• Der hohe Preis hoher Löhne - Gewerkschafter wollen deutliche Tariferhöhungen ... und was wollen die Arbeitslosen?

Wirtschaft : Der hohe Preis hoher Löhne - Gewerkschafter wollen deutliche Tariferhöhungen ... und was wollen die Arbeitslosen?

Rainer Hank

Niemand wird die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft zur Lohnführerin machen. Schon gar nicht in der Metall- und Elektroindustrie stellt. Denn in dieser Branche gibt es nur eine Gewerkschaft, die etwas zu sagen hat - die IG Metall. Gleichwohl ist der Vorgang nicht ganz vernachlässigbar: Mit einer Forderung von sechs Prozent hat die DAG jetzt die Metall-Tarifrunde des Jahres 2000 eröffnet. Kann sich jemand vorstellen, dass der IG-Metall-Chef Klaus Zwickel hinter dieser Zahl zurück bleiben kann?

Noch ist nichts gewiss. Denn die IG Metall wird ihre Leitzahl erst am 11. Januar nennen. Das Datum dient bislang als Drohkulisse im Bündnis für Arbeit. "Deutlich über vier Prozent", heißt Zwickels Formel. Nach den Erfahrungen des Jahres 1999 muss man die Drohung ernst nehmen. Damals hatten die Gewerkschaften die Erwartungen über vier Prozent geschraubt und dies auch durchgesetzt. Die Metallunternehmen sagen, sie seien angesichts der Vernetzung der Branche und des international verschärften Wettbewerbs nicht mehr zum Kampf, sprich zur Aussperrung fähig. Auch das muss man ernst nehmen: Wenn die IG Metall eine Lohnerhöhung über vier Prozent will, wird sie das auch bekommen.

Darum ist die Lage vertrackt. Noch im vergangenen Sommer sah es aus Sicht der Gewerkschaften einfacher aus: Die IG Metall, Erfinderin des Bündnisses für Arbeit, setzte darauf, am Tisch des Kanzlers die Zustimmung zur Rente mit 60 zu erhalten. Zwickels Programm der Frühverrentung entspricht ganz und gar gewerkschaftlicher Strategie. Denn es setzt auf Arbeitsumverteilung. Zwar ist auch der IG Metall bewusst, dass eine Verkürzung der Lebensarbeitszeit für die Rentenversicherer reines Gift wäre, weil es die ohnehin schon problematische Finanzierung der Alterssicherung noch weiter gefährdete. Doch als Gewerkschaft müsse man an erster Stelle den Blick auf den Arbeitsmarkt richten, so lautete die offizielle Antwort der IG Metall.

Inoffiziell verheimlichen die Funktionäre der Gewerkschaft nicht, dass es der Organisation an einem einheitsstiftenden Thema gebricht, seit die 35-Stunden-Woche in Tarifverträge gegossen wurde. Die "Rente mit 60" war dafür organisationspolitisch zur Nachfolgerin bestimmt. Zwar ist richtig, dass auch viele junge Gewerkschaftsmitglieder nicht recht einsehen wollen, warum sie einen Teil ihrer Tariferhöhung zur Finanzierung des komfortablen Vorruhestandes von Kollegen aufwenden sollen, die eine relativ stabile Erwerbsbiographie vorzeigen können. Doch das sei eben das Wesen von Solidarität, kontern die IG-Metall-Funktionäre: Alle müssten zum Teilen bereit sein, damit jüngere Arbeitnehmer auf Arbeitsplätze nachrücken können, die Ältere verlassen.

Weil die Rente mit 60 aus Gewerkschaftssicht so viele Vorteile vereint, hält Zwickel auch so verbissen daran fest. Die Arbeitgeber sollen wissen, dass die Zustimmung dazu immer noch das kleinere, weil billigere Übel für sie wäre. Das größere Übel ist die "saftige Lohnforderung", das Höllenübel aber wäre die 32-Stunden-Woche. Nichts schreckt Unternehmern mehr als eine weitere Verkürzung der Wochenarbeitszeit. Geschickt lockt Zwickel deshalb jetzt mit einem Fünfjahres-Deal: Keine Wochenarbeitszeitverkürzung, dafür Rente mit 60 und die Zusage einer moderaten Tarifpolitik. Was moderat ist, weigert sich Zwickel freilich zu beziffern.

Niemand soll die Absicht merken. Ob die Arbeitslosen es begreifen? Die IG Metall droht: Entweder wir vernichten viele Arbeitsplätze durch Abschlüsse jenseits jeglicher Vernunft oder wir vernichten nicht ganz so viele Arbeitsplätze durch eine Verteuerung der Lohnnebenkosten bei der Rente mit 60. Wenn heute die Arbeitsmarkt-Statistik veröffentlicht wird, wäre ein Tag, über diese perfide Logik zu sprechen. Aber wahrscheinlich lassen sich viele Sand in die Augen streuen angesichts einer leichten Besserung der Beschäftigung aus rein demographischen Gründen. Wenn die Arbeitslosen eine Gewerkschaft hätten, dann würden jetzt sie streiken - gegen die IG Metall.

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