Wirtschaft : Der Himmel ist die Grenze

In Manhattan werden Rekordpreise für Wohnungen gezahlt – obwohl Experten schon lange vor einer Immobilienblase warnen

Walter Pfaeffle

New York - Die Immobilienfirma Halstead Property verteilte an ihre Makler kürzlich Kopien einer 2003 veröffentlichten Titelstory, in der das Magazin „New Yorker“ fragt: „Wird die Blase platzen?“ Klugerweise blieb die Zeitschrift ihren Lesern die Antwort schuldig. „Lesen Sie weiter und suchen Sie sich die Antwort aus, die ihrem ,Angst’-Level am nächsten kommt“, hieß es. Seit Jahren sagen Experten den Absturz der Preise für Wohnimmobilien in den USA voraus, doch der Boom hält an.

In Manhattan – aus Käufersicht der begehrteste der fünf New Yorker Stadtteile – haben Wohnimmobilien auch im Frühjahr wieder Rekordpreise erzielt, melden Halstead und andere Maklerfirmen. Selbst Kleinstwohnungen sind begehrt wie nie zuvor. So verflucht etwa der Geschäftsmann Pete Johnson den Tag im Jahre 1996, als er sein 30 Quadratmeter großes Studio-Apartment an der Upper East Side für 80000 Dollar verkaufte. Heute kosten Ein-Zimmer- Wohnungen in der Gegend etwa 350000 Dollar. Johnsons Trost: Er hat damals mit dem Erlös die Hypothek auf seiner schräg gegenüberliegenden und gut dreimal größeren Eigentumswohnung abgezahlt.

Die Hochkonjunktur treibt die Preise für Wohnungen und Häuser aller Größenordnungen – in New York wie in vielen Städten der USA. Halsteads Schwestergesellschaft Brown Harris Stevens hat für Wohnimmobilien in Manhattan im zweiten Quartal 2005 einen Durchschnittspreis von 1,28 Millionen Dollar errechnet. Das sind neun Prozent mehr als im ersten Vierteljahr und 30 Prozent mehr im Vergleich zum zweiten Quartal 2004. „Solange die Hypothekenzinsen niedrig sind und die Nachfrage das Angebot übersteigt, kann von einer Spekulationsblase nicht die Rede sein“, sagte Brown-Harris-Stevens-Volkswirt Gregory Heim auf einem Symposium.

„Uns fehlt das Produkt“, klagen Makler aller Firmen, womit sie den Mangel an Wohnimmobilien meinen, die zum Verkauf stehen. Branchenexperten begründen den Nachfrageboom zusätzlich mit dem steigenden Einkommen der Amerikaner und ihrem größeren Vertrauen in die wirtschaftliche Zukunft. „Wer auf ein Abkühlen der Preise gewartet hat, wartet seit langem“, sagt Heym. Die fundamentalen Daten der Wirtschaft, „die schon letztes Jahr robust waren, haben sich sogar verbessert“. Landesweit sind die Preise für Wohnimmobilien im April – neuere Zahlen liegen nicht vor – gegenüber dem Vorjahresmonat um 18,4 Prozent gestiegen, berichtet die National Association of Realtors.

Selbst US-Notenbank-Chef Alan Greenspan macht sich keine Sorgen über eine neue Blase auf dem Immobilienmarkt. Nur auf einigen lokalen Märkten der USA sei etwas „Schaum“ zu beobachten, nicht aber auf Landesebene, sagte er. Auf dem US-Immobilienmarkt hat es seit drei Jahrzehnten keinen mit dem Aktienmarkt vergleichbaren Preissturz gegeben. Häuser und Wohnungen können nicht so schnell verkauft werden wie Wertpapiere, und Verkäufer ziehen Immobilien häufig zurück, wenn sie den gewünschten Preis nicht erhalten. Die Gefahr für die Gesamtwirtschaft im Falle sinkender Immobilienpreise ist nach Einschätzung von Experten deshalb gering.

Es sieht nicht so aus, als ob eine Abkühlung der Wohnimmobilienpreise unmittelbar bevorsteht. Neunmal hat die US-Notenbank die kurzfristigen Zinsen erhöht, zuletzt auf 3,25 Prozent. Die langfristigen Zinsen und damit auch Hypotheken sind in dieser Zeit gesunken. Und Kreditgeber offerieren riskante Finanzierungsarten, um den Boom aufrechtzuerhalten. Das Neueste sind Hypotheken, die erst nach fünf Jahren verzinst werden.

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