• Der Chefökonom der Schweizer UBS sieht die Rezession als Bewährungsprobe für die Europäische Zentralbank

Wirtschaft : Der Chefökonom der Schweizer UBS sieht die Rezession als Bewährungsprobe für die Europäische Zentralbank

jhw

Die Wirtschaftspolitik in Deutschland wird sich kräftig ändern und künftig wieder mehr "für die Wirtschaft gemacht". Damit rechnet Klaus Wellershoff, der Chefvolkswirt der Schweizer UBS. Die Regulierung in Deutschland sei "sehr dicht", und das könne sich Deutschland nicht mehr leisten, konstatierte Wellershoff im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Der Wandel entspringe allerdings nicht der Einsicht in die Vernunft der Deregulierung, vielmehr ergebe er sich auf Grund der ständig wachsenden Konkurrenz im gemeinsamen europäischen Markt.

Dass Deutschland etwas für seine internationale Wettbewerbsfähigkeit tun müsse, zeige sich nicht zuletzt an der auf hohem Niveau verharrenden Arbeitslosigkeit. Denn während in Euroland insgesamt am Arbeitsmarkt viel passiere, gebe es in Deutschland keine Impulse. "In puncto Beschäftigung holt Europa auf", sagte Wellershoff, der darauf verwies, dass die Beschäftigung in den elf Staaten der Währungsunion jährlich um 1,5 Prozent wachse. In den USA sind es nach Angaben des UBS-Chefökonomen in Boomzeiten nicht mehr als zwei Prozent gewesen. Es gebe keinen Anlass, die Zahlen aus Euroland "schwärzer zu malen, als sie sind".

Er erwartet, dass Deutschland mit einer Deregulierungspolitik bald mit dem Beschäftigungswachstum mithalten werde. Viele internationale Investoren teilten inzwischen die Ansicht, dass sich ein Politikwechsel abzeichnet - wofür auch die neue Finanzpolitik unter Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) spreche. Man könne "höchst zufrieden" sein, dass die Bundesregierung "nicht mehr den alten Theorien nachläuft und meint, sie müsse mehr Geld ausgeben, um die Konjunktur anzukurbeln", sagte Wellershoff. "Das ist positiv."

Noch freilich bleibt die deutsche Konjunktur nach der Prognose der UBS hinter der in Euroland insgesamt zurück. Für das laufende Jahr sieht Wellershoff eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts in Deutschland von real 1,5 Prozent voraus, für das kommende Jahr dann 2,5 Prozent.

Auf die Frage, ob die Konjunktur jetzt endlich in Fahrt komme, entgegnete Wellershoff: "Die Konjunktur ist schon in Fahrt." Die elf Euro-Volkswirtschaften wachsen laut Wellershoff schneller als im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre. Sein Institut rechnet mit einem Aufschwung in Euroland von zwei Prozent in diesem Jahr, und im kommenden Jahr gehe es "mehr in Richtung drei Prozent und vielleicht sogar ein bisschen höher". Allerdings sei die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) schon so expansiv und seien die Zinsen so niedrig, dass sie das Geld nicht noch billiger machen könne. Schließlich stiegen die Inflationsraten schon wieder, im kommenden Jahr sei mit einer Teuerung von zwei Prozent zu rechnen. Wellershoff zufolge dürfte der Druck auf die EZB steigen, sobald höhere Zinsen nötig würden, um die Inflationsgefahren zu verringern. "Dann erleben wir mit hoher Wahrscheinlichkeit eine öffentliche Diskussion um die Geldpolitik der EZB." Erst in dieser Konjunkturphase komme es zur großen Bewährungsprobe des Euro, sagte Wellershoff, dessen Institut nach der Deutschen Bank das zweitgrößte in Europa ist. Bei einer expansiven Geldpolitik meckere keiner, der Test beginne, sobald die Zinsen stiegen. Der Volkswirt kritisierte, dass sich die öffentliche Diskussion auf den Außenwert des Euro konzentriere. "Der Erfolg des Euro", sagte Wellershoff, "ist nicht daran zu sehen, ob der Kurs des Euro bei 1,05 oder 1,02 Dollar steht."

Für die Weltwirtschaft prognostiziert die UBS nur geringe Gefahren - obwohl ziemlich viele Schwellenländer noch in der Krise steckten. So müsse man über weitere Probleme in Russland nachdenken, wenn Öl- und Gaspreis wieder fallen. Allerdings sei der Anteil des russischen Bruttoinlandsprodukts an der Weltwirtschaft kleiner als der der Schweiz. Komme es zu einer weiteren Wirtschaftskrise, werde es ohnehin viel geringere Auswirkungen auf Europa geben als nach der Asienkrise vor zwei Jahren: Viele Akteure hätten inzwischen dazu gelernt, schätzt Wellershoff. Zum Beispiel seien viele Banken und Anleger vorsichtiger geworden.

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