Wirtschaft : „Der Erfolg hat uns träge gemacht“

Tim Renner, Deutschland-Chef von Universal Music, über Musikpiraten, CD-Preise und den Start von Phonoline

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Berlin. Die deutsche Musikindustrie hat eine juristische Offensive gegen illegale Raubkopierer von CDs und DVDs gestartet. Der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft, der rund 1000 Tonträgerhersteller vertritt, teilte am Donnerstag mit, es seien mehr als 100 Anbieter so genannter „Knacktools“ im Internet ermittelt worden. Dabei handelt es sich um Software zur Umgehung von Kopierschutzsystemen. „Die Rechtsverletzer erhalten jetzt kostenpflichtige Abmahnungen, auch eine Einstweilige Verfügung gegen einen Anbieter wurde bereits erwirkt“, erklärte der Verband. Das seit September novellierte Urheberrecht werde nun „in die Praxis umgesetzt“.

Die Musikindustrie leidet unter rückläufigen Verkaufszahlen, der Ausbreitung von Raubkopien und dem illegalen Herunterladen von Musik aus dem Internet. In den USA hat der Verband der Musikindustrie deshalb bereits millionenschwere Klagen gegen mehr als 260 InternetNutzer erhoben. 2002 wurden in Deutschland 260 Millionen unbespielte CD-Rohlinge verkauft – aber nur 160 Millionen bespielte. Unterstützt wird die Initiative der Phonoverbände von großen Musikkonzernen wie Universal Music.

Herr Renner, wann wird es in Deutschland die erste Klage gegen Musikpiraten geben?

Wir hoffen, dass die zweite Novelle des Urheberrechts Mitte 2004 klare Verhältnisse schafft. Dann haben unsere Juristen die rechtliche Möglichkeit wie ihre Kollegen in den USA gegen Musikpiraten aktiv werden.

Das ist im neuen Urheberrecht nicht geregelt?

Noch nicht so, wie wir uns das wünschen. Musik-Downloads sind nach dem neuen Gesetz nur dann illegal, wenn sie von offensichtlich illegalen Quellen stammen. Da fragt man sich, was „offensichtlich illegal“ ist. Sollen die Musik-Piraten kleine Totenköpfe auf ihren Websites zeigen, um sich als kriminell zu outen? Wir haben einen Anspruch, dass sich der Gesetzgeber, wenn er Rechte schützen will, auf die Seite derer stellt, die die Rechte haben. Unsere Industrie darf nicht in einer Wild-West-Situation allein gelassen werden.

Die Politik soll der Musikindustrie aus der Patsche helfen?

Die Industrie ist zu spät in den politischen Diskurs eingestiegen. Gegen die technologische Entwicklung konnte sie relativ wenig machen, solange rechtlich nicht klar war, was erlaubt und was verboten ist. Man muss schon vom Gesetzgeber erwarten können, dass er festlegt, wo Diebstahl anfängt.

Steckt die Musikwirtschaft in einer kreativen oder in einer technologischen Krise?

Es ist eine technologische Krise. Ich will einräumen, dass auch auf der kreativen Ebene Fehler gemacht wurden. Aber: Die Tatsache, dass noch nie so viel Musik nachgefragt wurde wie heute, spricht dafür, dass es ein großes Bedürfnis danach gibt. Nur wird nicht entsprechend dafür bezahlt. Hier ist Deutschland die Avantgarde des Problems. Bei uns fing die Krise an, und bei uns ist sie am weitesten fortgeschritten.

Warum?

Zum einen, weil die Deutschen, wenn sie das Internet nutzen, dies auf höchstem technologischen Niveau tun. Zum anderen, weil CD-Brenner in Deutschland und Holland weltweit am weitesten verbreitet sind. Das liegt daran, dass Philips früh angefangen hat, seine Brenner hier zu vermarkten.

Und der Rest der Welt wird jetzt erschlossen?

Ja. Unsere Probleme werden global – und das ist eine Katastrophe.

Wenn sich die Krise schon vor vier, fünf Jahren in Deutschland abgezeichnet hat, warum hat dann die deutsche Musikwirtschaft so wenig dagegen unternommen?

Das ist das generelle Problem saturierter Industrien. Der Musikwirtschaft ging es lange zu gut. 1986 kam die CD als neuer Tonträger, der doppelt so teuer wie die Vorgänger war. 1989 kam die deutsche Einheit und die riesige Nachfrage aus dem Osten. Dann kamen der Boom der Zweitverwertung und der Techno-Hype. Eine Erfolgsgeschichte, die die Industrie aber leider träge gemacht hat.

Wie wäre es, wenn Universal – wie in den USA – die CD-Preise deutlich senkt?

Die CD ist seit ihrer Einführung nicht teurer, sondern billiger geworden. Ich gebe aber zu, dass es einen realen und einen gefühlten Preis gibt. Wir beobachten die Entwicklung auf dem US-Markt sehr genau. Sollte die Logik der Preissenkung für unsere Schwesterfirma dort aufgehen und die Verkaufszahlen steigen, dann gibt es keinen Grund, es nicht auch in Deutschland zu versuchen.

Wann erwarten Sie eine Entscheidung?

Frühestens in einem halben Jahr.

Und welchen Beitrag leistet die Industrie zur Lösung des Problems?

Wir fördern und stützen den größten Feind der Illegalität, nämlich ein legales Angebot.

Die gemeinsame Internet-Offensive der fünf großen Labels – das Musik-Portal Phonoline – verzögert sich. Warum?

Wir haben Phonoline auf der Musikmesse Popkom im August vorgestellt und gehen noch vor Weihnachten ans Netz – allerdings in einer ersten Testversion. Über die Website von Saturn kann dann zunächst aus 70000 Musikstücken ausgewählt werden, die für einen Preis, der potenziell um die 99 Cent liegen wird, heruntergeladen werden können. Insofern ist der offizielle Start um ein paar Monate nach hinten verschoben worden.

Woran hapert es denn?

Im Augenblick hapert es noch an der technischen Umsetzung bei allen Beteiligten, weil die digitalen Kataloge aller fünf Musiklabels auf eine gemeinsame Plattform gebracht werden müssen. Das ist schlichtweg kompliziert.

Wann ist Phonoline voll funktionsfähig?

Spätestens zur Cebit 2004.

Wagen Sie eine Prognose für das kommende Jahr: Geht es mit der Musikwirtschaft nach dem Einbruch in diesem Jahr weiter abwärts?

Ich schätze, dass die Verkaufszahlen noch einmal um neun bis 13 Prozent einbrechen werden.

Und wann darf sich Ihre Industrie wieder über steigende Umsätze freuen?

Ich hoffe, dass 2005 die Talfahrt gestoppt sein wird und dass unsere Branche 2006 wieder wächst.

Das Interview führten Bernd Hops und Henrik Mortsiefer .

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