Wirtschaft : Der Euro wird den Dollar nicht stürzen

KATHRIN QUANDT (HB)

Stabilität ist Voraussetzung für eine bedeutende Rolle der europäischen Währung im WelthandelVON KATHRIN QUANDT (HB)Die Thesen von C.Fred Bergsten sind gewagt: Die Europäer müssen auf wirtschaftliche oder politische Schocks aus den USA warten.Zum Beispiel auf ein überraschend anschwellendes Handelsbilanzdefizit.Dann habe der Euro langfristig die Chance, den Dollar vom Thron zu stoßen.Mittelfristig rechnet der Chef des Washingtoner Weltwirtschaftsinstituts damit, daß das vom Dollar dominierte Weltwährungssystem künftig auf zwei Eckpfeilern stehen wird: dem Euro und dem Dollar. In beiden Währungen würden jeweils etwa 40 Prozent der weltweiten Handelsströme abgerechnet.Dem Yen, dem Schweizer Franken und den übrigen Währungen blieben 20 Prozent.Der Optimismus Bergstens im Hinblick auf den Euro als Welthandels- und -reservewährung wird allerdings nicht von der Mehrheit der Experten geteilt.Die meisten Fachleute sind der Meinung, daß auch ein stabiler Euro den Dollar nicht von seiner Spitzenposition in der Weltwirtschaft verdrängen kann.Immerhin sehen sie ihn als Handels- und Reservewährung auf dem zweiten Platz hinter dem Dollar.Diese Einschätzung teilen auch die deutschen Großbanken. Die Dresdner Bank rechnet damit, daß sich für den Euro ein Anteil am internationalen Devisenhandel von 25 bis 30 Prozent ergeben wird.Der Dollar werde zunächst an Bedeutung gewinnen.Für ihn werde die europäische Währung anfangs ein "Juniorpartner" sein.Der Dollar wird nach Ansicht der Deutschen Bank vor allem in denjenigen Märkten auf absehbare Zeit unangefochten bleiben, in denen das Nebeneinander zweier Leitwährungen nicht sinnvoll scheint, da die Kosten der Koexistenz zu hoch oder die Effizienz zu gering seien.Das treffe zum Beispiel auf den Rohölhandel zu. Was die Rolle des Euros als Anlagewährung angeht, ist die Deutsche Bundesbank optimistischer.Direktoriumsmitglied Otmar Issing weist auf Modellrechnungen hin, wonach sich der Marktanteil des Euros in internationalen Portfolios auf rund 35 Prozent belaufen werde.Damit läge die Währung in etwa gleichauf mit dem Dollar.Issing räumt jedoch ein, dazu seien gewaltige Umschichtungen an den Finanzmärkten erforderlich.Tatsächlich ist laut Bergsten mit massiven Umschichtungen vom Dollar in den Euro zu rechnen.Seiner Einschätzung nach werden sich diese auf bis zu eine Billion Dollar belaufen.Dabei würden die privaten Haushalte etwa 700 Mrd.Dollar und die Zentralbanken 100 bis 300 Mrd.Dollar gegen die europäische Währung eintauschen. Eine breite Streuung innerhalb des Währungsportfolios bedeutet bekanntlich geringere Risiken gegenüber Schwankungen der Wechselkurse, das gilt für Private wie für Zentralbanken.Bergsten ist davon überzeugt, daß der Euro stabil sein wird, und zwar von Beginn der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion (EWWU) an.Die Europäische Zentralbank verfüge über ausreichende geldpolitische Instrumente, um für Preisstabilität zu sorgen.Die Dresdner Bank hält Bergstens Prognose für realistisch.Das Finanzinstitut rechnet sogar damit, daß mehr als eine Billion Dollar gegen Euro getauscht werden.Die Verlagerung werde sich aber über einen langen Zeitraum erstrecken.Mit der Währungsunion werde der Euro aber zunächst nur schrittweise an Bedeutung gewinnen, dämpft die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) allzu hohen Optimismus.Letztlich werde seine Attraktivität zu einem Großteil davon abhängen, wie sich die nationalen Finanzmärkte entwickelten.Das "Beharrungsvermögen" der Märkte werde dem Dollar seine dominierende Position noch eine Zeit lang sichern.Angesichts der Größe Europas könnten der Dollar und die europäische Währung mittelfristig das am häufigsten gehandelte Währungspaar werden.Allerdings sei es auch denkbar, daß sich ein dreipoliges Finanzsystem entwickeln werde, bestehend aus Dollar, Euro und Yen.Die vor kurzem in Japan vorgeschlagene Reform des Finanzsektors, die im Jahr 2001 beendet sein soll, könne eine verstärkte Verwendung des Yens auf internationaler Ebene fördern. Welche Währungen werden die Zentralbanken künftig horten? Ernst Welteke, Präsident der Landeszentralbank in Hessen, erwartet, daß ein stabiler Euro die Rolle der D-Mark als zweitwichtigste Reservewährung übernehmen und "wahrscheinlich den Abstand zum Dollar verringern" wird.Zum ersten Mal, seit der Dollar mit der Konferenz von Bretton Woods offiziell die führende Rolle im Weltwährungssystem übernommen habe, werde es eine "ernsthafte Alternative" zu ihm geben.Im übrigen werde die Europäische Zentralbank auch nach der Umwandlung der jetzigen Devisenreserven in Euro Reserven von rund 300 Mrd.Dollar halten.Mittelfristig sei mit einem Abbau dieses hohen Bestands zu rechnen, was den Dollarkurs drücken dürfte. Vielfach wird an den Finanzmärkten erwartet, daß offizielle Währungsreserven kurzfristig solange der Euro noch Reputation aufzubauen hat von der D-Mark in den Dollar und langfristig vom Dollar in die europäische Währung umgeschichtet werden.Diese These stützt auch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), indem sie betont, die derzeitige internationale Reservehaltung in europäischen Währungen entspreche bei weitem nicht der potentiellen Bedeutung des Euro-Gebiets gemessen am Produktionsvolumen und am Welthandel. Zur Frage, ob die Reservevolumina in Euro größer sein werden als die in D-Mark, zunächst ein Blick auf den Status quo: Die D-Mark nimmt zur Zeit einen Anteil von 14 bis 15 Prozent an den Weltdevisenreserven ein.Damit rangiert sie deutlich hinter dem Dollar (63 Prozent), hat aber einen doppelt so hohen Anteil wie der Yen (7 Prozent).Da mit dem Beginn der Währungsunion alle noch in D-Mark nominierten Anlagen in Euro-Anlagen übergehen, entfällt der Bedarf an bislang in D-Mark gehaltenen Reserven, die europäische Partnerländer bisher gehalten haben.Die Bayerische Landeszentralbank folgert, tendenziell sei das Potential des Euros zunächst geringer als die derzeitigen D-Mark-Reserven.Drittländer könnten diese Lücke jedoch füllen.So haben asiatische Währungspolitiker angedeutet, ein stabiler Euro könne für asiatische Zentralbanken zu einer bedeutenden Reservewährung heranwachsen.Außerdem ist zu erwarten, daß osteuropäische Staaten, die der EU beitreten wollen, ihre Währungsreserven zunehmend auf den Euro ausrichten.Die Bayerische Landeszentralbank warnt aber vor zu hohen Erwartungen.Der Euro werde eine "längere Zeit der Bewährung" brauchen, um über die Position der D-Mark hinaus gegenüber dem Dollar aufzuholen.

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