Wirtschaft : Der größte virtuelle Marktplatz der Welt entsteht - Auch die Zulieferer könnten profitieren

Robert L. Simison[Fara Warner],Gregory L. Whit

Die Automobilproduzenten schicken ein neues Modell ins Rennen: eine neue Internet-Firma, deren Einnahmen das Silicon Valley möglicherweise vor Neid erblassen lassen werden. General Motors (GM), Ford und DaimlerChrysler haben am Freitag vor einer Woche angekündigt, einen gemeinsamen Marktplatz für den Wareneinkauf im Internet aufbauen zu wollen. Diese Internet-Einkaufsgesellschaft, ein unabhängiges Unternehmen, wird ihr Geschäft mit dem machen, was die Autoindustrie am besten kann: Geld ausgeben, hunderte von Milliarden Euro pro Jahr, für Millionen von Autoteilen.

"Das wird die größte Internet-Firma und Warenbörse der Welt", freut sich Brian Kelley, Vizepräsident von Ford und verantwortlich für den Bereich des elektronischen Handels. Marktbeobachter gehen davon aus, dass das Internet-Unternehmen jährliche Einnahmen von mindestens drei Milliarden Dollar haben wird. Sie schätzen, dass die drei Autohersteller Zulieferteile im Wert von 240 Milliarden Dollar über den elektronischen Marktplatz beziehen werden. Außerdem wird erwartet, dass ein erheblicher Teil der 500 Milliarden Dollar, die jeder Zulieferer im Jahr ausgibt, über dieses Handelssystem fließen wird. Weil es im Bereich der Zulieferer zu Überschneidungen kommt, kann das gesamte Handelsvolumen allerdings nur schwer geschätzt werden.

Positive Wirkungen auf das Wachstum

Die Initiative der Autohersteller zeigt wieder einmal, dass das Business-to-Business genannte Marktsegment in der Lage ist, die Art und Weise, in der Geschäfte abgewickelt werden, von Grund auf zu ändern - ähnlich wie die Elektrizität den Produktionsprozess verändert hat. Wirtschaftsexperten der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs gehen davon aus, dass das Business-to-Business-Geschäft in den kommenden Jahren das jährliche Wirtschaftswachstum in den großen Industrieländern um einen Viertel Prozentpunkt erhöhen wird. Sie glauben, dass die Online-Umsätze zwischen den Unternehmen, die derzeit nur 0,5 Prozent aller Umsätze erreichen, bis zum Jahr 2004 rund zehn Prozent ausmachen werden und die Kosten in vielen Industriezweigen erheblich reduzieren werden.

Die bislang noch namenlose Firma, die die Handelssysteme von Ford und General Motors vereinigen soll, wird von den amerikanischen Firmen Oracle beziehungsweise Commerce One geführt werden, die sich mit der Abwicklung von Lieferungen und Leistungen von Unternehmen untereinander über das Internet beschäftigen. DaimlerChrysler stieß hinzu, nachdem sich der Konzern gegen die Errichtung eines eigenen Einkaufssystems entschieden hatte. Zulieferer hatten vor der Einrichtung eines dritten Einkaufssystems gewarnt und für einen gemeinsamen Handelsstandard plädiert. Die ungewöhnliche Entscheidung zur Zusammenarbeit macht die Autokonzerne zu Vorreitern in einem Bereich, der der größte Business-to-Business-Basar der Internet-gelenkten "New Economy" ist. Es ist geplant, einen weltweiten Standard für den elektronischen Handel in der Autoindustrie und vielleicht auch in anderen Industriezweigen zu schaffen. Auch wenn der Initiative der drei Autohersteller viel Beifall gezollt wurde, machen sich die Zulieferer Sorgen über die Auswirkungen auf ihre Branche.

Von der neuen Einkaufsgenossenschaft wird mehr erwartet, als dass sie die Autohersteller wie kleine Internet-Firmen aussehen lässt. Sie soll den Autoherstellern das entscheidende Handwerkszeug geben, um die Kosten zu senken. Die Börse reagierte auf die Ankündigung der drei Unternehmen zunächst positiv. Die Aktien von Commerce One und Oracle sind um mehr als 10 Prozent gestiegen. Zulegen konnten zunächst auch die Papiere von GM, von Ford und von DaimlerChrysler.

Marktbeobachter gehen davon aus, dass Commerce One und Oracle Eigenkapital-Beteiligungen von je weniger als zehn Prozent an dem neuen Einkaufssystem sowie eine Gewinnbeteiligung erhalten werden. Die drei Autohersteller werden die restlichen Anteile halten, aber auch anderen Autobauern, sollen Beteiligungen angeboten werden, wenn sie sich anschließen.

Der französische Konzern Renault SA und seine Schwestergesellschaft, der japanische Autohersteller Nissan, denken darüber nach, sich an dem neuen elektronischen Marktplatz zu beteiligen. Nissans Präsident und Hauptbetriebsleiter, Carlos Ghosn, soll gegenüber Ford bereits ein entsprechendes Interesse bekundet haben. In Tokio erklärte ein Sprecher von Toyota, man werde sich dem Unternehmen der großen Drei wahrscheinlich anschließen, wenn gewährleistet sei, dass Toyota das Handelssystem nutzen könne, wie es wolle und glaubwürdige Sicherheitsvorkehrungen getroffen würden, um zu verhindern, dass die Konkurrenten Einblick in die Einkaufs- und Entwicklungsprogramme des Konzerns erhielten. Honda ist noch unentschlossen.

Jeder Hersteller mit eigenem Bereich

Die an dem Projekt beteiligten Autokonzerne, die sich in den vergangenen Jahren gescheut haben, in diesem Umfang zusammen zu arbeiten, erklärten, sie erwarteten keine Bedenken seitens der Kartellbehörden. Jeder Autohersteller, der seinen Wareneinkauf über das neue Handelssystem abwickele, werde dort einen eigenen Bereich besitzen, der von den anderen Partnern nicht eingesehen werden könne.

Vor etwa drei Wochen hatten GM und Ford angefangen, sich zu überlegen, wie man ihre beiden Handelssysteme, die jeweils schon im vergangenen Jahr ins Leben gerufen worden waren, miteinander verbinden könnte. Einen zusätzlichen Anreiz erhielten die beiden Autohersteller durch die Einschätzung, dass ein einziges, führendes Handelssystem gegenüber zwei oder drei konkurrierenden größer und gewinnbringender sein würde. Aber diese Kalkulationen ergaben, dass GM und Ford alleine nicht groß genug wären. "Wir haben DaimlerChrysler ins Spiel gebracht, um zu verhindern, dass Europa einen eigenen Handelsstandard entwickelt", sagt Harold Kutner von GM. Experten gehen davon aus, dass die Hereinnahme von DaimlerChrysler außerdem andere Industriezweige anziehen wird und so einen Schneeballeffekt auslösen könnte.

Es hat die Autoindustrie seit jeher sehr viel Zeit und Geld gekostet, Zulieferer für jedes der Tausende Einzelteile zu finden. Der Verwaltungsaufwand war enorm. Eine Flut von Plänen, technischen Angaben und Angeboten mussten versandt, endlose Versammlungen, Telefonate und Konferenzen geführt werden. Die elektronische Übermittlung und der automatisierte Bestellprozess können Verwaltungskosten und -aufwand erheblich reduzieren. Zudem können die Zulieferer das Netz nutzen, um untereinander zu handeln, die globale Reichweite zu genießen und Nachlässe zu nutzen, die bisher nur für die Größten reserviert waren.

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