Wirtschaft : Der ewige Tsunami

Auf Sumatra kämpfen die Menschen weiter mit den Folgen der Flut – die Küste verschiebt sich täglich

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Von Alan Sipress Der gewaltige Tsunami, der die Insel Sumatra im Dezember 2004 heimsuchte, riss Yusniars Haus aus seinem Betonfundament. Die korpulente Frau konnte überleben, indem sie ihre Arme um eine Säule einer nahe gelegenen Moschee schlang und sich so den Fluten entzog. Doch die Gewalten der Natur hatten sich damit noch nicht erschöpft.

Drei Monate später verschlang das Meer einen Teil ihres Landes, als nochmals ein schweres Erdbeben die Insel erschütterte. Die VollmondGezeiten im Juli taten dann ein Übriges, und von ihrem Besitz im Dorf Lhok Bubon blieb nur noch salziger Schlamm. „Die Flut kam herein und zog sich nicht wieder zurück“, erzählt ihr Cousin Suharman.

Mehr als ein halbes Jahr, nachdem der Tsunami die Provinz Aceh verwüstete und dabei 150000 Indonesiern den Tod brachte, wird Sumatra immer noch durch drastische topografische Verschiebungen umgeformt. Die Bemühungen, die enorme Aufgabe des Wiederaufbaus zu bewältigen, werden dadurch erheblich erschwert.

Neben der Herkulesarbeit, Millionen Tonnen von Tsunami-Schutt wegzukarren, und der anfänglichen Konfusion der indonesischen Regierung bei der Bereitstellung und Zuteilung von Geldmitteln hat das mühevolle Unterfangen, Dörfer zu planen und Landbesitz zuzuordnen, den Bau neuer Häuser behindert. Nach Schätzungen offizieller Stellen sind in Aceh infolge des Tsunami immer noch mehr als 500000 Menschen obdachlos.

Zwar hat sich das Tempo der Aktivitäten in den vergangenen drei Monaten beschleunigt, nachdem die Regierung eine Behörde zur Koordinierung des Wiederaufbaus einrichtete. Doch keine der wesentlichen Anstrengungen – wie etwa die Wiederherstellung der Hauptverkehrsstraßen, Häfen und Kraftwerke – ist auch nur annähernd abgeschlossen. Und kleinere Projekte kommen nur vereinzelt voran, der Bau von Häusern und Schulen eingeschlossen. Von den mehr als 200000 neuen Behausungen, die in der Provinz benötigt werden, sind nach Angaben offizieller indonesischer Stellen bisher nur knapp 3000 fertig geworden.

Die meisten Überlebenden fanden in abgenutzten, verblichenen Zelten Unterschlupf, die soweit möglich auf den zerstörten Fundamenten ihrer alten Häuser errichtet wurden. Oder sie leben in Baracken, die aus Holzresten, Abdeckplanen und Wellblechen zusammengeflickt wurden. „Wir haben keine Ahnung, wann wir aus diesem Zelt ausziehen können“, sagt die 35-jährige Sapuan, zusammengekauert, die Hände angespannt in den Schoß geklammert. „Es ist so beschwerlich. Manchmal gibt es Unwetter, Regen und Wind. Vielleicht werden wir hier bleiben müssen.“ Zwei von Sapuans drei Töchtern wurden vom Tsunami erfasst und fortgeschwemmt. Das dritte Mädchen überlebte, weil die Zehnjährige sich an einen Bambusast klammerte.

Im Dorf Lhok Bubon sind bisher kaum Fortschritte erkennbar. Die deutlichsten Veränderungen zeigen sich in der Topografie selbst. Fischer, die vor der Küste einst Barsch und Tunfisch fingen, beklagen, dass sie nicht mehr wissen, wo sie mit ihren wenigen verbliebenen Booten anlegen sollen, da der Verlauf der Küstenlinie sich offenbar von Tag zu Tag ändert. Der Friedhof, auf dem einige der 120 Opfer des Tsunami aus Lhok Bubon begraben liegen, steht jetzt unter Wasser. Die Verschiebung der Küstenlinie wirkt sich auf den Wiederaufbau überall entlang der gesamten Westküste aus. Betroffen davon ist unter anderem auch eine von den USA finanzierte Initiative, die 250 Kilometer lange Autobahn zwischen Meulaboh und der Provinzhauptstadt Banda Aceh wieder neu zu bauen.

Ende dieses Monats sollte mit den Arbeiten begonnen werden. UN-Vertreter warnen, dass das einzige größere Infrastruktur-Projekt, das bereits gestartet wurde – die von Singapur finanzierte Wiedererrichtung des Hafens von Meulaboh – durch die topografischen Veränderungen ebenfalls gefährdet sein könnte.

Verloren gegangene Dokumente über den Grundbesitz stellen ein weiteres Problem dar. Internationale Helfer versuchen, Besitzverhältnisse nachzuvollziehen und festzustellen. Nur sehr wenigen Dorfbewohnern ist es gelungen, ihre ursprünglichen Besitztümer zu retten. Der 45-jährige Marzuki, der einst einen kleinen Kiosk mit Haushaltswaren besaß, möchte sich auf seinem Grundbesitz im Hochland, wo er früher Bananen und Kokosnusspalmen anbaute, ein neues Zuhause schaffen. Doch wie die meisten Dorfbewohner verfügt er nicht mehr über die Dokumente, die seinen Anspruch belegen. Sie sind verloren gegangen – so wie auch seine Frau und sein Sohn verschwunden sind, als Marzuki eine Palme hinaufkletterte. „Meine Papiere? Wie hätte ich meine Besitzurkunde retten sollen?“, fragt er, während ihm die Tränen in die Augen schießen. „Ich konnte nur mein Leben retten. Nicht einmal das Leben meines Kindes konnte ich retten.“

Übersetzt und gekürzt von Tina Specht (Lord Norman Foster) und Matthias Petermann (Indonesien, Schröder, Cowboy-Kapitalismus).

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