Wirtschaft : Der Ex-Monopolist verzichtet vorerst auf höhere Inkasso-Gebühren

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Weitere Verhandlungen mit Call-by-Call-Anbietern. Bonusprogramm für treue Kunden angekündigtvis

Die Deutsche Telekom wird vorerst kein höheres Entgelt für die Abrechung von Call-by-Call-Gesprächen von ihren Wettbewerbern verlangen. Die Verhandlungen mit den privaten Telefongesellschaften, die ihre Gespräche über die Telekomrechnung abrechnen lassen, gestalteten sich so schwierig, dass die Verhandlungszeit noch einmal verlängert werde, sagte Telekom-Pressesprecher Stephan Broszio. Bei dem derzeitigen Gebührenmodell habe die Telekom draufgezahlt. Daher hatte sie bereits im Frühjahr alle Inkassoverträge mit privaten Call-by-Call-Anbietern gekündigt, um ab 1. Oktober höhere Entgelte durchzusetzen. "Wir wollen kostendeckend arbeiten", sagte Broszio. Jetzt will die Telekom bis zum 31. März kommenden Jahres eine Einigung mit den Wettbewerbern erzielen.

Die privaten Telefonfirmen hatten gegen die höheren Entgeltforderungen der Telekom heftig protestiert. Bisher müssen die Telekom-Konkurrenten 4,5 Prozent vom Umsatz plus 0,7 Pfennig je Rechnungszeile für das Inkasso zahlen. Diese Gebührensätze sollen auch weiter gelten, die Telekom möchte aber einen Mindestbetrag von 80 Pfennig pro Abrechnung durchsetzen. Angesichts eines durchschnittlichen Rechnungsbetrages von acht DM je Call-by-Call-Kunde und Monat liefe dies auf zehn statt der bisher rund fünf Prozent des Rechnungsbetrages hinaus.

Die jungen Telekom-Firmen fürchten, dass das ohnehin kaum mehr rentable freie Call-by-Call - bei dem sich der Kunde ohne Anmeldung einfach über eine individuelle Netzvorwahl in das Netz der jeweiligen Telefongesellschaft einwählen kann - würde bei höherer Inkasso-Belastung gänzlich unwirtschaftlich. Für viele kleinere Firmen könnte dies dem Branchenverband VATM zufolge sogar das Aus bedeuten.

Broszio bestätigte Presseberichte, wonach die Telekom an einem Kundenbindungsprogramm arbeite. "Wir wollen treue Kunden belohnen", sagte Broszio. Die Telekom wolle einen positiven Anreiz schaffen, weiterhin über den Ex-Monopolisten zu telefonieren. In der "Bild"-Zeitung hatte Konzern-Sprecher Jürgen Kindervater gesagt: "Die neue Strategie ist im Grundsatz unstrittig und wird bei uns auf höchster Ebene forciert." Eine Entscheidung über den Zeitpunkt, wann das Programm eingeführt werden soll oder wie es genau aussehen werde, sei noch nicht gefallen, sagte Broszio. Man sei noch in der Planungsphase. Denkbar sei unter anderem ein Prämiensystem nach dem Vorbild der Miles & More-Programme der Fluggesellschaften.

Die Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände (AgV) erwartet nach der Ankündigung des Prämiensystems bei der Telekom eine neue Preisrunde bei Telefongebühren. AgV-Wirtschaftsreferent Dirk Klasen sagte am Donnerstag: "Wenn die Telekom solch einen Vorstoß macht, wird das für die anderen Anbieter ein Signal sein, wiederum zu überlegen, was sie selber ihren Kunden anbieten können." Aus Sicht der Verbraucher sei der Wettbewerb um die Gunst der Kunden "eine gute Sache".

Für die Mehrzahl der Haushalte belaufen sich die monatlichen Einsparungen bei der Telefonrechnung bisher im Schnitt "um die 20 DM", sagte Klasen. Die AgV setze sich deshalb für mehr Wettbewerb im Ortsnetzbereich ein. Dazu könne auch der drahtlose Fernsprechverkehr im Ortsbereich sowie die Nutzung der Fernsehkabelnetze für Telefonkunden beitragen.
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