Wirtschaft : „Der Handel ist nicht schuld“ Kunden sollen planvoll einkaufen, rät die Branche

Foto: BVL
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Herr Rausch, ist der Handel schuld, dass so viele Lebensmittel weggeworfen werden?

Nein. Einer neuen EU-Studie zufolge kommen europaweit nur fünf Prozent der Lebensmittelabfälle vom Handel. Der weitaus größte Teil entsteht in den Privathaushalten.

Verleitet der Handel die Kunden dazu, zu viel in den Einkaufswagen zu packen?

Keineswegs, die Vielfalt, die der Handel anbietet, ist gut. Sie führt dazu, dass jeder das kaufen kann, was er möchte, und so viel, wie er braucht. Würde nur eine Apfelsorte oder ein Joghurtgeschmack angeboten, wäre die Wegwerfrate höher.

Vielleicht vergessen die Leute aber auch, dass sie noch fünf Joghurts zu Hause haben, weil im Laden alles so lecker aussieht.

Es ist sicher so, dass Kunden, die mit einem Einkaufszettel einkaufen gehen, weniger wegwerfen. Der Verbraucher muss sich überlegen, was er braucht, was er kochen will, und dann zielgerichtet einkaufen. Manchmal fehlt es aber auch am Wissen über die richtige Lagerung oder den Umgang mit Lebensmitteln, die eine Schadstelle haben. Man muss nicht gleich den ganzen Apfel wegwerfen, bloß weil er eine braune Stelle hat.

Sind Lebensmittel zu billig?

Es gibt preiswerte und höherpreisige Lebensmittel. Wenn die Preise auf breiter Front heraufgesetzt würden, hätten wir eine Diskussion, die keiner will. Gleichwohl wäre eine höhere Lebensmittelwertschätzung in unserem Sinn.

Ein weiteres Problem ist das Mindesthaltbarkeitsdatum.

In der Regel wird die Ware mit dem kürzeren Mindesthaltbarkeitsdatum nach vorne und die mit dem längeren nach hinten geräumt. Zudem nutzen die Händler die Möglichkeit, Ware, die vor dem Ablauf steht, herunterzusetzen oder in einem separaten Bereich zu platzieren.

Wie viele Waren werden aussortiert, weil das Haltbarkeitsdatum überschritten ist?

Über das gesamte Sortiment haben wir eine Verlustrate von circa einem Prozent. Die größten Abschriften haben wir bei Obst und Gemüse, Brot und Backwaren. Bei denen spielt das Mindesthaltbarkeitsdatum praktisch keine Rolle.

Was machen Sie mit Lebensmitteln, die Sie nicht mehr verkaufen können?

Sollte Ware nicht mehr verkäuflich sein, aber noch verzehrt werden können, geben die Läden sie unter anderem an die Tafeln weiter. 80 bis 90 Prozent der Lebensmittelgeschäfte arbeiten mit den Tafeln zusammen. Man kann intakte Lebensmittel aber auch intern weiterverarbeiten, etwa in Obst- oder Salatmischungen.

Franz-Martin Rausch vertritt als Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes des Deutschen Lebensmittelhandels die Interessen der Lebensmittelhändler. Das Interview führte Heike Jahberg.

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