Wirtschaft : Der Dax hat die größten Sprünge hinter sich

BERND FRANK ANKE REZMER (HB)

Analysten sehen Börsenbarometer zwar weiter klettern, 6000 Punkte bleiben aber außer ReichweiteVON BERND FRANK /ANKE REZMER (HB)Noch etwa drei Monate wird die Liquiditätshausse nach Ansicht von Hans-Dieter Klein, Leiter des Aktienresearch der Deutsche Morgan Grenfell, anhalten.Die Gründe: weiter niedrige Zinsen, positive Firmenergebnisse und lebhaftere Inlandsnachfrage.Im Sommer dürften die Kurse eine Pause einlegen, aber nicht einbrechen.Anfang 1999 werde sich der Dax weiter nach oben bewegen.Bei solidem Wirtschaftswachstum ohne Inflation hätten Anleger wenig interessante Alternativen zu Aktien, zumal der Schub in die private Altersvorsorge in Europa und die Chancen auf einen attraktiven Euro-Markt die Kurse weiter stützen dürften.In Euroland sei die Marktkapitalisierung im Verhältnis zum Sozialprodukt noch geringer als in den USA, Großbritannien und der Schweiz.Daher könnte der Dax in 12 bis 15 Monaten die von technischen Analysten bereits für Juni erwartete 6000er Marke überspringen.Dann habe er allerdings seinen Höhepunkt gesehen, nach 16 Jahren bull market folge eben eine Reifephase.Klein gewichtet konjunktursensible Branchen leicht über.Zu seinen Lieblingen gehören Degussa, Lufthansa, SAP VZ, Schering und Veba, im M-Dax Adidas und Conti. "Die Luft wird dünner", kommentiert Thomas Tilse aus dem Investmentresearch der Commerzbank seine Zielhöhe von 5400 Dax-Punkten zum Jahresende.Wenn jedoch alle Eckdaten positiv blieben, auch der US-Dollar sich also über 1,83 DM halte, könnte der Index noch um 10 Prozent höherschießen.Tilse gefallen unter anderem die Versorger, weil einige neben guten Aussichten im Kerngeschäft auch auf Telekommunikation setzten.Untergewichtet hat er nur den Bau.Dem privaten Anleger rät die Commerzbank zu Veba wegen guter Gewinnentwicklung und weil sie Beteiligungen wie Stinnes über die Börse veräußern wolle. Goldman Sachs erwartet den Dax im weiteren Jahresverlauf in einer Bandbreite zwischen 5100 und 5500 Punkten.Etwas skeptischer ist Robert Willis, Leiter der Analyse für deutsche Aktien bei der Société Générale.Einen wichtigen Einflußfaktor sieht er in der Bundestagswahl Ende September."Wir glauben, daß dieses Ereignis am Markt noch nicht ausreichend berücksichtigt wird.Anders als viele Investoren rechnen wir mit einer rot-grünen Regierung." Sobald die Wahrscheinlichkeit eines Regierungswechsels den Anlegern stärker bewußt werde, drehe der Markt nach unten.In den ersten Monaten 1999 könnte der Dax aber wieder Richtung 5500 marschieren und wenn das Zinsumfeld günstig bleibe zur Jahresmitte die 6000er Marke streifen.Willis hat wegen Umstrukturierungs- und Fusionsphantasie Banktitel übergewichtet (Deutsche, Commerzbank, Vereinsbank).Gute Kurschancen gibt er Preussag und Karstadt.Dagegen würden Versorgerwerte unter einer rot-grünen Regierung am meisten leiden. Auch Heino Ruland, Chefstratege bei der DG Bank, sieht den Dax auf ein Top zusteuern."Wir sind in einer Phase hektischer Branchenrotation.Das zeigt, daß sich viele Anleger nicht mehr sicher sind, was sie machen." In der zweiten Jahreshälfte erwartet Ruland einen leichten Zinsanstieg, was den Dax schwächen werde.Der Bundestagswahl mißt er dagegen keine große Bedeutung bei.Besser als der Gesamtmarkt würden Maschinenbau (MAN, Linde) und Konsum/Handel (Metro, Douglas, Hornbach) laufen.Für Ruland ist die Zeit der großen Kurssprünge vorerst vorbei.Auf 6000 sieht er den Dax frühestens im Jahr 2000: "Das Gewinnwachstum bei den Unternehmen wird sich nach 1999 deutlich abschwächen." Das sieht Norbert Barth, BHF-Bank, anders.Bei den Firmengewinnen sei die Spitze 1999 (plus 12 Prozent) noch nicht erreicht, zumal die deutsche Wirtschaft bis zu drei Jahren hinter der US-Konjunktur hinterherhinke.Seine Favoriten: Daimler, Depfa, Deutsche Bank, Gehe, IWKA, Sixt.Pessimistischer zeigt sich dagegen Margot Schoenen von der WestLB: "Der Markt ist zu unbesorgt." Das gute erste Quartal werde sich jetzt wohl nicht wiederholen.So erwartet Schoenen 1999 in Europa höhere Inflation und steigende Zinsen.Zudem dürfte sich das US-Wachstum abschwächen."Und gegen die US-Börse können wir nicht anstinken."

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar