Wirtschaft : "Der Dax ist kein Auslaufmodell"

Die deutschen Aktienindizes M-Dax und Dax sind in dieser Woche neu geordnet worden. Fresenius Medical Care (FMC) wird in den Dax aufgenommen. Kamps rückt in den M-Dax auf. Henrik Mortsiefer sprach mit Achim Matzke, Indexspezialist und Analyst der Commerzbank, über die Bedeutung der Börsenbarometer für Anleger und Unternehmen. Herr Matzke, ist der Dax ein Auslaufmodell, das von den Euroland-Indizes ersetzt wird? Nein. Trotz des gemeinsamen Marktes bleiben viele Investoren noch regional orientiert. Dafür sprechen nicht zuletzt die zahlreichen Länder-Analysen der Research-Abteilungen. Im Dax finden sich im übrigen ja auch Werte, die in den Euroland-Indizes enthalten sind. Außerdem gibt es eine Vielzahl von Derivaten auf den Dax, die sich nach wie vor größter Beliebtheit erfreuen - der Dax Future zum Beispiel. Der Dax bleibt wichtig. Müssen private Anleger nach der Neuordnung ihre Depots umschichten? Weniger. Vor allem die institutionellen Anleger - die Fonds und Kapitalanlagegesellschaften - die die Indizes abbilden, müssen jetzt ihre Portfolios anpassen, soweit sie es nicht längst getan haben. Für Privatanleger werden Aktien von Fresenius Medical Care und Kamps, die jetzt aufgerückt sind, natürlich auch interessanter. Warum? Die Aufnahme in den Dax oder M-Dax bringt den Unternehmen einen wahnsinnigen Imagegewinn, der sich auch in den Kursen wiederspiegelt. Das ist wie im Fußball, wenn eine Mannschaft aufsteigt. Die Aufnahme in den Dax bedeutet also automatisch auch steigende Kurse? Das war in der Vergangenheit sehr unterschiedlich. Es gibt solche und solche Dax-Geschichten. Für die Münchener Rück zum Beispiel war die Aufnahme in den Dax ein Glücksfall, weil die Aktie international hoffähig gemacht wurde. Die Kurse haben daraufhin kräftig angezogen. Adidas liefert das Gegenbeispiel: Der Kurs hat sich halbiert, seit das Papier im Dax notiert. Die Aufnahme in den Index garantiert also keine bessere Performance. Es hieß, bei der Aufnahme von FMC in den Dax seien auch "weiche Kriterien" berücksichtigt worden - also nicht nur die Marktkapitalisierung und der Umsatz. Was ist damit gemeint? Der Arbeitskreis Aktienindizes der Deutschen Börse, der über die Zusammensetzung des Index entscheidet, muß einerseits für Kontinuität in der Branchenverteilung sorgen. Er muß andererseits aber auch neue ökonomische Entwicklungen aufgreifen. So zum Beispiel, wenn die Telekommunikations- oder Dienstleistungsbranche einen immer größeren Anteil der Gesamtwirtschaft ausmachen. FMC gleicht als Pharmawert den Wegfall von Hoechst ideal aus. Dieses Aufnahmekriterium könnte man also als "weich" bezeichnen. Die Zahl der Indizes steigt ständig. Nemax, Smax, S-Dax. . . Verlieren Anleger da nicht den Überblick? Viele Anleger denken zu kurzfristig. Wir brauchen einen Blue-Chip-Index genauso wie einen Index für die kleineren Aktien, weil die Börse mehr ist als ein Zockermarkt. Sie finanziert vor allem das Wachstum der Mittelständler, die die Arbeitsplätze in unserer Volkswirtschaft schaffen. Wer nur an den schnellen Gewinn denkt, hat nicht verstanden, was ein eigenes Börsensegment wie der Smax, der kleine und mittelständische Unternehmen aufnimmt, zu bedeuten hat. Ein eigener Index sichert die Aufmerksamkeit der Investoren, auch der internationalen und institutionellen.Übrigens: Der anfangs belächelte S-Dax, der 100 Werte aus dem Smax abbildet, hat seit seiner Einführung mehr hinzugewonnen als M-Dax und Neuer-Markt-Index. Wann wird der Neue Markt wegen Überfüllung geschlossen? Der Neue Markt wird nicht geschlossen. Das Börsensegment der deutschen Wachstumswerte ist so wichtig wie der amerikanische Markt Nasdaq.

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