwa Schokoladenhersteller. Die schauen auf die Weltmarktpreise, das ist deren Benchmark. Wenn wir mehr Profit machen wollen, müssen wir aus dem Standardsegment heraus und Produkte mit höherer Wertschöpfung herstellen.

Was bedeutet das?

Babynahrung hat eine höhere Wertschöpfung, oder Spezialprodukte, die wir für bestimmte Industriekunden herstellen, bringen mehr als Magermilchpulver oder Butter. Aber um dahin zu kommen, muss man investieren. In der Zeit, in der man investiert, kann man weniger für die Milch zahlen.

Mit Milram haben Sie eine bekannte Marke, Sie produzieren aber auch in großem Stil No-Name-Milchprodukte für den Handel. Machen Sie sich damit nicht die eigene Marke kaputt?

Bei Standardprodukten sind heute 70 bis 80 Prozent Handelsmarken, und die Händler bauen das Angebot noch weiter aus. Auf dieses Geschäft können wir nicht verzichten, das macht einen großen Teil unserer Produktion aus. Wir waren – anders als viele süddeutsche Molkereien – nie ein großer Markenproduzent. Aber wir haben mit Milram und Humana dennoch starke Marken, die auch höhere Preise erzielen. Wir wollen jetzt stärker in die Werbung investieren und den Vertrieb dieser Marken intensivieren.

Das DMK ist zwar die größte Molkerei, hat aber viele regionale Standorte, etwa in Waren oder auf Rügen. Warum setzen Sie nicht mehr auf Regionalität? Die Kunden sind doch bereit, für regionale Produkte mehr zu zahlen.

Das sehen wir auch. Gerade bei Käse setzen wir verstärkt auf Regionalität. Wir haben den „Müritzer“-Käse und kommen nun mit dem „Rügener“ auf den Markt. Wir verarbeiten für diese Käsesorten nur Milch aus der Region. Wir machen das aber im Prinzip auch bei unseren anderen Produkten so, ohne das bislang an die große Glocke zu hängen.

Er kennt die Sorgen der Bauern. Ingo Müller (44) ist auf dem elterlichen Hof in der Nähe von Oldenburg aufgewachsen. Statt den Betrieb zu übernehmen, hat Müller Milch und Molkereiwirtschaft studiert und ist zum Deutschen Milchkontor (DMK) gegangen. Seit Oktober 2016 ist er Sprecher der Geschäftsführung. Das DMK ist mit 7500 Mitarbeitern an 26 Standorten in zehn Bundesländern die größte Molkerei Deutschlands. Das DMK wird von 8300 Bauern beliefert und verarbeitet im Jahr 6,7 Milliarden Kilogramm Milch. Doch viele der Bauern, die über die DMK-Genossenschaft Miteigentümer sind, sind unzufrieden. Die Zahlen sind nicht gut. Das Unternehmen, das 2010 aus der Fusion von Nordmilch und Humana entstanden ist, ist bis heute damit beschäftigt, den Zusammenschluss umzusetzen.

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