Wirtschaft : Der Freiverkehr ist die Stärke

IM INTERVIEW - Die Berliner Börse ist gerade für die kleineren Unternehmen wichtig

TAGESSPIEGEL: Es gibt eine Diskussion über die Regionalbörsen.Warum halten Sie mehrere Börsen in Deutschland für wichtig? WALTER: Zunächst ein ganz einfaches Wettbewerbsargument.In unserer Wirtschaftsordnung sind Monostrukturen prinzipiell systemfremd.So wie es unterschiedliche Anbieter vergleichbarer Dienstleistungen und Produkte in anderen Wirtschaftsbereichen gibt, halte ich es nur für konsequent, daß es mehrere Anbieter von Börsendienstleistungen auch in einem Land geben sollte.Die positiven Auswirkungen solcher Strukturen, nämlich eines vielfältigen Angebotes, sind in den letzten Jahren durch die Existenz der Regionalbörsen und hier speziell natürlich der Berliner Börse deutlich erkennbar geworden.Ohne sie gäbe es in Deutschland zum Beispiel nicht eine so große Zahl von Auslandswerten, die Handelszeiten wären noch immer auf 10 Uhr 30 bis 13 Uhr 30 begrenzt und wirklich kleinere Unternehmen hätten nicht die Möglichkeit nutzen können, sich über die Börse Eigenkapital zu beschaffen. TAGESSPIEGEL: Jüngst ist das Dachskontro eingeführt worden.Die Berliner Wertpapierbörse muß sich nun in einen Verbund einordnen.Behindert das ihren Handel? Schränkt sie das ein? WALTER: Die Frage ist differenziert zu beantworten.Das Dachskontro hat zur Folge, daß in den Blue-chips bundesweit einheitlich gerechnete Kurse festgestellt werden.Die von Anlegern in der Vergangenheit teilweise beklagte Unsicherheit, ob der an der Regionalbörse festgestellte Kurs "richtig" ist, besteht nun nicht mehr.Damit haben die Kreditinstitute und die Anleger nun die Möglichkeit, ihre Orders in jedem Fall an ihren regionalen Markt zu leiten.Für diesen, den Finanzplatz Deutschland insgesamt positiv beeinflussenden Vorteil, nehmen wir den Nachteil, unsere Handelszeit aus technischen Gründen auf das niedrigere Frankfurter Niveau zurückführen zu müssen, in Kauf. TAGESSPIEGEL: Im amtlichen Handel mußte die Berliner Börse ihre Handelszeiten denen in Frankfurt anpassen.Im Freiverkehr aber hat die Berliner Börse einen Vorsprung.Ist dieser ausbaufähig? WALTER: Wir handeln im Freiverkehr derzeit von 9 Uhr bis 15 Uhr 55.Das hat sich als ausgesprochen attraktiv erwiesen.Die Anleger machen bundesweit von der Möglichkeit, auch vor 10 Uhr 30 und nach 13 Uhr 30 noch Orders an der Berliner Wertpapierbörse aufgeben zu können, regen Gebrauch.Nicht zuletzt die Handelszeit hat sicher dazu beigetragen, daß sich die Umsätze im Berliner Freiverkehr explosionsartig entwickelt haben.Bereits im ersten Halbjahr 1997 erreichten die Transaktionen dieselbe Höhe wie im Gesamtjahr 1996, das seinerseits durch eine Verdoppelung gegenüber 1995 gekennzeichnet war.Damit hat sich ­ ich erwähnte das bereits ­ der Freiverkehr zu dem die Berliner Wertpapierbörse prägenden Marktsegment entwickelt.Derzeit prüfen wir ein Konzept, das es uns ermöglicht, den Handel über die bestehende Zeit hinaus auch in den späten Abend auszudehnen. TAGESSPIEGEL: Im Freiverkehr werden auch viele amerikanische Werte gehandelt.Die Börse hat eine enge zeitliche Anbindung an Wall Street.Kann sich die Berliner Börse hier noch weiter profilieren? WALTER: Wir haben 1993 begonnen, den Freiverkehr zur Hauptstärke und -stütze der Berliner Börse auszubauen.Während dieser Markt Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre als Standbein der Börse kaum eine Rolle spielte, ist es heute fast umgekehrt.Sowohl bezüglich der Umsätze als auch im Hinblick auf die Zahl der Transaktionen und die Höhe der Erlöse der Börse hat sich dieses Marktsegment zu einer tragenden Säule der Berliner Wertpapierbörse entwickelt.Das Segment ist in mehrere Bereiche unterteilt, die in den vergangenen Jahren jeweils intensiv bearbeitet wurden.Hierzu gehören zunächst die Auslandsaktien, insbesondere amerikanische Aktien.Der große Nutzen des Handels amerikanischer Werte im Berliner Freiverkehr liegt für die Anleger darin, daß wir eine zeitliche Verknüpfung zur Börseneröffnung an der Wall Street erreicht haben.Anlegern in Deutschland ist es dadurch möglich, noch auf Eröffnungstendenzen in Amerika zu reagieren. Auch der Bereich osteuropäischer Aktien ist zwischenzeitlich weit entwickelt.Es gibt keine Börse in Deutschland, an der so viele osteuropäische Aktien mit derart hohen Umsätzen wie in Berlin gehandelt werden.Auch wenn einzelne Aktien zusätzlich in Frankfurt und an anderen Börsen gehandelt werden, werden die Hauptumsätze in Berlin abgewickelt.Die Berliner Börse und ihre Marktteilnehmer haben sich hier eine Marktnische erschließen können, die auch nicht dadurch verlorenging, daß andere Börsen unserem Vorbild nacheiferten. TAGESSPIEGEL: Ist der Neue Markt eine Konkurrenz? WALTER: In Berlin werden sämtliche Werte des Neuen Marktes gehandelt, eines an sich in Frankfurt angesiedelten Marktsegments.In den umsatzstarken Titeln dieses Segments vereinigen wir etwa ein Drittel des Bundesumsatzes auf die Berliner Wertpapierbörse.Angesichts der Größenverhältnisse in Deutschland ­ in Frankfurt werden ja bekanntermaßen 80 Prozent aller Gesamtumsätze getätigt ­ ein erstaunliches Phänomen.Zum Teil erreichen oder übertreffen die Berliner Umsätze sogar die Marke von 50 Prozent des Gesamtumsatzes.Schließlich beschränken wir uns in Berlin nicht mehr darauf, nur zusätzliche Sekundärmärkte für Titel zu öffnen, die bereits an anderen Börsen gehandelt werden.Einer der Hauptschwerpunkte unserer Aktivitäten liegt inzwischen darin, durch die Bereitstellung eines attraktiven Marktes und durch aktive Akquisition kleinen Unternehmen die Beschaffung von Eigenkapital über die Börse zu ermöglichen.Dies alles zeigt, daß wir unser Leistungsangebot in den letzten Jahren umfangreich und erfolgreich ausgebaut haben. TAGESSPIEGEL: Stichworte: Neue Werte, Neuer Markt.Kommen auch Firmen aus den neuen Ländern an die Berliner Börse? WALTER: Bei der Sachsenring AG entfiel auf Berlin am ersten Handelstag gut ein Drittel des Bundesumsatzes.In unserem Freiverkehr sind während der von 9 Uhr bis knapp 16 Uhr dauernden Handelszeit rund 250 variable Notierungen zustande gekommen, daß heißt es sind 250 Abschlüsse getätigt worden, bei denen jeweils erneut der zu diesem Zeitpunkt marktgerechte Preis ermittelt wurde.An der Hauptbörse in Frankfurt lag die Zahl der variablen Notierungen bei lediglich 60.Die lange Handelszeit, die Bereitschaft der Makler auch bei vergleichsweise niedrigen Abschlußgrößen ständig Geschäfte zu vermitteln und das Engagement unserer Marktteilnehmer haben diesen Erfolg möglich gemacht. Darüber hinaus streben wir natürlich an, die Eigenkapitalbeschaffung kleiner Unternehmen auch weiter intensiv zu fördern, und zwar nicht nur solcher aus Ostdeutschland.Seit Sommer letzten Jahres haben diese Bemühungen Früchte getragen.Nach Cybermind Mitte letzten Jahres sind im Juni die Aktien der Berliner Freiverkehr (Aktien) AG eingeführt worden.Einen Monat später folgte die GFN AG, im Oktober betreten die Progeo Holding AG und die Achterbahn AG das Parkett der Berliner Wertpapierbörse.Innerhalb von gut einem Jahr werden dann bereits fünf Unternehmen im Freiverkehr notiert sein, die die hiesige Plattform zur Beschaffung von Eigenkapital ausgewählt haben.Die bereits hier notierten Werte brauchen übrigens den Vergleich mit den zum Beispiel am Neuen Markt gehandelten Werte im Hinblick auf die bislang erzielte Performance in keiner Weise zu scheuen. TAGESSPIEGEL: Aber dennoch sind nur wenige Werte aus den neuen Ländern dabei. WALTER: Es ist eine Tatsache, daß die seit der Wende in den neuen Ländern entstandenen jungen Unternehmen in ihrer Mehrheit nicht börsenreif sind.Dies gilt auch unter Zugrundelegung der für den Berliner Freiverkehr geltenden Maßstäbe, die zum Beispiel darauf verzichten, daß das Unternehmen bereits seit mehreren Jahren existieren muß.Auch fordern wir bei einem Börsengang lediglich eine dem deutschen Recht entsprechende Rechnungslegung.Auf die Erfüllung der im Neuen Markt obligatorischen, die Emissionskosten aber deutlich verteuernden "General Accapted Accounting Principles" verzichtet der Berliner Freiverkehr hingegen.Andererseits verspüren wir immer noch eine erhebliche Unkenntnis bei Unternehmensvertretern über die durch die Börse vermittelten Möglichkeiten bei der Eigenkapitalbeschaffung.Insoweit ist es sicher nötig, daß wir unsere Bemühungen, diese Unternehmen noch umfassender zu informieren, weiter verstärken.In Einzelfällen zeigen sich aber bereits heute positive Ansätze.So befinden wir uns zur Zeit mit einem in der Nähe von Leipzig angesiedelten Unternehmen über die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft und über einen Gang dieses Unternehmens an die Berliner Börse im Gespräch.Ich bin sicher, daß dieses Beispiel weiteren Unternehmen aus Ostdeutschland Mut machen wird.

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