Wirtschaft : Der Erfolg begann mit dem Wasch-Holzbottich

KATHARINA VOSS

BERLIN . Kein Gesetz habe soviel zur Emanzipation der Frau beigetragen wie die Einführung der Waschmaschine, zitiert Peter Zinkann, geschäftsführender Gesellschafter von Miele, ein Soziologie-Lehrbuch. Am 1. Juli 1899, vor rund hundert Jahren, wurde die Firma gegründet. Das westfälische Familienunternehmen rühmt sich damit, 1900 den ersten Vorläufer der Waschmaschine entwickelt zu haben: Den Miele-Holzbottich mit Rührvorrichtung.

Wenn die Hausfrau am Ende des vorigen Jahrhunderts mit dem wöchentlichen Waschtag begann, war das Schwerstarbeit im wahrsten Sinne des Wortes: Die Wäsche wurde zum nächsten Bach oder Waschhaus geschleppt, eingeweicht, geschrubbt und ausgewrungen. Damit war sie zwar sauber, die Arbeit der Frauen aber noch lange nicht beendet: Die nassen Tücher mußten wieder nach Hause gebracht, getrocknet und später gebügelt werden.

"Vor allem die körperliche Erleichterung durch die Entwicklung der Waschmaschine war für die Frauen enorm", sagt Barbara Orland, Technik-Historikerin an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich. Und als in den fünfziger Jahren der Trommel-Wasch-Vollautomat entwickelt wurde, war es zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit möglich, die Wäsche komplett im eigenen Haus zu erledigen. Der Gang zum Waschhaus wurde endgültig überflüssig.

Bei Miele begann die Geschichte der Waschmaschine mit einer Milchzentrifuge. Der gelernte Maurer Carl Miele und der Handelsreisende Reinhard Zinkann gründeten die Firma, um einen Apparat zu entwickeln, der das Entrahmen der Milch für die Butterherstellung erleichtern sollte. Ein Jahr später kam die erste handbetriebene Holzbottich-Waschmaschine ins Programm. "Miele war damals aber nicht der einzige Anbieter der sogenannten Rührflügelmaschinen," berichtet Barbara Orland. Die Entwicklung habe in der Luft gelegen. Eine Handvoll anderer Firmen habe damals ein ähnliches Gerät entwickelt.

Danach ging es mit der Entwicklung schnell aufwärts. Erst ersetzten bei den Waschmaschinen Elektromotoren die Handarbeit, in den dreißiger Jahren wurden die ersten elektrisch angetriebenen Haushaltsgeschirrspüler entwickelt. Immer mehr Geräte hielten Einzug in die deutschen Haushalte. Nach Angaben des Sozialhistorikers Klaus Tenfelde von der Universität Bochum besitzen zur Zeit rund neunzig Prozent von ihnen eine Waschmaschine.

Was die Waschmaschine den Frauen außer der Erleichterung der körperlichen Arbeit gebracht hat, ist allerdings fraglich. "Für die Frauen war die Entwicklung der Waschmaschine zwar ein großartiger Schritt", sagt Tenfelde, "mit Emanzipation hatte das aber nichts zu tun - zunächst einmal wurden sie dadurch ja stärker an ihr Heim gebunden." Das bestätigt auch Barbara Orland: "Die Arbeit der Frauen ist aus der Öffentlichkeit verschwunden, sie ist unsichtbar geworden." Wäsche, so Orland, werde heute als Arbeit betrachtet, die man "mal eben schnell nebenbei" mache. Trotzdem werde heute nicht wesentlich weniger Zeit für das Wäschemachen aufgewendet als früher. "Das Verhalten hat sich geändert", berichtet Orland, "Anfang des Jahrhunderts besaß kaum ein Familienmitglied ein eigenes Handtuch, die Wäsche wurde viel seltener gewechselt als heute."

Für die Emanzipation der Frauen vom häuslichen Herd sei weniger die Waschmaschine, "als vielmehr die Bildungsbewegung" wichtig gewesen, stellt Tenfelde fest. Der Einzug von Geräten wie Waschmaschine und Elektroherd habe aber die Freiheit der individuellen Zeiteinteilung gebracht. "Wir sind heute weniger an bestimmte Termine und Zeiten gebunden als früher - das schafft neue Möglichkeiten, außerhalb des Hauses zu arbeiten."

Und je mehr Menschen den Haushalt nur noch als Nebenaufgabe betrachten, desto mehr Geräte benötigen sie dafür. Für die Firma Miele hat diese Entwicklung in den vergangen Jahren nur Vorteile gehabt: Mehr als 14 000 Mitarbeiter in zehn Werken und 27 Vertriebsgesellschaften werden im laufenden Geschäftsjahr voraussichtlich vier Mill. Haushaltgeräte verkaufen. Im laufenden Geschäftsjahr wird der Umsatz nach Firmenangaben voraussichtlich um 4,5 Prozent auf 3,9 Mrd. DM steigen. Und schon im kommenden Jahr soll die Vier-Mrd.-DM-Grenze übersprungen werden. Über den Gewinn schweigt die Gütersloher vornehm, es heißt lediglich: "Wir sind zufrieden." Und nicht nur sie, sondern wohl Tausende von Hausfrauen und -männern dürften die Waschmaschine noch immer für eine der angenehmsten Errungenschaften des Jahrhunderts halten.

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