• Der Fall López: Der einst berühmteste Manager der Autoindustrie ist am Ende - Auslieferung in die USA unwahrscheinlich

Wirtschaft : Der Fall López: Der einst berühmteste Manager der Autoindustrie ist am Ende - Auslieferung in die USA unwahrscheinlich

Ralph Schulze

Sein Vater reparierte Autos in einer kleinen Werkstatt in dem baskischen Dorf Amorebieta. Der Sohn stieg zum weltweit berühmtesten Manager der Automobilbranche auf. "Super-López", "Krieger", "Kostenkiller", rief man ihn in der Autoindustrie. Das war bis Mitte der 90er Jahre so. Heute ist der 59jährige José Ignacio López de Arriortua nur noch ein Schatten seiner selbst. Ein Sprücheklopfer, der immer noch von der eigenen Auto-Fabrik in Amorebieta träumt. Ein Verrückter, den seine Familie Medienberichten zufolge entmündigen lassen will. Ein Betrüger, behaupten die Amerikaner, die dem früheren Vize-Präsidenten und Einkaufschef von General Motors (GM) den Prozess machen wollen. Wegen Industriespionage. Die US-Regierung hat von Spanien die Auslieferung des Beschuldigten verlangt.

GM verzieh seinem früheren Spitzenmanager bis heute nicht, dass er 1993 über Nacht bei VW anheuerte. Im VW-Vorstand war er, wie zuvor bei GM, zuständig für Beschaffung und Produktionsoptimierung. Gleich kistenweise, behaupten die Amerikaner, habe López vertrauliche Dokumente mitgehen lassen. Pläne für neue Autofabriken, Produktionsverfahren, neue Fahrzeugmodelle. Harte Vorwürfe, die der Mann bestreitet: "Ich bin das Opfer einer gemeinen Manipulation." Und: "Wissen Sie eigentlich, wie viel Millionen Dollar die bezahlt haben, um mich fertig zu machen?" Auch in Deutschland wurde auf Antrag von GM gegen López ermittelt. Wegen "Verrat von Betriebsgeheimnissen". Doch das Landgericht Darmstadt stellte vor zwei Jahren das Verfahren ein.

VW war offenbar nicht ganz von der Unschuld seines Spitzenmannes überzeugt: 1996 schied López bei VW aus - dem Vernehmen nach nicht ganz freiwillig. 1997 entledigte sich der Wolfsburger Konzern einer Schadenersatzklage von GM mit einem außergerichtlichem Vergleich: VW verpflichtete sich zur Zahlung von 100 Millionen Dollar an die GM / Opel-Gruppe und zum Kauf von Autoteilen im Wert von einer Milliarde Dollar beim Konkurrenzkonzern.

José López verstand nie, warum sein Stern gesunken ist: "Meine Arbeit bei Volkswagen war kein Erfolg, sie war ein Riesenerfolg", sagte er 1997 bei der Vorstellung seines Buches "Du kannst es. Memoiren eines Arbeiters". Das gleiche gelte für seine Etappe bei GM. "Als ich bei General Motors angefangen habe, machte der Konzern Milliardenverluste. Als ich ging, war er ertragsstark." Ein Erfolg ist ihm freilich von seinen beiden früheren Brötchengebern nicht vergönnt worden: Die "ideale Autofabrik" á la López im Baskenland bauen zu können. In seinem Heimatort Amorebieta, dort, wo der spätere Ingenieur früher seinem Vater in der Autowerkstatt half. Eine Fabrik der Zukunft wollte López bauen, in der Autos zum halben Preis und in doppelter Qualität produziert werden können. Von Amorebieta sollte "die dritte industrielle Revolution" ausgehen.

Schon bei GM nervte López seine Vorstandskollegen mit diesem kuriosen Plan. Ihr kategorisches Nein soll seinen Nacht-und-Nebel-Abgang, der die Wall Street erzittern ließ, beschleunigt haben. VW, so triumphierte López damals bei seiner Einstellung in Deutschland, habe ihm zugesagt, das futuristisches Projekt zu prüfen. Doch bei der Prüfung blieb es. López musste 1996 gehen, ohne dass sein Traum in Erfüllung ging.

"Sie haben mir einen Gefallen getan", kommentierte er verärgert seinen Abschied bei VW und kehrte zu seinen Wurzeln zurück. Ins baskische Amorebieta, eine Kleinstadt mit 16 000 Einwohnern östlich Bilbaos. In dieser Provinzstadt gründete er eine Unternehmensberatung. Und hier bastelte er weiter an seinen hochfliegenden Plänen, eine eigene Automarke in eigenen Produktionshallen vom Band rollen zu lassen. Dann kam der Tag, der sein Leben verändern und seinen Plänen einen Strich durch die Rechnung machen sollte: Am 8. Januar 1998 retteten Sanitäter den Automanager aus einem Autowrack. Der Audi, in dem López als Beifahrer reiste, war auf der Autobahn unter einen Lkw gerutscht. Ein Wunder, dass der Mann aus dem Schrotthaufen lebend geborgen werden konnte.

Als Jose Ingacio López nach mehr als einem Monat aus dem tiefen Koma erwachte, war aus dem "Krieger" ein Schwerkranker geworden. Das erlittene Schädeltrauma hatte Spuren hinterlassen. Die spanische Öffentlichkeit konnte dies vergangenes Jahr auf tragische Weise verfolgen. Der Ex-Guru der Autobranche dachte, wieder ganz der Alte zu sein, hatte die Medien nach Bilbao eingeladen, um endlich die Erfüllung seines Auto-Traumes anzukündigen. Doch der Traum entpuppte sich in Wirklichkeit als Beerdigung aller Pläne.

Auf die Bühne trat ein aufgedunsener, korpulenter Mann, der jeglicher Realität entrückt war. Er hatte nichts mehr mit jenem asketischen "Super-López" zu tun, der für seine Mitarbeiter die Gesundheitsfibel "Diät für den Kampfgeist" herausgegeben hatte. Dieser "Mini-López" faselte von seiner perfekten Autofabrik. Von seiner Automarke "Loar", die sich aus den Initialen seines Namens "López de Arriortua" zusammensetzte. Ja, und schon bald werde der erste "Loar" vom Band laufen. Noch am selben Tag hagelte es Dementis. Die baskische Regierung sagte, sie kenne das Projekt nicht. Auch die Kaufhausketten, über die López seine Fahrzeuge absetzen wollte, wußten nichts von ihrem Glück. Die Großbank, die mit im Boot sitzen sollte, zuckte die Achseln. Das Grundstück, auf dem die Revolution stattfinden sollte, existierte nicht. Und die 52 Zulieferer-Firmen aus der Automobilbranche, die für 500 Millionen Euro die Fabrik aus dem Boden stampfen sollten, rührten sich nicht.

Der amerikanische Staranwalt Plato Cacheris, der auch Bill Clintons Gespielin Monika Lewinsky vertrat und nun López vor einer Auslieferung und Verurteilung in den USA bewahren soll, sagte jüngst: Sein Mandant habe erhebliche Hirnverletzungen und Gedächtnissschwund erlitten. López sei verhandlungsunfähig, nicht mehr in der Lage, seinem Prozess zu folgen. "Er ist nicht die Person, die er einmal war und kann sich nicht korrekt verteidigen". Neben seinem schlechten Gesundheitszustand hat der Mann noch einen anderen Umstand auf seiner Seite: Bisher hat Spanien noch nie einen Landsmann an die USA ausgeliefert.

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