Wirtschaft : Der erste Lobbyist

Ludwig Max Goldberger warb im kaiserlichen Berlin für die Wirtschaft

Christof Biggeleben

Umstritten war er, polarisiert hat er, aber am Ende hatte er fast immer Erfolg. Ludwig Max Goldberger, eine schillernde Unternehmerpersönlichkeit im kaiserlichen Berlin. Ein von ihm geprägter Ausdruck hat sich im kollektiven Gedächtnis der Deutschen verankert: „Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ hieß sein 1903 erschienenes Buch über eine mehrmonatige Reise durch die USA. Aber Goldberger war mehr als ein Reiseschriftsteller: der Mitbegründer der Dresdner Bank, die Leitfigur des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI), ein begnadeter Kommunikator – und der erste Lobbyist der Berliner Wirtschaft.

Dazu wurde Goldberger, nachdem er 1891 seine eigene Bank veräußert hatte. Von da an war er ein freier und finanziell unabhängiger Mann. Ein Betätigungsfeld bot sich an: der angeschlagene VBKI. Der war im Jahre 1879 als Opposition gegen die mächtige Korporation der Kaufmannschaft, bis dahin die einzige wirtschaftliche Interessenvertretung Berlins, gegründet worden. Im VBKI sammelte sich der industrielle Mittelstand. Als Goldberger 1892 zum Präsidenten gewählt wurde, stellte er den Verein in kurzer Zeit völlig um und rief die von Bankiers und Börsianern dominierte Korporation zum Hauptgegner aus. An ihre Stelle wollte er eine Handelskammer setzen. So erhoffte er sich, die Macht der Finanzwelt zu brechen.

Eine seiner Methoden war das, was heute im PR-Jargon Agenda Setting genannt wird. Er brachte das Thema Handelskammer überall auf die Tagesordnung, indem er alle Akteure einband: Standesgenossen und Medien, das Parlament und Kaiser Wilhelm II. Bis zu Goldbergers Auftritt funktionierte Lobbying nach Art der Korporationsältesten: Teetrinken in der Reichskanzlei und Hintergrundgespräche im Club von Berlin. Spätestens seit der Gründerkrise der 1870er Jahre reichte diese Form der Einflussnahme nicht mehr aus. Interessen mussten jetzt viel lauter vorgetragen werden. Parlamente und die Öffentlichkeit wurden neben der Regierung zu neuen Zielgruppen der sich nun entwickelnden modernen Verbände. Goldberger verstand den Zusammenhang zwischen Politik und Öffentlichkeit. Diskussionen um die Neuordnung des preußischen Handelskammergesetzes nutzte er sogleich, um beim Handelsminister für die Abschaffung der Korporation zu werben. Beim Minister traf er auf Wohlwollen. Die Korporation hatte sich während der Debatten um die Börsengesetzgebung dessen Unmut zugezogen. Als Eigentümerin der Berliner Börse, damals eine der drei wichtigsten Börsen der Welt, lehnte die Korporation Staatseingriffe strikt ab. Dagegen plädierte Goldberger im Börsenwesen für eine beschränkte Staatsaufsicht. Dadurch positionierte er den VBKI innerhalb der preußischen Bürokratie als mögliche Alternative zur Korporation.

Es gelang Goldberger, die Korporation auch parlamentarisch in die Zange nehmen zu lassen. Vom Landtag wurde der Handelsminister aufgefordert, die Errichtung einer Handelskammer für Berlin zu prüfen. Goldberger ließ es damit nicht bewenden. In einem mehrere Seiten umfassenden Neujahrsschreiben an Wilhelm II. machte Goldberger auf die Zwistigkeiten innerhalb der Berliner Kaufmannschaft aufmerksam. Seine anbiedernde Wortwahl schmeichelte dem Kaiser, der für diese Form der Huldigung sehr anfällig war. Wilhelm II. ließ seinen Handelsminister prompt wissen, dass er eine Handelskammer in Berlin wünsche.

Der Minister versprach, dass er eine Handelskammer in Berlin einrichten würde, wenn die Kaufmannschaft das wünsche. Goldberger holte nun zum letzten Schlag aus, der VBKI organisierte im Januar 1901 eine Umfrage unter allen im Handelsregister eingetragenen Berliner Unternehmen. Die große Mehrheit votierte für die Errichtung der Handelskammer. Nahezu alle Berliner Zeitungen berichteten über die Umfrage. Mit ihr hatte Goldberger das Thema in den Medien und der Öffentlichkeit platziert. Erfolgreicher kann Agenda Setting nicht betrieben werden, denn der Zeitpunkt der Rundfrage war taktisch geschickt gewählt. Kurze Zeit später stand das Thema wieder auf der Tagesordnung des Landtages. Unter dem Druck der Politik und nach dem eindeutigen Votum der Berliner Wirtschaft machten die Abgeordneten den Weg zu Gründung der Handelskammer frei. Goldberger und der VBKI hatten einen großen Sieg errungen.

Berlin hat Goldberger viel zu verdanken. Und so ist es schlüssig, dass der VBKI seinen Clubraum jüngst nach dem Mann benannt hat, den das „Kleine Journal“ als den „Generalfeldmarschall des deutschen Handels“ bezeichnet hat.

Der Autor ist PR-Berater und Verfasser des Buches „Das Bollwerk des Bürgertums. Die Geschichte der Berliner Kaufmannschaft 1870-1920“. Er stellt es am morgigen Donnerstag um 18.30 Uhr im VBKI im Erhard-Haus (Fasanenstraße 85) vor.

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