Wirtschaft : „Der Herr der Ringe“ als Retter in der Not

Die Tolkien-Trilogie hat dem fast unbekannten Studio New Line Cinema unverhofften Erfolg gebracht

John Lippmann

In „Der Herr der Ringe“ kämpft ein Hobbit namens Frodo Beutlin gegen einen magischen Ring mit teuflischen Kräften, um ihn zu zerstören. Die Verfilmung des Buches hat ein ebenso großartiges Ziel erreicht: Sie hat das Ansehen des Filmunternehmens New Line Cinema innerhalb der Muttergesellschaft AOL Time Warner enorm erhöht.

Dabei sah es um die Verfilmung am Anfang nicht gut aus. Während der Dreharbeiten der 310-Millionen-Dollar teuren Trilogie „Herr der Ringe“ gab es viel Spott und Skepsis in Hollywood. Man höhnte, der dreiteilige Film werde die teuerste Serie des AOL-Fernsehsenders TNT. Und dass der zweite und dritte Teil ins Wasser fiele, wenn die erste Folge keinen Erfolg hätte.

Der Grund für die Skepsis: Die Verfilmung der 54 Jahre alten Erzählung des Oxford-Dozenten J.R.R. Tolkien schien ein riskantes Unterfangen mit geringen Erfolgschancen zu sein. Zum Zeitpunkt der „Ringe"-Dreharbeiten hatten ganz andere Filme Erfolg: Streifen über Popkultur-Größen wie „Spider-Man“ und „X-Men“ waren die großen Publikumsrenner. Und Harry Potter schien auf Jahre die Fantasy-Film-Kategorie für sich gepachtet zu haben.

Hinzu kamen andere Schwierigkeiten. New Line musste alle drei „Der Herr der Ringe"-Teile gleichzeitig produzieren und hatte das Ganze einem obskuren neuseeländischen Filmregisseur namens Peter Jackson anvertraut. Der brüstete sich damit, er habe noch nie zuvor den Fuß nach Hollywood gesetzt. „Es war nicht nur für uns Neuland", sagt Michael Lynne, Co-Chairman von New Line. „Es war für jeden ein Schritt ins Unbekannte".

Kurz vor dem Kinostart des zweiten Teils des „Herrn der Ringe“ sieht die Lage jedoch ganz anders aus. Der erste Teil, „Die Gefährten“, spielte mit 860 Millionen Dollar weltweit das fünfthöchste Ergebnis in der Kinogeschichte ein. Auch der zweite Teil, „Die Zwei Türme", der am 18. Dezember in die amerikanischen Kinos kommt, verspricht, ein großer Erfolg zu werden. Die Resonanz beim Testpublikum war sehr gut. Außerdem ist das Medieninteresse für den zweiten Teil von „Herr der Ringe“ größer als für den zweiten Harry-Potter-Film. Fast doppelt so viele potenzielle Kinogänger gaben in Umfragen an, „Die Zwei Türme“ seien bei einem Kinobesuch die erste Wahl, als es bei „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“ zwei Wochen vor dem Kinostart der Fall war. Der Vorverkauf für „Die Zwei Türme“ breche alle Rekorde in der Geschichte des Unternehmens, heißt es beim Online-Kartenverkaufsdienst Fandango.

Angespannte Beziehung zu AOL

Mit „Der Herr der Ringe“ ist New Line insgesamt eine eindrucksvolle Kehrtwende gelungen. Noch vor zwei Jahren war die Beziehung zur Muttergesellschaft wegen einer Reihe von Fehltritten sehr angespannt. Mit Ausnahme beliebter Filmserien wie „Austin Powers im Goldständer", „Blade2" und „Rush Hour 2“ hatten die meisten Filme des Filmstudios nur mäßige Einspielergebnisse. Nun habe der Erfolg von „Herr der Ringe“ das Image des Filmunternehmens verändert, sagt der AOL Time Warner-Chef Richard Parsons. Früher sei New Line „just another studio“ gewesen, heute genieße es dagegen „superstar status".

New Line war in Hollywood schon immer ein Sonderfall. Das Studio wurde vor 35 Jahren vom Rechtsanwalt und Kinofan Robert Shaye für den Verleih des Films „Reefer Madness“ an US-Universitäten gegründet. Dann machte sich das Unternehmen als Verleiher importierter Filme und Horrorstreifen wie „Texas Chainsaw Massacre“ einen Namen. Später produzierte New Line Serien wie „Teenage Mutant Ninja Turtles".

In den 90er Jahren begann das Filmunternehmen, anspruchsvollere Filme wie „The Player“ und „Short Cuts" von Robert Altman zu drehen. 1994 wurde New Line an Turner Broadcasting verkauft. Über eine Fusion wurde es später Teil von Time Warner. In den vergangenen Jahren hat sich New Line auf die Produktion mittelteurer Filme mit populären Schauspielern wie Chris Tucker, Mike Myers und Adam Sandler verlegt.

Dann aber geriet New Line ins Schlingern. Das Studio landete mit „Little Nickey“ und „Stadt, Land, Kuss“ zwei große Misserfolge kurz hintereinander. Diese Rückschläge kamen kurz nachdem die damalige Muttergesellschaft Time Warner das Studio fast verkauft hätte. Die Verkaufspläne waren wegen mangelndem Käuferinteresse gescheitert – weil New Line gerade ein schlechtes Jahr hinter sich hatte, gab es zu wenig Interessenten. Außerdem war Ted Turner gegen den Verkauf der Filmgesellschaft. Es sei mehr wert als ein einmaliger Gewinn, New Line als zweites Standbein für die Versorgung der konzerneigenen Kabelsender mit Filmen zu nutzen, war seine Begründung.

Nach dem großen Erfolg des ersten Teils von „Der Herr der Ringe“ genießt der zweite Teil oberste Priorität bei AOL Time Warner. Die einzelnen Konzernteile wollen an der Popularität des Films teilhaben. Der Trailer des Streifens lief zuerst bei AOL, bevor er auf die Website des Films kam. Der Fernsehsender WB von AOL Time Warner brachte einen einstündigen Bericht über den zweiten „Ringe"-Film. Und der Kabelfernsehsender TNT hat die gleiche Sendung am Mittwoch um 23 Uhr wiederholt – eine Stunde, bevor in den USA der Ticketverkauf für die mitternächtliche Kinovorstellung startete.

Auch die konzerneigenen Printmedien nehmen sich verstärkt des Themas an: Dieses Jahr wurde der Film zur Titelgeschichte des Time Magazine. „Die Zwei Türme“ sei „sogar besser als „Die Gefährten", heißt es da. Und das nicht, weil die Zeitschrift wie New Line auch zu AOL Time Warner gehört. Sondern weil die Leser sich für „Die Zwei Türme" interessierten, sagt Jim Kelly, Managing Editor der Times. „Ich hätte mich auch für diesen Film eingesetzt, wenn Miramax der Produzent wäre".

Trotz des Erfolges von „Herr der Ringe“ plant New Line keine Fortsetzung - etwa in Form einer Verfilmung des ersten Tolkien-Buchs „Der Hobbit“ über die „Mittelerde". Stattdessen entwickelt das Filmstudio eine andere Fantasy-Serie. Vorlage ist eine Trilogie des Autors Philip Pullman mit den drei Bänden „Der goldene Kompass", „Das magische Messer“ und „Das Bernstein-Teleskop". Hauptfigur ist eine elfjährige Waise, die bei Professoren in Oxford aufwächst. Der Dramatiker Tom Stoppard schreibt gerade das Drehbuch für die erste Folge. New Line will den Film 2005 herausbringen.

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