Der Fall Thomas Middelhoff : Die Grenzen des Erträglichen

Alle 15 Minuten das Licht an, Nacht für Nacht: Ist es Folter, was der einstige Top-Manager Thomas Middelhoff im Gefängnis erlebt hat? Und warum hält sich das Mitleid dennoch in Grenzen? Ein Kommentar.

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Krank durch die Haft? Thomas Middelhoff wird jetzt in der Essener Uniklinik behandelt.
Krank durch die Haft? Thomas Middelhoff wird jetzt in der Essener Uniklinik behandelt.Foto: Roland Weihrauch/dpa

Es klingt wie Folter. Wochenlang haben die Vollzugsbeamten in der JVA Essen ihren prominentesten Häftling, Thomas Middelhoff, um den Schlaf gebracht. Nacht für Nacht haben sie in seiner Zelle Licht gemacht – alle 15 Minuten. Um auszuschließen, dass sich der einstige Top-Manager umbringt, sagen die Verantwortlichen in der JVA. Aus Schikane, meinen die Anwälte. Dass Middelhoff nun krank ist und in der Uniklinik behandelt werden muss, schieben sie auf die unnötige Härte im Knast.
Eine Sonderbehandlung? Es spricht einiges dafür. Wäre Middelhoff ein normaler Insasse, hätte man sich in Essen wohl auf gelegentliche Kontrollen beschränkt. Vielleicht wäre ein anderer in Middelhoffs Lage auch schon gar nicht mehr im Gefängnis, sondern hätte Haftverschonung bekommen. Immerhin ist das Urteil, das den Ex-Arcandor-Chef in den Knast gebracht hat, wegen der eingelegten Revision nicht rechtskräftig. Egal. Genauso wie die rund 900.000 Euro, die Middelhoffs Anwälte als Kaution angeboten haben, um ihren Mandanten auf freien Fuß zu bekommen.

Morddrohungen gegen Klaus Zumwinkel

Statt eines Prominenten-Bonus scheint es einen Vip-Malus zu geben. In der öffentlichen Meinung findet man den schon länger. Klaus Zumwinkel etwa, einstiger Postchef und Hinterzieher von knapp einer Million Euro Steuern, lebt heute nicht mehr in Deutschland. Er habe Morddrohungen bekommen, sagt der einstige Top-Manager. Auch Karl-Theodor zu Guttenberg, einst Hoffnungsträger der CSU, verließ nach der peinlichen Plagiatsaffäre um seine Doktorarbeit das Land. Hilmar Kopper, einst Leiter der Deutschen Bank, wird sein Leben lang von dem Spruch verfolgt werden, bei 25 Millionen Euro handele es sich um „Peanuts“. Hat das Methode? Werden die Macher hierzulande erst in den Himmel gehoben und dann in die Hölle geschickt? Ist es die kleinbürgerliche deutsche Seele, die im tiefsten Kern auf Gleichmacherei aus ist und Stars gern fallen sieht?

Wer das behauptet, macht es sich zu leicht. Denn all die Gefallenen haben ihre eigene Geschichte. Was müssen denn die Karstadt-Mitarbeiter denken, die heute schon wieder um ihre Arbeitsplätze bangen, wenn sie erfahren, dass ihr einstiger Chef Middelhoff die erste Kündigungswelle ausgerechnet beim Power-Shopping-Wochenende in Saint Tropez beschlossen hat? Oder Zumwinkel. Wie kann man mit Verständnis rechnen, wenn man als Saubermann auftritt und dann als gigantischer Steuerhinterzieher entlarvt wird? Und auch 25 Millionen Euro sind für die meisten Menschen in Deutschen viel Geld und kein Pipifax.
Die Menschen in Deutschland haben ein feines Gespür für das, was sich gehört. Und ja, sie beobachten die High- Flyer in Politik und Wirtschaft mit Misstrauen. Zu Recht. Wer an der Spitze eines Unternehmens steht oder ein Ministerium leitet, wer Macht hat, der hat auch Verantwortung. So wie Martin Winterkorn. Der Chef von VW verdient 15,9 Millionen Euro im Jahr. Das ist viel. Aber der Konzern steht gut da. So gut, dass auch jeder normale Tarifbeschäftigte eine Prämie von 5900 Euro mit nach Hause nehmen kann. Dass alle ihr Auskommen haben, dass die Gesellschaft ein soziales Gleichgewicht braucht, das hat dieses Land jahrzehntelang geprägt. Manager wie Middelhoff haben diese Kultur beschädigt. Respekt hat der Mann nicht verdient. Faire Haftbedingungen und ausreichenden Schlaf aber schon.

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