Wirtschaft : Der Fußball-Bundesliga droht das Abseits

HEIKE JAHBERG

TV-Rechte-Streit entzweit die Vereine / Jetzt entscheiden GerichteVON HEIKE JAHBERG

Die schönste Nebensache der Welt ist der Profi-Fußball schon lange nicht mehr.Im Gegenteil.Selbst wenn die Börsen crashen, die Hiobsmeldungen vom Arbeitsmarkt nicht abreißen und noch immer Zigtausend junge Leute auf der Suche nach einer Lehrstelle sind, scheint die Republik vor allem eines zu erschüttern: Ob denn so einer wie der Kirch, der bekanntlich für eine Milliardensumme die weltweiten Rechte an den Fußball-Weltmeisterschaften 2002 und 2006 erworben hat, tatsächlich Millionen von Fernsehzuschauern in die Röhre gucken lassen kann, will das deutsche Fußballvolk wissen und erwartet von den Ministerpräsidenten eine Antwort.Die Länderfürsten, erst durch den Zorn der Fans aus ihrem medienpolitischen Dornröschenschlaf gerissen, stehen unter Zugzwang.Spätestens bei ihrem nächsten Treffen am 18.Dezember müssen Frau Simonis und ihre männlichen Kollegen eine Lösung finden, wie sie den gordischen Knoten, der aus Volkes Fernsehlust auf der einen und Kirchs Eigentumsrechten auf der anderen Seite geknüpft ist, durchschlagen wollen. Die Empörung über Kirchs WM-Deal verstellt aber den Blick auf ein Ereignis, das den deutschen Fußball sehr viel nachhaltiger beeinflussen könnte als die Frage, ob man im nächsten Jahrtausend die Erstrundenspiele der Nationalkicker nur über Kirchs Dekoder verfolgen kann.Am 18.November nämlich wird der Bundesgerichtshof (BGH) entscheiden müssen, ob der DFB auch weiterhin zentral die Fernsehrechte für die Heimspiele der deutschen Teilnehmer am Uefa-Cup und am Pokalsieger-Wettbewerb verkaufen darf.Das Bundeskartellamt hatte dem Fußball-Verband die rote Karte gezeigt: Nach Meinung der Wettbewerbshüter muß es den Vereinen selbst überlassen sein, Verträge mit den TV-Anstalten auszuhandeln.Schließen sich die BGH-Richter dem an, droht der DFB in die Abseitsfalle zu laufen.Zwar will man am Platz der Luftbrücke erst einmal die Urteilsbegründung abwarten, aber das nächste Ziel ist bereits im Visier: Falls sich der Richterspruch auch auf die Vermarktung der Bundesliga-Spiele übertragen ließe, "dann müssen wir was tun", sagt Kartellamts-Präsident Dieter Wolf. Die Liga bebt.Denn ohne die Fernsehpfründe, die ihnen der DFB zuschiebt, wären viele Vereine finanziell am Ende.Sowohl die 55 Mill.DM aus dem Uefa-Topf als auch die 255 Mill.DM aus den Bundesliga-Verträgen werden an die Kicker der 1.und 2.Bundesliga nach einem komplizierten Verteilungsschüssel aus Sockel- und Bonuszahlungen ausgeschüttet.Beispiel Bundesliga: Pro Saison bekommt jeder Erstligist erst einmal 8 Mill.DM.Abgestuft nach dem jeweiligen Tabellenplatz wird dieser Betrag dann an jedem Spieltag noch durch weitere Prämien aufgestockt.Auch die Teams der 2.Bundesliga können sich über einen warmen Regen freuen.Allein dafür, daß sie in der Profiliga dabei sind, bekommen sie 4,6 Mill.DM pro Saison.Und obwohl sie mit Uefa-Cup und Europokal in aller Regel nichts am Hut haben, kassieren sie auch hier mit: Über 150 000 DM bekommt jede Zweitliga-Mannschaft aus dem 55 Mill.DM-Jackpot.Nur die Champions League wird ausschließlich von der Uefa vermarktet. Wenn das DFB-Vermarktungsmonopol geknackt wird, brechen für die meisten Bundesliga-Vereine harte Zeiten an.Während der FC Bayern München angeblich darauf spekuliert, über die Selbstvermarktung der Spiele 50 bis 60 Mill.DM mehr herausschlagen zu können, geht bei anderen das Licht aus."Wir leben von den Fernsehgeldern", gibt man etwa beim Zweitligisten SG Wattenscheid 09 zu.Magere 2500 Zuschauer pro Spiel reichen nicht, um über die Runden zu kommen.Wenn die Großen nicht mehr solidarisch sind und Gelder abgeben, warnt der 3.Vorsitzende Harald Menzel, "dann sehe ich schwarz für die 2.Liga".Skeptisch beäugt man in der Provinz auch den Drang von Clubs wie Bayern und Dortmund, an die Börse zu gehen."Dann geht bei denen die Dividende vor", sorgt sich Menzel, "und wir werden wieder Amateure". Dabei brauchen die Top-Clubs auch die grauen Mäuse."Bayern kann nicht zehn Mal gegen sich selbst spielen", sagt Wolfgang Hilgert, Vizechef des Deutschen Basketball-Verbandes.Hilgert verfolgt die Entwicklung auf dem grünen Rasen mit großem Interesse.Denn was den Kiêkern blüht, kann auch die langen Kerls in der Halle treffen.Vorsorglich hat der Verband die Verträge mit den Bundesliga-Vereinen bereits geändert.Ab dem Jahr 2000 dürfen Alba und Co.selbst mit den Fernsehanstalten verhandeln.Bis dahin läuft der Vertrag, den der Basketballverband mit ARD und ZDF geschlossen hat und der den Erstligisten pro Saison 150 000 DM in die Kassen spült.Nicht nur für den Fußball, auch für die Korbballer wäre die Selbstvermarktung der Anfang vom Ende, glaubt Hilgert: "Im Moment wäre Alba die einzige Mannschaft, der eine solche Regelung nutzen würde." Doch der Zahn der Zeit läßt sich nicht aufhalten.Schon wollen die ersten Basketballer an die Börse: Den SSV ratiopharm Ulm zieht es aufs Parkett. Es tut sich eine Menge im Sport.Wohin die Reise geht, weiß derzeit niemand.Doch die ersten Weichen werden in diesem Monat gestellt.Denn eine Woche, bevor der Bundesgerichtshof den Kartell-Streit zwischen Wettbewerbshütern und DFB entscheidet, treten ebenfalls in Karlsruhe die hohen Richter des Bundesverfassungsgerichts zusammen.Sie wollen am morgigen Dienstag klären, ob Sat 1, Inhaber der Erstverwertungsrechte für die Fußball-Bundesliga, Kurzberichte anderer Sender dulden muß.Die Konkurrenz dürfe wohl die Ergebnisse vermelden, die ersten Bilder aber erst dann zeigen, wenn "ran" über die Spiele schon berichtet habe, beschreibt Sat 1-Sprecherin Brigitte Schmidt den Vertrag zwischen dem Privatsender und der Sportagentur ISPR, der noch bis zum Ende der Saison 1999/2000 läuft.Statt direkt mit den Sendern zu verhandeln, vergibt der DFB die TV-Rechte an zwischengeschaltete Agenturen.Schätzungen zufolge zahlt die ISPR (Kirch/Springer) pro Jahr 180 Mill.DM für die Bundesliga-Rechte im "free TV".Die Ufa (Bertelsmann) gibt weitere 75 Mill.DM für die Ausstrahlung im Pay-TV.Was die Sender ihrerseits an die Agenturen abführen, wird nicht verraten.Aber eines ist klar: "Unsere Kosten sind kaum zu refinanzieren", sagt Sprecherin Schmidt.Im Klartext: Unterm Strich ist die Sache ein Verlustgeschäft.Für das Image, "der Bundesliga-Sender" zu sein, greift Sat 1 tief in die Tasche.

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar