Wirtschaft : Der Ferrari des Ostens

In Dresden sollen wieder Rennsportwagen gebaut werden. Rund 70 000 Euro wird der Flitzer kosten. Dafür ist alles handgefertigt

Ralf Hübner[Dresden]

Als das blaue Tuch langsam heruntergezogen wird und den Blick auf den neuen „Ost-Ferrari“ freigibt, stehen Firmeninhaber Peter Melkus Tränen in den Augen, seine Stimme stockt. „Die Marke Melkus soll weiterleben“, haucht er ins Mikrofon.

Der erste der letzten originalen „Ferraris des Ostens“ ist gelb – gelb wie das italienische Vorbild. Der Rennsportwagen RS 1000 aus dem Hause der Dresdner Autohaus- und Rennfahrerfamilie Melkus war schon zu DDR-Zeiten ein Exot. Vor 27 Jahren hat das letzte dieser blechern hämmernden Zweitaktgefährte die Werkstatt verlassen. Jetzt gibt es einen Neustart: An diesem Samstag hatte im Verkehrsmuseum Dresden das erste Stück einer streng limitierten Nachauflage von 15 Fahrzeugen Premiere, eingekeilt von einem Wanderer Nr. 2 von 1904 und einem Benz-Patent-Motorwagen von 1886. Der Nachbau soll der Auftakt für eine künftige Sportwagenproduktion bei der Melkus KG in Dresden sein.

Am Anfang der Geschichte stand Heinz Melkus, der Vater, als Rennfahrer eine Legende. In den 50er und 60er Jahren war er so etwas wie der Michael Schumacher der DDR. Von seinen rund 200 Rennen gewann er 80, holte sechs DDR-Meistertitel und gewann dreimal den „Pokal für Frieden und Freundschaft“ – die Meisterschaft der Ostblockstaaten. Die Rennwagen wurden in der eigenen Werkstatt hergestellt. Seit 1955 betrieb Melkus auch eine Fahrschule. Ende der 60er Jahre kam ihm der Gedanke mit dem Rennsportwagen. Ein vorbeifahrender Lotus bei einer Jugoslawien-Reise soll ihn dazu inspiriert haben.

Die Idee umzusetzen, war in der Planwirtschaft der DDR aber nicht ganz einfach. Aber schließlich gelang es ihm, Chef eines sozialistischen Entwicklerkollektivs zu werden, das anlässlich des 20. Jahrestages der DDR 1969 einen Rennwagen GT entwickeln und produzieren sollte – um eine Lücke im Fahrzeugangebot zu schließen, wie es hieß.

Der Wagen bestand vor allem aus handelsüblichen Autoteilen. Basis waren das Chassis und der Motor des Wartburg 353. In der Standardausführung soll es der etwa 700 Kilo schwere RS 1000 auf 75 PS und etwa 165 Stundenkilometer gebracht haben. Genau 101 Stück wurden in zehn Jahren hergestellt. Noch etwa 80 sollen existieren.

1979 war die Produktion des RS 1000 bei Melkus eingestellt worden. Seither ruhte bei Melkus die Fahrzeugproduktion. Es habe sich nicht mehr gelohnt, sagt Peter Melkus, der Sohn des legendären Firmengründers. Die Beschaffung der Teile war immer schwieriger geworden.

Die Neuauflage des RS 1000 soll jetzt streng auf 15 Nachbauten begrenzt bleiben, auch wenn es mehr Nachfragen gibt. Vor einem Jahr sei ihm die Idee gekommen, erzählt Melkus. „Es soll wieder Rennsportwagen aus Dresden geben.“ Überall suchte er nach Originalteilen der alten Wartburgs, teilweise in Kellern und auf Dachböden von Privatleuten. Die Sammelleidenschaft der DDR-Bürger kam ihm zu Hilfe, die wegen des damaligen Mangels schwer zu beschaffende Autoteile wenn möglich auf Vorrat gekauft hatten. „Jetzt haben wir wieder genügend Ersatzteile“, sagt Melkus .

Eigentlich soll der RS 1000 aber nur eine Vorübung für den künftigen RS 2000 sein, der von 2008 an in der Melkus-Werkstatt zusammengeschraubt wird. Sohn und Enkel wollen den Traum von Großvater Melkus von einem eigenen Rennsportwagen weiterträumen. Am Design des RS 2000 wird schon fleißig gefeilt.

Die Abstammung vom RS 1000 soll erkennbar bleiben: hohe Kotflügelbögen, Flügeltüren, Mittelmotor, tiefgelegtes Chassis. „In zehn Zentimeter Höhe über die Straße gleiten – das Gefühl ist einfach geil“, schwärmt Peter Melkus. Das Herz könnte ein Motor von VW werden. Aber das sei noch nicht endgültig entschieden. Gedacht ist Peter Melkus zufolge an eine Stückzahl von jährlich etwa 25 Stück, zwei jeden Monat, zu einem Preis von rund 70 000 Euro. Diesen Preis hält er für ein in Handfertigung hergestelltes Auto für gerechtfertigt. „Das sind doch fast alles Unikate.“

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