Wirtschaft : "Der Euro wird das Fusionsfieber noch erhöhen"

Ergo-Vorstandschef Edgar Jannott erwartet für die Versicherungsbranche eine starke Konkurrenz der Banken / Die Verbraucher profitieren TAGESSPIEGEL: In der Versicherungsbranche greift das Fusionsfieber um sich.Die Allianz steigt bei AGF ein, aus Victoria, DAS, DKV und Hamburg Mannheimer entsteht der zweitgrößte deutsche Versicherer Ergo.Welche Vorteile hat der Verbraucher davon ? JANNOTT: Kurzfristig und unmittelbar keine.Mittelfristig rechnen wir aber mit erheblichen Synergien, die über Preis und Service auch an den Verbraucher weitergegeben werden. TAGESSPIEGEL: Welche Synergien sind das? JANNOTT: Die Unternehmen können einzelne Arbeitsvorgänge in größerem Rahmen preiswerter, effizienter und schneller abwickeln.Vorteile entstehen durch gemeinsamen Ein- und Verkauf, durch gemeinsame Verwaltung oder Schadensregulierung.Für den Kunden werden die Policen günstiger; die Anträge werden schneller bearbeitet und die Schäden schneller reguliert. TAGESSPIEGEL: Um wieviel Prozent werden die Policen billiger? JANNOTT: Das kann man nicht genau quantifizieren.Sicher wird die Ersparnis für den Kunden mittelfristig spürbar sein. TAGESSPIEGEL: Wie sehen die Synergien bei Ergo aus? JANNOTT: Zwei Jahre nach dem Start wollen wir jährlich 150 Mill.DM einsparen.Diese Summe wird sowohl den Kunden als auch den Investoren zugute kommen.Aber die Fusion bringt auch den Beschäftigten Vorteile, ihre Arbeitsplätze werden sicherer.Außerdem eröffnen sich für viele Mitarbeiter neue Entwicklungsmöglichkeiten. TAGESSPIEGEL: Von den 40 000 Stellen bei Ergo fällt keine weg? JANNOTT: Unsere Fusion zielt nicht auf einen Abbau der Arbeitsplätze.Keinesfalls haben wir vor, den Außendienst zu verringern.Im Gegenteil.Wir werden ihn ausbauen.Die Fusion stärkt unser Wachstum, da die Geschäftsgebiete der Unternehmen sich kaum überlappen, sondern eher ergänzen.Bei unserer Verschmelzung fusionieren nur die Holdings, die vier Gesellschaften bleiben im operativen Geschäft weiterhin autonom.Stellen Sie sich eine Reihenhauskette vor, die ein gemeinsames Dach bekommt.Jeder Mieter wohnt weiterhin in seinem Reihenhaus, die Gemeinschaft wird aber an eine Heizung angeschlossen. TAGESSPIEGEL: Früher lehnte es die Victoria ab, Policen über Strukturvertriebe zu verkaufen.Jetzt schlüpft die HMI unter ihr Dach, die Verbraucherschützer wegen ihrer agressiven Verkaufsmethoden als Drückerkolonne bezeichnen. JANNOTT: Unter einem Dach müssen nicht alle Zimmer gleich eingerichtet sein.Die HMI unterscheidet sich im übrigen grundlegend von anderen Strukturvertrieben, weil sie allein für die Hamburg-Mannheimer arbeitet und von ihr geführt wird. TAGESSPIEGEL: Also vertreibt die HMI keine Policen für die Victoria? JANNOTT: Das ist nicht geplant.Die Victoria ist mehr eine Beratungsgesellschaft und kann daher ein wenig von der HMI lernen, wie man Standardprodukte besser verkauft. TAGESSPIEGEL: Immer mehr Direktversicherer vertreiben ihre Produkte über Fax, Telefon oder Internet.Ist ein Außendienst zeitgemäß? JANNOTT: Das Klientel des Direktvertriebs dürfte hierzulande nicht mehr als fünf bis zehn Prozent betragen, auch in Zukunft nicht.Vor allem ist es ein Geschäft für besondere Sparten, wie etwa die Kraftfahrzeugpolice.Unsere Produkte kann man nicht anfassen, nicht riechen und nicht schmecken.Sie müssen erklärt werden.Ob viele Menschen aus Lustgewinn ohne Beratung übers Internet eine Unfallpolice kaufen, bezweifle ich. TAGESSPIEGEL: Ein Drittel der Versicherer soll durch den Euro verschwinden.Verschärft sich der Fusionstrend? JANNOTT: Der Euro wird die Fusionswelle sicher verschärfen, das genaue Ausmaß läßt sich aber nicht quantifizieren.Die gemeinsame Währung schafft mehr Transparenz, weil sich die Preise leichter vergleichen lassen, auch bei den Versicherungspolicen.Das gilt meines Erachtens insbesondere für Personenverträge, wie Leben- oder Unfallversicherungen, da das Risiko Tod oder Unfall international ist.Andere Sparten werden erst folgen können, wenn die Rechtssysteme stärker harmonisiert sind. TAGESSPIEGEL: Planen sie Zukäufe im Ausland? JANNOTT: Ja.Wir sind im Ausland bislang nur mit unseren Spezialversicherungen DKV und DAS vertreten.Derzeit stammen bei Ergo nur acht Prozent der Prämien aus dem europäischen Ausland, unser Ziel sind mittelfristig 20 Prozent. TAGESSPIEGEL: Die Grenzen zwischen Banken und Versicherungen verwischen.Gibt es bald nur große Allfinanzkonzerne, die Versicherungen und Investmentfonds anbieten? JANNOTT: Sicher sind Banken und Versicherungen in den letzten zehn Jahren aufeinander zugegangen.Dennoch ist das Know-how eines Bankers ein anderes als das eines Versicherungsvermittlers.Das kann man nicht einfach fusionieren. TAGESSPIEGEL: Also kein gemeinsames Angebot von Lebensversicherungen und Investmentfonds? JANNOTT: In Einzelfällen schon.Aber: die Lebensversicherung ist ein Versorgungsprodukt, der Aktienfonds eine Kapitalanlage - mit dem Risiko, daß das Kapital verloren gehen kann. TAGESSPIEGEL: Das Bankgeschäft der Zukunft heißt private Altersvorsorge durch Aktienfonds.Eine Konkurrenz? JANNOTT: Natürlich.Die Entwicklung der gesetzlichen Rentenversicherung zwingt dazu, daß jeder privat und eigenverantwortlich fürs Alter vorsorgt.Das ist eine riesige Geschäftschance, um die Banken und Versicherungen konkurrieren.Wir müssen unser Produkt besser erklären.Wer nur sparen will, soll zum Aktienfonds greifen.Wer aber für sich und seine Familie eine gesicherte Altersversorgung haben will, braucht eine Lebensversicherung. TAGESSPIEGEL: Zwischen 1954 und 1993 warf eine Lebenspolice etwa fünf Prozent Rendite ab, ein Aktienfonds über 12 Prozent.Eine Lebensversicherung ist verschenktes Geld. JANNOTT: Da muß ich deutlich widersprechen.Es kommt ganz auf den betrachteten Zeitabschnitt an. TAGESSPIEGEL: Von 1954 bis 1993. JANNOTT: Das ist ein willkürlich gegriffener Zeitraum.In manch anderem hätten Sie mit Aktien viel Geld verloren.Die Aktien-Rendite wird immer aus der Rückschau berechnet, und da werden die besten Zeitabschnitte berücksichtigt.Keiner spricht von der Risikoabsicherung, die kein Aktienfonds, aber eine Lebensversicherung bietet.Kein Aktienfonds beziffert eine garantierte Versorgungsleistung wie die Lebensversicherung.Sicherheit kostet Geld - auch bei den Banken.Man kann nicht beides haben: Höchste Performance und höchste Sicherheit. TAGESSPIEGEL: Aber wenn Investmentfonds steuerbegünstigt werden, stirbt die Kapitallebensversicherung doch aus? JANNOTT: Die Lebensversicherung hat eindeutige Vorteile.Wenn die Börse zusammenbricht, fällt der Wert ihres Aktienfonds entsprechend.Die Kapitalanlage bei der Lebensversicherung enthält dagegen eine Mischung aus Aktien, festverzinslichen Wertpapieren, Immobilien und Beteiligungen.Das bedeutet Sicherheit, weil nicht alle Eier in einem Korb liegen.Bei Ergo sind von 120 Mrd.DM Kapitalanlagen nur 20 Prozent in Aktien angelegt - aus Vorsichtsgründen.Wenn sie ihre Altersversorgung allein auf Aktien gründen, dürfen sie nur dann in Rente gehen, wenn die Kurse oben sind, sonst haben sie später keine Freude an ihrem Lebensabend. TAGESSPIEGEL: Ein SPD-Gesetzentwurf setzt die Lebensversicherer ebenfalls unter Druck.Der Kunde soll über die Kosten für Vermittlungsprovision, Spar- und Risiokoanteil sowie den Rückkaufswert besser informiert werden.Warum macht die Branche das nicht selbst? JANNOTT: Der Gesetzentwurf bringt dem Verbraucher nichts.Was nützt es dem Autofahrer, wenn er weiß, was der Sitz oder das Lenkrad kostet.Einige Politiker verunsichern die Bürger mit solcher Systemkritik, andere fordern eigenverantwortliche Vorsorge durch Lebensversicherung.Das Hin und Her führt neben Politikverdrossenheit zu Versorgungsverdrossenheit - und dann versichert sich keiner mehr. TAGESSPIEGEL: Bei den Lebenspolicen glaubt der Kunde, er kauft einen Neuwagen.Wenn er ihn nach einem Jahr verkauft, erhält er den Schrottwert. JANNOTT: Das ist einfach nicht wahr.Der Kunde kennt den Rückkaufswert seiner Police genau, weil wir ihn vor Vertragsabschluß schriftlich mit genauen Zahlen informieren.Daß Rückkaufswerte anfangs niedrig sind, liegt daran, daß die Kosten in den ersten Jahren hoch sind.Wer vorzeitig aus seinem Vertrag aussteigt, muß dafür zahlen.Das gilt für jeden Mietvertrag und ist sogar in der Ehe so.

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar