Wirtschaft : Der Grüne Punkt soll an der Lahn sein blaues Wunder erleben

PETER BRORS (HB)

Ein kämpferischer Landrat ist von einem neuen Müllverwertungsweg derart überzeugt, daß er den Aufstand gegen das Duale System probtVON PETER BRORS (HB) WETZLAR.Karl Ihmels ist ein vielgefragter Mann.Der Landrat des hessischen Lahn-Dill-Kreises erhält beinahe täglich hohen Besuch.Politiker aller Couleur, Vertreter aus Industrie und Handel, dazu Umweltexperten aus allen Teilen der Republik geben sich im Landratsamt Wetzlar die Klinke in die Hand.Der Grund für das enorme Interesse: Ihmels führte am 1.April in seinem Landkreis als erster in Deutschland ein neues Müllverwertungsmodell ein, das die Entsorgungsbranche völlig umkrempeln könnte.Denn das sogenannte Landbell-Konzept macht den Gelben Sack, teure Deponien und herkömmliche Müllverbrennungsöfen mehr oder weniger überflüssig.Der SPD-Politiker will in der Praxis beweisen, daß das jährlich mehrere Milliarden DM teure Duale System rund um den Grünen Punkt durch ein ökologisch und ökonomisch sinnvolleres Modell ersetzt werden kann.Bis zu 50 Prozent der Kosten will er einsparen. Schaffen es die Hessen tatsächlich, einen Wettbewerb der Verwertungssysteme zu entfachen, steht der deutschen Entsorgungsbranche rund sieben Jahre nach Einführung des Grünen Punkts eine zweite Revolution bevor: Ein kräftig gestraffter Verwertungsweg und drastisch sinkende Müllgebühren sind das Ziel.Schon haben weitere Landkreise, etwa Kassel, Gießen und der Westerwaldkreis angekündigt, das Landbell-Modell genau zu prüfen. Kein Wunder, daß die Duales System Deutschland AG (DS) alle Hebel in Bewegung setzt, den streitbaren Landrat zu stoppen.Per Eilantrag und Klage auf Unterlassung beim Verwaltungsgericht Gießen versucht die Grüne-Punkt-Firma gegenwärtig, die Einführung des neuen Abfallkonzepts zu verhindern.Ihmels bleibt gelassen: "Die Klage richtet sich dagegen, daß wir das als öffentliche Hand durchziehen wollen.Sollten sich die Richter der DS-Einschätzung anschließen, werden wir unseren fünfzigprozentigen Anteil an der neuen Müllverwertungsgesellschaft eben verkaufen", so der Kommunalpolitiker."Wir werden das neue Konzept so oder so einführen." Die Mainzer Landbell AG, die die anderen 50 Prozent hält und zu deren Gesellschaftern über die Schweizer Belland AG unter anderem der Musiker Phil Collins und der Unternehmer Hubertus Bahlsen gehören, sieht sich in dem neuen Modell als Systemkopf, der Lizenzen an die Hersteller von Produkten mit Verpackungsmaterialien vergibt.Im Gegenzug für die Lizenzentgelte kümmert sich Landbell um die Rücknahme und Verwertung der Verpackungen und tritt damit in direkte Konkurrenz zum DS. Denn genau das hat bislang auch das DS gemacht und an Lizenzen für den Grünen Punkt jährlich 4,1 Mrd.kassiert.Dieses Geld holen sich die Hersteller der Produkte von den Verbrauchern über höhere Preise zurück.Das bedeutet, daß im Schnitt jeder Bundesbürger vom DS indirekt mit 50 DM pro Jahr zur Kasse gebeten wird.Um diese Einnahmen muß sich das DS jetzt ernsthaft sorgen, sollte sich das Landbell-Konzept in der Praxis bewähren.Große Handelsunternehmen wie Metro und Rewe sind mit den hohen Kosten für den Grünen Punkt unzufrieden.Sie könnten in Zukunft die Landbell AG unterstützen, hinter der Branchenkenner als Drahtzieher ohnehin die Metro vermuten und deren Abfallkonzept wie folgt funktioniert: In einen neuen Blauen Sack sollen die Bürger papierfaserhaltige Verkaufsverpackungen wie Getränkekartons und Papierbeutel werfen.Diese Säcke können dann direkt beim Einsammeln stark zusammengepreßt und sofort in die Wiederverwertungsanlagen der Papierfabriken gefahren werden.Der Unterschied zum Gelben Sack: Dieser kann weder zusammengepreßt noch direkt zur Wiederverwertung transportiert werden, weil zuviele verschiedene Stoffe darin enthalten sind. Die restlichen Abfallarten, also vor allem Kunststoff- und Metallverpackungen, die bislang im Gelben Sack landeten, sollen in der grauen Restmülltonne gesammelt und anschließend in der neuen Trockenstabilatanlage in Aßlar verarbeitet werden, in die die Herhof GmbH 50 Mill.DM investiert hat und an der der Landkreis, so Ihmels, "mit keiner Mark" beteiligt ist.Dort will Ihmels aus dem normalen Restmüll einen Brennstoff machen, der die gleichen hohen Heizwerte wie etwa Braunkohle aufweist.Zunächst wird dabei dem Restmüll die Feuchtigkeit weitgehend entzogen.Anschließend lassen sich Metalle, Keramik und Glas maschinell sauber herausfiltern und wiederverwerten.Der große Rest, insbesondere Kunststoff, aber auch Papier, wird zu Ballen verpreßt, dem sogenannten Trockenstabilat.Diesen getrockneten Restmüll will der Landrat aufgrund seines hohen Brennwerts an Zementwerke oder Blockheizkraftwerke verkaufen."Auf diesem Weg", so Ihmels, "lassen sich die Kosten für die Müllverwertung um die Hälfte drücken." Das sieht das DS ganz anders.Ein Sprecher erklärt, daß "die bisherigen Aussagen des Lahn-Dill-Kreises zu den Kosten in keiner Weise belegt sind.Die behaupteten Erlöspotentiale erscheinen schon von daher aus der Luft gegriffen." Argumentationshilfe gegen das Landbell-Konzept erhält das DS auch durch die derzeit gültige Verpackungsverordnung.Die sieht unter anderem vor, daß Kunststoffabfälle zu 64 Prozent einer stofflichen Verwertung zugeführt werden müssen."Diese Quote können wir nicht erfüllen", gesteht Ihmels, "höchstens 35 Prozent." Doch Ihmels wäre nicht Ihmels, würde er nicht gleich nachlegen: "Auch das Duale System schafft die 64 Prozent nicht." Tatsächlich kommt zu diesem Ergebnis eine bislang unveröffentlichte Studie des Bremer Umweltministeriums.Darin heißt es: "Bei Betrachtung der bundesweit verwerteten Verpackungen ergibt sich, daß die Verwertungsquoten für Glas, Weißblech und Verbunde knapp, für Kunststoff und Aluminium sehr deutlich unterschritten werden und somit die stoffliche Verwertung nicht gegeben ist." Ihmels: "Was das Duale System mit den Altkunststoffen derzeit macht, ist deshalb im Grunde auch nichts anderes als Müllverbrennung."

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