Wirtschaft : Der Euro vollendet den Binnenmarkt

KLAUS-DIETER KÜHBACHER

Die Wirtschaft wird von den stabilen Wechselkursen profitieren / Die Politik muß die Voraussetzung für sichere Arbeitsplätze schaffenVON KLAUS-DIETER KÜHBACHERMit der Errichtung der Europäischen Währungsunion (EWU) wird der bereits seit 1993 bestehende europäische Binnenmarkt endgültig vollendet.Das ungeheure Wachstumspotential des Binnenmarktes konnte bislang nur zum Teil genutzt werden.Immer wieder wurde der freie Wettbewerb durch Währungsturbulenzen verfälscht.Aufwertungen der D-Mark gegenüber der italienischen Lira um 16 Prozent und gegenüber dem britischen Pfund um 15 Prozent innerhalb von nur zwei Monaten - wie 1992 geschehen - blieben nicht ohne Beeinträchtigung von Wachstum und Beschäftigung.So kam die EU-Kommission in einer Studie zu dem Ergebnis, daß die Währungsturbulenzen in den Jahren 1992 bis 1995 zu Wachstumsverlusten von einem halben Prozentpunkt in den Ländern der EU geführt haben.Die Absicherung und Verstärkung des Binnenmarktes ist daher letztlich auf die Schaffung eines einheitlichen Währungsraumes angewiesen. Mit der Beseitigung der Wechselkurse entfällt dann das Risiko von abrupten und unvorhersehbaren Verschiebungen der Währungsparitäten.Für viele, auch und gerade mittelständische Unternehmen schafft dies überhaupt erst ein Umfeld, in dem Produktions- und Investitionsentscheidungen ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der optimalen Standortwahl getroffen werden können.Zugleich erhöht sich aus Sicht der im Währungsgebiet des Euro angesiedelten Unternehmen die Attraktivität von Standorten in den EWU-Teilnehmerstaaten.Diese bieten nunmehr im Vergleich zu Standorten in den übrigen EU-Staaten sowie anderen Ländern absolute Wechselkurssicherheit und somit eine bessere Planungs- und Kalkulationsbasis. Schon heute haben etliche Unternehmen damit begonnen, ihre strategische Ausrichtung den veränderten Marktbedingungen anzupassen.Besonders bemerkenswert erscheinen mir die Entwicklungen im deutschen Finanzgewerbe, wo intensiv bislang noch ungenutzte Kooperations- und Fusionspotentiale ausgelotet werden.Der Grund hierfür liegt auf der Hand: Mit dem bevorstehenden Wegfall der D-Mark geht der hiesigen Kreditwirtschaft ein zentraler Standortvorteil verloren.Dies erzeugt Druck, sich frühzeitig für den härter werdenden Wettbewerb zu rüsten. Doch auch in der Industrie sind gerade in international besonders exponierten Branchen die Anstrengungen, Produktion zu diversifizieren bzw.größere und leistungsfähigere Einheiten zu schaffen, intensiviert worden.Am Ende dieses Prozesses werden zumindest mittel- bis langfristig wettbewerbsfähigere Unternehmen mit höherer Produktivität entstehen.Nutznießer dieses Prozesses ist in erster Linie der Verbraucher.Er wird ganz ohne Zweifel von niedrigeren Preisen, qualitativ besseren Produkten und einem umfangreicheren Dienstleistungsangebot profitieren.Doch auch die andere Seite der Medaille soll nicht verschwiegen werden.Mit der Intensivierung des (Standort-)Wettbewerbs sind ganz unvermeidlich beträchtliche und zum Teil auch schmerzliche Anpassungsprozesse verbunden.Der Wechselkurs als Instrument zur Abfederung langfristig gleichwohl unvermeidlicher Anpassungsprozesse steht dann nicht mehr zur Disposition.Dies heißt für deutsche Unternehmen: Sie werden nur mit innovativen und intelligenten Produkten am Markt bestehen, und nur in diesen Unternehmen werden auch auf Dauer sichere Arbeitsplätze entstehen. Die Lage deutscher Unternehmen an der Schwelle zum Eintritt in die Währungsunion hat sich in den vergangenen beiden Jahren sichtlich verbessert.Die vorangegangene massive Aufwertung der D-Mark gegenüber dem US-Dollar ist vollständig korrigiert worden.Der reale Außenwert der D-Mark gegenüber den wichtigsten Industrieländern hat sich seit Anfang 1996 um gut 8 Prozent zurückgebildet.Auch der reale Wechselkurs gegenüber den am Wechselkursmechanismus beteiligten Währungen im EWS befindet sich nach einer Phase der Aufwertung in den Jahren von 1992 bis 1995 nunmehr wieder auf dem 1992 herrschenden Niveau.Die Lohnstückkosten in der Gesamtwirtschaft, die sich in Deutschland von 1991 bis 1995 um jahresdurchschnittlich 2,9 Prozent erhöht hatten, haben sich 1996 um 0,2 Prozent und im vergangenen Jahr sogar um 1,8 Prozent verringert.Zur Euphorie besteht gleichwohl kein Anlaß.Ein Blick auf den Arbeitsmarkt belegt, daß die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit zum beträchtlichen Teil durch den Abbau von Beschäftigung erreicht wurde.Dies gilt in besonderem Maße in Ostdeutschland, wo sich die Zahl der Erwerbstätigen 1997 um 3,3 Prozent, das heißt um 206 000 verminderte. Was die Zukunft anbetrifft, so wird die verschärfte Standortkonkurrenz in der EU nicht spurlos am Arbeitsmarkt vorübergehen.Der Kampf um sichere Arbeitsplätze wird mit zunehmender Internationalisierung der Produktion an Intensität gewinnen.Die vor allem in den neuen Bundesländern zu beobachtende Erosion nationaler Lohnkartelle wird weitere Kreise ziehen.Dies gilt umso mehr als sich die Zeichen mehren, daß trotz aller Mobilitätsbarrieren mit wachsenden Wohlstandswanderungen in der EU gerechnet werden muß.Protektionismus, beispielsweise in Form der in der Bauwirtschaft vereinbarten Allgemeinverbindlicherklärung von Mindestlöhnen, kann nicht die Antwort auf mehr Wettbewerb sein.Das grundlegende ökonomische Gesetz, wonach hohe Reallöhne ein hohes Produktivitätsniveau verlangen, wird auch auf diese Weise nicht auszuhebeln sein.Die Gefahr ist somit nicht von der Hand zu weisen, daß der Euro als Sündenbock für Verfehlungen in ganz anderen Politikbereichen herhalten muß. Will man das erreichte Wohlstandsniveau zumindest erhalten, ist auf drei zentralen Politikfeldern Handlungsbedarf angezeigt: Erstens ist das gesamte Gefüge staatlicher Regulierungen und Institutionen einer Fitneßprüfung zu unterziehen.So hat sich mittlerweile die allgemeine Erkenntnis durchgesetzt, daß an einer Steuerreform sowie einer das Gleichgewicht aus Sozial- und Leistungsverträglichkeit wahrenden Ausgestaltung der sozialen Sicherungssysteme kein Weg vorbeiführen wird.Darüber hinaus ist eine neue Bildungsoffensive geboten, die gleichermaßen eine qualifizierte Ausbildung sowie ein umfangreiches Angebot an Fortbildungs- und Umschulungsmaßnahmen sicherstellt.Der fortgesetzte technologische Wandel läßt ein Ausruhen auf einstmals erlangten Qualifikationen nicht zu.Fremdsprachenkenntnisse als auch der fachkundige Umgang mit dem Computer müssen heutzutage als Selbstverständlichkeiten gelten. Auf der anderen Seite besteht jedoch auch die Aufgabe, nicht oder nur gering qualifizierte Menschen in Arbeit zu bringen.Notwendig ist es daher, vorurteilsfrei zu prüfen, ob durch eine stärkere Lohnspreizung nach unten zusätzliche rentable Arbeitsplätze entstehen.An dieser Stelle lassen sich zudem reale Perspektiven für einen Beschäftigungspakt formulieren.Eine stärkere Lohnspreizung wird nämlich wirkungslos verpuffen, wenn sie nicht gleichzeitig in eine Neuregelung der Sozialhilfe sowie neue Formen staatlicher Unterstützungszahlungen eingebunden ist.Die Zeit drängt.Werden jedoch die mittel- bis langfristig ohnehin unverzichtbaren Reformen mit Mut und Entschlossenheit vorangetrieben, sehe ich gute Chancen, daß in der Währungsunion auch am Standort Deutschland die so dringend benötigten neuen Arbeitsplätze entstehen.Wer aber den Euro als Motor dafür darstellt, täuscht sich und das Publikum.Der Euro schafft noch mehr Transparenz und die hausgemachten Fehler treten offener zutage.Aber Einsicht ist der Weg zur Besserung der Lage.Es gibt fünf Millionen Arbeitslose in Deutschland und fast 20 Millionen Arbeitsuchende im "Euroland". Der Autor ist Präsident der Landeszentralbank Berlin-Brandenburg.

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