Wirtschaft : Der gute Ruf der Schweiz steht auf dem Spiel

VANESSA LIERTZ

Während das Tohuwabo an den Finanzmärkten tobt, mochten sich bisher ein paar Anleger ins Fäustchen gelacht haben: Die Schweiz, so die trügerische Hoffung, war einer der letzten sicheren Häfen in der Krise.Doch auch dieses Mekka unter den Finanzplätzen hat in der letzten Zeit viel von seiner Aura eingebüßt.Gilt das Bonmot "Geld allein macht nicht glücklich - man muß es in der Schweiz haben" noch?

Die größte Schweizer Bank UBS, die zugleich als größte Geschäftsbank der Welt gilt, hat im Sog der Hedge-Fonds-Krise viel Geld in Amerika gelassen: In Franken gerechnet, soll ihr Verlust die Milliardengrenze gestreift haben.Zehnmal soviel haben UBS-Aktionäre an der Züricher Börse innerhalb weniger Tage verloren.Im Sommer wurde die Aktie noch mit 675 Franken notiert, am "schwarzen Mittwoch", dem 30.September, kostete das Papier noch 270 Franken.Einen solchen Kurseinbruch hatte es noch nie für eine Schweizer Großbankaktie gegeben.

Auch andere Geldhäuser hat es erwischt.Zum Beispiel die feine fürstliche Bank in Vaduz und ihren Liechtenstein-Globaltrust, den seine Beteiligung am LTCM-Fonds fast 40 Mill.Franken gekostet haben soll.Dem Bankhaus Julius Bär erging es offenbar etwas besser: Das Kreditinstitut hat Insidern zufolge zwei bis drei Mill.Franken als LTCM-Risiko abgeschrieben.

Es kriselt - in den Banken und auf dem Schweizer Aktienmarkt, der heute den traurigen ersten Rang bei den Kursverlusten unter allen Börsenplätzen in Europa belegt.Die Stimmung auf dem Schweizer Parkett ist trübe.Das Vertrauen der Anleger steht auf dem Spiel.Wer Aktien verkauft oder wer sein Geld aus Angst vor den Finanz- und Währungskrisen in Rußland und Asien in der Schweiz parken will, geht auf Nummer sicher: Fast zu hundert Prozent fließt dieses Kapital in die Anleihen der Eidgenossenschaften, die unter Analysten den Ruf genießen, "so sicher wie das Amen in der Kirche" zu sein.

Freilich können ein paar Schweizer Banker den Jahrzehnte alten Ruf ihres Landes nicht so schnell ruinieren.Davon zeugt auch der Franken, der noch immer als eine der stabilsten Währungen gilt.Bisher richtet jeder dritte Anleger dieser Welt, der sein Vermögen nicht am heimischen Markt zu mehren sucht, ein Konto in der Schweiz ein.Wer Geld in der Schweiz angelegt hat, zahlt hohe Gebühren - sie belegen einen Spitzenplatz in der Finanzwelt - und kassiert vergleichsweise niedrige Zinsen.Den Preis zahlen viele Anleger nicht zuletzt auch für die sprichwörtliche Sicherheit und Diskretion der Schweizer Kontenverwaltung.

Trotz der Turbulenzen, in die die Schweizer Großbanken gerutscht sind und der hohen Exportquote von 40 Prozent, die das Land in das Netz des internationalen Handels verstricken, werde die Schweiz "wohl einer der stärksten Finanzplätze der Welt bleiben", sagt Rainer Gebbe, Leiter der amerikanischen Chase Manhattan Bank in Deutschland.Und der Analyst einer deutschen Großbank, der ungenannt bleiben möchte, fügt hinzu: "Wer aus der Schweiz flüchten will, wird lange überlegen, wo er sein Geld stattdessen anlegen soll." Auch gibt er zu bedenken, daß keine Schweizer Bank wegen ihres Hedge-Fonds-Engagements zugrunde gegangen sei."Das Kapitalpolster dieser Banken ist sehr dick."

Beruhigend mag auf manchen Anleger außerdem wirken, daß die Wohlhabenden dieser Welt ihr Geld weiterhin in das Alpenland transferieren.Der deutsche Industrielle August von Finck zum Beispiel, wie es aus gut informierten Kreisen heißt.Vielleicht werden ihm bald viele Landsleute folgen.Die nach dem Regierungswechsel drohende Vermögenssteuer hat Kapitalbesitzer aufgeschreckt.

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