Wirtschaft : Der Chefin nicht nach dem Mund reden

Führungskräfte reagieren oft nicht nur allergisch auf Kritik. Mitarbeiter müssen aufpassen, damit sie es sich nicht mit ihnen verscherzen.

Tobias Schormann
Von den Lippen lesen. Wer meint, er kommt mit der Chefin besser klar, wenn er nur das sagt, was er denkt, was sie wünscht – der hat sich getäuscht. Das kommt sicher auch bei der Bundeskanzlerin Angela Merkel (Foto) schlecht an.Foto: dpa
Von den Lippen lesen. Wer meint, er kommt mit der Chefin besser klar, wenn er nur das sagt, was er denkt, was sie wünscht – der...Foto: dpa

Ein Werbespot geht so: Ein Mitarbeiter geht gut gelaunt ins Chefzimmer und reißt einen Witz über eine Frau, die gerade das Büro verlässt.

Sein Pech: Es war die Frau vom Chef. In so ein Fettnäpfchen zu treten, kann böse Folgen haben. Und wer es sich mit dem Boss verscherzt, hat schnell nur noch wenig zu lachen. Zu den gröbsten Fehlern im Umgang mit dem Chef gehören Lästern, Bloßstellen, Kritisieren, Jammern, ihn warten zu lassen, immer offen und ehrlich sein, zu schleimen und seine Schwächen zur Schau zu stellen.

LÄSTERN VERBOTEN

Zugegeben, über den Chef lästert jeder mal. „Das ist nur menschlich“, sagt die Karriereberaterin Claudia Enkelmann aus Königstein im Taunus. Dumm nur, wenn er dann gerade hinter einem steht. Das kann mächtig Ärger geben. Mitarbeiter dürfen sich also beim Tuscheln nicht erwischen lassen. Noch peinlicher: In einer E-Mail über den Vorgesetzten herziehen und dann erst merken, dass er auch im Verteiler ist. „Oder man postet auf Facebook, dass der Chef ein Depp ist, und er kann es mitlesen.“

BLOSSSTELLEN

Der Chef hat keine Ahnung vom Thema? Das muss er auch nicht. „Dem Chef muss man zugestehen, dass zehn Prozent von dem, was er macht, Mist ist“, sagt Beraterin Enkelmann. Um das auszubügeln, hat er ja seine Mitarbeiter. Die sollten sich aber besser nicht in großer Runde wie Schweinchen Schlau aufführen, warnt der Karriereberater Jürgen Hesse aus Berlin. Denn der Boss fühlt sich natürlich blamiert, wenn ein Besserwisser ihn vor versammelter Mannschaft als Trottel dastehen lässt. Ihn auflaufen zu lassen und bloßzustellen, ist daher keine gute Idee.

KRITISIEREN

Der Chef hat also immer recht? Selbst, wenn er den letzten Unsinn erzählt? Das nicht – Kritik muss aber richtig serviert werden. „Das ist wie bei bitterer Medizin: immer auf einem Stückchen Zucker“, sagt Hesse. Statt einen Vorschlag vom Chef einfach abzubügeln, gehen Mitarbeiter besser erst einmal darauf ein, indem sie etwa sagen: „Ich kümmere mich darum und gebe Ihnen Bescheid.“ Hinterher können sie dem Chef immer noch unter vier Augen erklären, warum der Vorschlag keine gute Idee ist. Und zur Not lässt sich das Ganze dann noch auf andere abschieben – etwa so: „Das ist eine interessante Idee, da wäre der Herr Müller am besten geeignet.“

JAMMERN

Weicheier mag kein Chef. Es kommt daher nie gut an, wenn Angestellte ihrem Vorgesetzten mit ihren Problemen die Ohren vollheulen. „Der Chef will keine Mitarbeiter, die anstrengend sind“, sagt der Karriereberater Hesse. „Er will wissen: Was ist Ihre Lösung?“ Es kann daher nach hinten losgehen, wenn Beschäftigte gestresst auf die Aktenberge auf ihrem Tisch zeigen und über die vielen Schwierigkeiten bei einem Projekt stöhnen. Dabei wollen manche damit nur zeigen, wie viel sie leisten und wie wichtig sie sind. Auf den Vorgesetzten wirken sie dann aber schnell überfordert: „Er denkt dann: Der packt das nicht“, erklärt Svenja Hofert, Karrierecoach aus Hamburg.

WARTEN LASSEN

Der Kunde ist König? Schön für ihn, aber der Chef ist immer noch der Chef im Haus. Wenn er Hilfe beim Erstellen einer Präsentation braucht und PC-Probleme hat, ist das wichtiger als Kundenanfragen, so Enkelmann. „Dann sagt man also besser nicht: 'Kommen Sie mal, wenn ich fertig bin.'“ Pflichtbewusste Mitarbeiter denken oft, dass es reicht, seine Arbeit gut zu machen. Sie sind dann die Dummen. „Die alltägliche Aktenarbeit fällt nicht auf“, sagt Hofert. Dem Chef aus der Patsche zu helfen, mache dagegen Eindruck. „Wenn man ihn aber warten lässt, nimmt er es am Ende sogar persönlich und denkt sich: Jetzt geb' ich dem mal eine Gelegenheit, und der lässt mich im Stich“, fügt Enkelmann hinzu.

OFFEN UND EHRLICH SEIN

Ehrlich währt am längsten? Mag sein, aber man muss dem Chef auch nicht alles gleich auf die Nase binden – zum Beispiel, dass man sich gerade anderswo bewirbt. „Das kann einem schnell auf die Füße fallen“, sagt Hesse. Schließlich kann so eine Aussage leicht das Vertrauen in den Mitarbeiter erschüttern. Das Gleiche gilt umgekehrt aber auch für Unehrlichkeit – so ist es natürlich ein tödlicher Fauxpas, sich beim Blaumachen erwischen zu lassen. Die perfekte Steilvorlage dafür: „Ich melde mich krank und poste auf Facebook: 'Super, ich bin gerade beim Bummeln in der Stadt'“, gibt Enkelmann ein Beispiel.

SCHLEIMEN

Ja, der geborene Chef ist ein Narzisst und kann gar nicht genug Lob bekommen. Sagen Mitarbeiter so etwas wie „Ich bewundere das ja, wie Sie das vor dem Vorstand durchgeboxt haben“, fühle sich mancher Abteilungsleiter daher tatsächlich geschmeichelt, erklärt Hofert. Versucht jemand aber ständig, dem Chef nach dem Mund zu reden, wirke das schnell aufgesetzt und unsicher. „Es kommt immer besser an, wenn Mitarbeiter authentisch bleiben.“ Das heißt aber nicht, dass sie nicht ab und zu ihre Zunge hüten sollten. Hat die Chefin ein neues Parfüm, kommt es nicht gut, laut herauszuposaunen: „Puh, wo kommt denn diese Duftwolke her?“

SCHWÄCHEN ZUR SCHAU STELLEN

Ähnlich schlau ist es, wenn Mitarbeiter offen ihre Unlust oder Unwissenheit zur Schau stellen. Erzählt die Sekretärin etwa freimütig, dass sie die Telefonanlage nicht versteht und die ganzen Kundenanrufe eh nerven, mag mancher Kollege verständnisvoll nicken. Der Vorgesetzte dürfte eher hellhörig werden, wenn diese Dinge zu ihrem Job gehören. „Da muss ich als Chef drauf reagieren“, erklärt Hesse. Schlimmstenfalls heißt das, dass er sich eine neue Sekretärin sucht. dpa

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