Wirtschaft : Der Drache regt sich

China ist dabei, Deutschland als drittstärkste Wirtschaftsnation der Welt abzulösen. Profitieren werden beide Länder davon

C. Brönstrup[B. Hops],H. Maass (Peking)

Von C. Brönstrup, B. Hops und H. Maass (Peking)

In China gehen die Lichter aus. Manchmal sogar mitten am Tag. In der ehemaligen Kaiserstadt Hangzhou bricht dann der Verkehr zusammen, denn selbst Ampeln müssen abgeschaltet werden. Das ist aber kein Zeichen von Armut. Die Energie wird andernorts benötigt. Chinas Wirtschaft wächst so stark, dass der Strom manchmal nicht für alle reicht. Um den Mangel zu beenden, sind Dutzende neuer Kraftwerke geplant, Atomreaktoren wie Kohleöfen.

Der Energiehunger wächst so beständig wie das Bruttoinlandsprodukt. In den vergangenen zehn Jahren hat die Wirtschaftsleistung des 1,3-Milliarden-Einwohner-Landes um durchschnittlich neun Prozent zugenommen. „Reich werden ist ehrenhaft“, hatte der Reformpolitiker Deng Xiaoping Ende der 70er Jahre als Credo ausgegeben – und den Grundstein für den Aufstieg Chinas vom Entwicklungsland zur wirtschaftlichen Weltmacht gelegt. Womöglich schon in acht Jahren, so eine Studie der Allianz-Group, wird das riesige Reich Deutschland als drittgrößten Wirtschaftsproduzenten verdrängen. Und der wachsende Wohlstand Chinas bringt auch hier zu Lande vieles in Bewegung.

Bei deutschen Unternehmen gilt China derzeit als der ausländische Absatzmarkt schlechthin. „Dort verkaufen wir mehr Bagger als in Europa und den USA zusammen“, sagt Joachim Schmid vom Verband der Baumaschinenindustrie. „China ist bei Großanlagen mit einem Bestellvolumen von 1,4 Milliarden Euro der mit Abstand größte Absatzmarkt“, sagt Thomas Waldmann vom Maschinenbauverband VDMA. Während die Ausfuhr in die EU-Länder im vergangenen Jahr kaum wuchs, legte der Export nach China um ein gutes Viertel zu. Top-Konzerne, die noch nicht vor Ort vertreten sind, beeilen sich, ins Geschäft zu kommen (siehe Kasten). „Die Verlagerung der Produktion aus Kostengründen spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle“, sagt Rolf Langhammer, Vizepräsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. „Es lockt vielmehr das immense Nachfrage-Potenzial.“ Dabei schreckt sie auch nicht, dass das Rechtssystem – zum Beispiel beim Schutz von geistigem Eigentum – noch lange nicht westlichen Standards entspricht.

Gut zehn Milliarden Dollar haben deutsche Investoren allein 2003 mitgebracht. Die Manager hoffen auf die Lust der Chinesen am Konsum: 35 Millionen Neukunden beim Festnetz-Telefon und 50 Millionen im Mobilfunk erwartet der Industrieverband BDI – pro Jahr. Für Volkswagen ist China bereits der wichtigste Markt nach Deutschland. Aber auch der Mittelstand ist mit von der Partie – insgesamt haben sich schätzungsweise 2000 deutsche Firmen in den Boom-Regionen niedergelassen. Für Asien ist die Volksrepublik zu einer Konjunkturlokomotive geworden. Nicht einmal die Lungenkrankheit Sars und Probleme im Bankensektor können den Aufstieg stoppen. „Auch in den kommenden Jahren wird die Wirtschaft um sieben bis acht Prozent wachsen“, sagt Allianz-Asienexperte George Joseph.

Das Wachstum hat viele chinesische Unternehmen reich gemacht. So sind im Stillen neue Weltkonzerne herangereift, die ihrerseits auf der Suche nach neuen Märkten und nach Know-how sind. So hat der chinesische Fernseher-Hersteller TCL den französischen Markenkonzern Thomson übernommen. Der Telekommunikationskonzern Asia Global Crossing erwarb ein ganzes US-Telefonnetz. Und auch in Deutschland spielen chinesische Firmen bereits eine Rolle (siehe Kasten). Einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger zufolge wollen fast alle der 50 führenden Unternehmen Chinas international expandieren.

Mit ihrem Gewicht in der Weltwirtschaft wächst auch das technologische Potenzial Chinas. Es wandelt sich von einer einfachen Werkbank hin zu einem Land, das selbst forscht und entwickelt. Schließlich hat die Regierung ausländische Investoren, die ins Land wollten, auch dazu verpflichtet, Know-how mitzubringen – etwa beim Transrapid, den deutsche Firmen in Schanghai gebaut haben und den China nun am liebsten in Eigenregie weiterentwickeln will.

Noch liegt der Schwerpunkt der Industrie auf Energie oder technisch weniger anspruchsvoller Produktion. „In fünf, sechs Jahren werden die Chinesen Deutschland aber auch auf Gebieten Konkurrenz machen, auf denen wir traditionell stark sind“, sagt Jürgen Heraeus vom Asien-Pazifik-Ausschuss der deutschen Wirtschaft. Ein Beispiel sei der Maschinenbau. „Schon heute sieht man, wenn man über eine Messe in China geht, eine Flaschenabfüllanlage eines deutschen Anbieters – und einige identische von chinesischen Firmen. Wir dürfen uns da nichts einbilden.“ Foto: dpa

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